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Markus Berges: Ein langer Brief an September Nowak

© Matrix Buchkonzepte, C. Modi & M. Orlowski; Ekimas (Autorenfoto)

Wer die Kölner Band Erdmöbel nicht kennt, hat etwas verpasst. Nicht wenige halten ihre Musik und ihre Texte für konkurrenzlos gut, etwa die Zeitschrift Rolling Stone: «Unwiderstehliche Popsongs, Momente für die Pop-Ewigkeit». Krokus, das neue Album der Gruppe, enthält einen Song mit dem Titel September Nowak. Markus Berges, Sänger und Songwriter von Erdmöbel, hat nun sein Romandebüt vorgelegt: Ein langer Brief an September Nowak - die Geschichte der rabiaten Entzauberung einer jungen, etwas naiven Frau – und eine Meditation über die Möglichkeit, aus dem tiefsten Unglück einen Weg herauszufinden. «Ein Buch, das die Oberfläche zerkratzt, bis das wahre Leben sichtbar wird» (Spiegel Online). «Eine melancholische Geschichte über die Willkürlichkeit und Unausweichlichkeit von Identität in federleichten Worten. Wunderschön!» (Musikexpress).

Niemand hat den Reiz von Markus Berges' Erdmöbel-Texten schöner beschrieben als Alex Rühle in der Süddeutschen Zeitung: «Darf man das hier mal? Als Kritiker sich einfach nur mal ekstatisch auf ein Konzert freuen? Auf den Moment, an dem Markus Berges in der Münchner Muffathalle all diese deutschen Wortungetüme verzaubern wird? Sillageplane. Nothammer. Niederrheinexpress. Oder das fünfsilbige Nord-Rhein-West-Faaaaaa-Len? (...) All diese rechtwinklig grauen Funktionswörter, Wörter, die normalerweise klingen wie konsonantische Auffahrunfälle oder als seien sie die Erfindung eines missgelaunten Verwaltungsbeamten, fangen an zu schweben.»

«Bezaubernde Entzauberung»

Wie hatte sich Betti Lauban, die 19-jährige Abiturientin aus Warendorf, auf ihre erste große Alleinreise gefreut. In Monaco würde sie ihre langjährige Brieffreundin September Nowak erwarten. Da sie schon zu Beginn des Kontakts vereinbart hatten, sich nie ein Foto zuzuschicken, sondern der Magie des geschriebenen Worts zu vertrauen, hat Betti ein klares Bild, wie September sein muss. Reich und glamourös – wer logiert schon unter der Adresse Palais Armida, 1 Boulevard de Suisse, im Reichenparadies Monaco, verbringt die Winterferien in Skihütten und den Sommer im Freibad im Yachtzhafen? Schlank, schön, mondän – September hat sich als ambitionierte Schwimmerin und Balletttänzerin beschrieben. Eine Lichtgestalt muss diese junge Französin sein, so viel steht fest.

Und dann das: Die junge Frau, die sie in Nizza am Bahnhof abholt, ist auf den ersten Blick für Betti der reinste Horror. Sie war fett, überall am Körper, vielleicht 150 Kilo schwer, und geradezu bemitleidenswert hässlich. Natürlich wohnt sie auch in keinem Luxuspalais, sondern in einer miesen Absteige in Nizza. Und heißt auch nicht September Nowak, sondern Nicole Nixi. Betti fühlt sich betrogen und ausgenutzt, verraten und verkauft. Aber ist sie nicht sehenden Auges in die Falle gelaufen? September Nowak war nur eine Lüge, und sie, Betti, hätte es wissen müssen.

Autoreninfo

Markus Berges, geboren 1966 in Telgte, studierte Germanistik und Geschichte und arbeitete als Psychiatriepfleger und Lehrer. Als Sänger und...
mehr über den Autor
«Fast war es so gewesen. Bis auf das Wesentliche …»

Betti hätte auf der Stelle kehrtmachen können. Aber es war doch ihre erste richtige Reise. Der erste Aufbruch von zu Hause, den sie sich als Ausbruch aus der Warendorfer Enge erträumt hatte. Wenige Stunden und viele Tränen später fasst sie einen Entschluss: Es ist Sommer, sie ist jung, ihr Geld reicht für einige Zeit – wieso sich also nicht einfach treiben lassen, allein und hungrig nach dem wahren Leben? Als Ingrid, eine exzentrische Deutsche, ihr anbietet, sie und ihren Sohn Anders in ihrem Wohnmobil Richtung spanische Grenze zu begleiten, sagt sie zu.

Also zieht Betti weiter, desillusioniert, aber jetzt erst hungrig nach dem großen Kick. Durch Frankreich, nach Marseille, bis nach Portbou an der spanischen Grenze geht es. Dort, wo der deutsche Philosoph Walter Benjamin auf der Flucht vor den Nazibarbaren endgültig kapitulierte und seinem Leben ein Ende setzte. Hier schließt sich einer anderen Familie an, lernt die Gefahren des Atlantiks kennen, den Rausch, die Begierde – und erfindet sich eine neue Identität. Sie kehrt kurzerhand die Betti/September-Rollen um, erzählt von sich als September, deren deutsche Brieffreundin Betti kurioserweise bei ihr zu Hause aufgekreuzt sei, den Kopf voller Flausen und irrer Bilder …

Die Welt am Stil

Berges verwischt in seiner luziden Prosa die Grenzen zwischen Realität und Wunschbild. Nein, dies ist nicht das, was man sich unter einem Poproman vorstellt oder einem Musikerroman. Nichts würde den Erdmöbel-Poeten (und Berufsschullehrer mit halber Stelle) Markus Berges weniger interessieren: «Es geht im Roman um verschiedene Ebenen von Kunsterlebnissen: Geschichten erzählen, sich erlauben, total rumzuspinnen. (…) Im Roman muss ich jedes verdammte Problem selber lösen; wenn ich einen Song habe und ihn der Band gebe, ist es oft so, dass ich das Ding viel besser zurückbekomme, als ich es geschrieben habe.»

Zu den raffiniertesten Einfällen zählt der im letzten, mit PS überschriebenen Kapiteln erzählte Schlenker: Auf «Monaco, 2006», einer von Andreas Gurskys berühmten Fotoarbeiten, glaubt Betti sich Jahre später selbst zu entdecken. In jenem Stade Nautique, Monacos Schwimmstadion im Hafen, aufgenommen aus der Vogelperspektive (oder à la Google Earth): ein kleines Pünktchen in der großen, weiten Welt auf der Suche nach dem Glück.