Die Bestellung unserer E-Books ist momentan aus technischen Gründen nicht möglich.

Artikelempfehlung versenden

E-Mail-Adresse des Empfängers*

Wenn Sie mit der Empfehlung dieses Titels eine Nachricht an den Empfänger versenden wollen, tragen Sie den Text bitte hier ein:

Ihre eigene E-Mail-Adresse*

(* = Pflichtfelder)

Marion Gräfin Dönhoff: Namen, die keiner mehr nennt

© picture-alliance/dpa, Fotograf: Hans-Peter Stegenwalner; Archiv Marion Dönhoff Stiftung

Diese 1961 zum ersten Mal erschienene Sammlung mit sechs Texten über Ostpreußen zählt zu den schönsten Büchern der «Gräfin». «Damals», schreibt Marion Dönhoff im Vorwort, «lagen die Trennung von meiner ostpreußischen Heimat und der Schmerz, den dies bedeutete, weit genug zurück, um sich nüchterner, als dies zuvor möglich gewesen wäre, Rechenschaft darüber zu geben. Andererseits war alles noch so nah, dass mir jede Einzelheit deutlich genug vor Augen stand, um darüber schreiben zu können.»

Ostpreußen – verlorenes Paradies

Dass sechs Jahrhunderte Dönhoff’scher Familiengeschichte als Folge von nazideutschen Kriegsverbrechen und der Vergeltungsorgie der Roten Armee ausgelöscht wurden, hat die Gräfin bis zu ihrem Tod 1992 geschmerzt. Sie hat ihr Leben lang für Frieden und Aussöhnung mit den osteuropäischen Ländern gestritten, ein Engagement, für das sie u.a. mit dem Theodor-Heuss-Preis und den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezichnet wurde. Und doch verschwand der Schmerz über den Verlust der osteuropäischen Heimat niemals ganz. «In den ersten Jahren konnte ich es nicht glauben, wollte es nicht wahrhaben, hoffte gegen alle Vernunft immer noch auf ein Wunder. Dass ist nun lange her. Inzwischen weiß ich: Diesmal gibt es kein Zurück. Was jener Wahnsinnige verspielt hat, lässt sich nicht zurückgewinnen.»

Mit großer Eindringlichkeit zeigen diese Texte, was Ostpreußen für Marion Gräfin Dönhoff bedeutete – wie auch für unzählige anderer, die damals in jener Lawine aus Menschen, Tieren und zuammengerafften Habseligkeiten vor den russischen Panzern Richtung Westen flohen. Sie schreibt über die Landschaft ihrer Kindheit und Jugend, die wunderbare Natur der Masuren, die sie auf ihrem Pferd durchquerte, aber auch über den Verlust von ihr nahe stehenden Menschen nach dem missglückten Attentat vom 20. Juli 1944 und die gefahrvolle Flucht mit ihrem Pferd über Hunderte von Kilometer bis ins westfälische Vinsebeck.

Es gibt mehrere Gründe, weshalb Marion Dönhoffs Erinnerungsbuch Pflichtlektüre für die Schule sein müsste. Weil es bei seinem Erscheinen 1961 Tabus revanchistischer politischer Kreise brach und Willy Brandts epochalen Kurswechsel in der Ostpolitik mit vorbereitete. Weil es Krieg und Vertreibung in ihrer ganzen Schrecklichkeit zeigt. Und weil es in einer poetisch leuchtenden Sprache die Wichtigkeit von Landschaft für unseren Seelenhaushalt, für das Gefühl von Heimat und Aufgehobenheit unterstreicht. Denn Landschaft «gehört ohnehin niemandem, allenfalls dem, der imstande ist zu lieben, ohne zu besitzen.»

All die schönen Namen …

Es sind die schwelgerischen Schilderungen dieser intakten, bezaubernden Natur, die den Schmerz über das verlorene Paradies Ostpreußen auch uns Nachgeborenen verständlich machen. «Es ist ein Buch des Abschieds. Abschied von den Bildern meiner Jugend: ein großer Himmel, der sich über weiten Feldern wölbt, bescheidene Dörfer, Kopfsteinpflaster, Sonnenblumen im Vorgarten, Gänsen auf den Straßen und allenthalben jene herrlichen Alleen, die im Westen dem motorisierten Verkehr geopfert wurden …

Abschied von einer versunkenen Welt, in der die Jahreszeiten den Rhythmus des Lebens noch ganz unmittelbar bestimmten: das weidende Vieh auf sommerlichen Wiesen, Regenwolken über leeren Stoppelfeldeern, der Schrei der Wildgänse, die im Frühjahr gen Norden ziehen, der Ruf der Häher im herbstlichen Gehölz, die Fuchsspur im frisch verschneiten Wald. Abschied auch von der vorindustriellen Gesellschaft, in der die Beziehungen der Menschen zueinander noch nicht so vielfältig versachlicht waren … In jener Welt war noch Platz für Vogel, Fischotter, Marder und Iltis, die in der heutigen intensiv wirtschaftenden Gesellschaft keinen Lebensraum mehr finden. Seeadler, Kraniche und der große Brachvogel fanden noch verschwiegenen Brutplätze, und in den Feldern und an Wegrändern wuchsen Mohn- und Kornblumen, die der Verbreitung von Chemikalien aller Art noch nicht hatten weichen müssen.»

Und noch einmal wollte Marion Gräfin Dönhoff all die schönen Namen der Gutshöfe nennen, Quittainen, Pergusen, Skolmen, Amalienhof, Groß und Klein Thierbach, Canditten und die vielen anderen – «Namen, die nun keiner mehr nennt».