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Margot Friedlander/Malin Schwerdtfeger: «Versuche, dein Leben zu machen»

Fünfzehn Monate im Berliner Untergrund: Als Margot Bendheim, 21, erfährt, dass ihr Bruder Ralph von der Gestapo abgeholt wurde, weiß sie, dass ihr kein anderer Überlebensweg mehr bleibt als der Untergrund. Ihre Mutter geht einen anderen Weg, wie eine letzte Botschaft an ihre Tochter unmissverständlich zeigt: «Ich habe mich entschlossen, mit Ralph zu gehen, wohin immer das auch sein mag. Versuche, dein Leben zu machen …»
Jürg Altwegg, Kulturkorrespondent der FAZ, hat für die Rowohlt Revue Margot Friedlanders Buch gelesen, das sie gemeinsam mit der Berliner Schriftstellerin Malin Schwerdtfeger geschrieben hat.

Fünfzehn Monate im Berliner Untergrund

«Vor einem Jahrzehnt besuchte Margot Friedlander in New York einen Schreibkurs für Memoi ren. Ihr Mann, der mit Deutschland nichts mehr zu tun haben wollte, war gerade gestorben. Die anderen Teilnehmerinnen wollten über ihre Familien, ihre Kinder, ihre Haustiere schreiben. Die alte Frau brachte keinen Satz aufs Papier. Obwohl sie im Gegensatz zu den anderen wirklich eine Geschichte in sich trug. Und der Tod ihres Gatten, mit dem sie sich in Theresienstadt verheiratet hatte, die Schleusen der Vergangenheit öffnete. «Seit ich mit fünfundzwanzig Jahren aus Deutschland fortgegangen war, hatte ich nie wieder meine größten, tiefsten Gefühle in meiner Muttersprache ausgedrückt.»

Zehn Jahre später liegt die Geschichte als Buch vor. Sie beginnt am 20. Januar 1943 in der Skalitzer Straße in Berlin. Margot kommt von der Arbeit. Vor ihr geht ein Mann, der vor ihr das Haus betritt. Mit der Handtasche kaschiert sie den gelben Stern. Irgendeine Fügung, Intuition, Geistesgegenwärtigkeit lenkt ihre Schritte nicht in die eigene Wohnung, sondern zu den Nachbarn. Tatsächlich ist der Mann gekommen, um sie abzuholen. Bruder Ralph ist bereits in der Gewalt der Nazis. Die Mutter stellt sich freiwillig, um ihn nicht alleinzulassen. Beide werden nicht aus Auschwitz zurückkehren.

Ein paar Stunden bleibt Margot in der Nachbarswohnung. Dann taucht sie unter. Lässt sich die Haare färben. «Versuche, dein Leben zu machen», hatte ihr die Mutter zum Abschied auf einem Zettel notiert. Mehr als ein Jahr lebt die junge Frau nach der Deportation ihrer Angehörigen in wechselnden Verstecken. Deutsche Regimegegner helfen ihr. Sie lässt sich die Nase von einem Chirurgen operieren und trägt ein kleines Kreuz am Hals. Jüdische Greifer, die von den Nazis zur Kollaboration genötigt wurden, verraten sie.

Hoffnung, Zivilcourage, Verrat

Im Konzentrationslager heiratet sie Adolf Friedlander, den sie aus Berlin kennt. Sie wäre wohl in Deutschland geblieben – ihr Gatte will nach Amerika, wo er Familie hat. Als das Schiff an der Freiheitsstatue vorbeifährt, muss sie daran denken, dass sie und ihre Familie zehn Jahre früher von diesem Land nicht auf genommen werden wollten.

Margot Friedlanders Memoiren sind eine Rückkehr zur Sprache ihrer Herkunft. Sparsam bedient sie sich ihrer; fast nüchtern. Denn für ihre Gefühle, Emotionen, Ängste gibt es auch im Deutschen keine Worte. Ein Film über das Schicksal von Margot Friedlander hatte die Bereitschaft zum Schreiben verstärkt. Entstanden ist ein dramaturgisch raffiniert komponiertes, extrem spannend zu lesendes Buch. Die ungewöhnliche Geschichte geht mit der Auswanderung im Alter von 25 Jahren zu Ende. Gerne aber hätte der Leser auch etwas über die amerikanischen Jahre dieser außergewöhnlichen Frau erfahren.»