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«Philosophische Probleme sind Kinderfragen, die auch Erwachsene noch beunruhigen können …» Der Sprach- und Literaturwissenschaftler Manfred Geier hat sich einen Namen durch Bücher gemacht, in denen er philosophische Themen verständlich darlegt (zuletzt bei Rowohlt: Kants Welt, 2003, und Worüber kluge Menschen lachen, 2006). Nun legt er die erste Doppelbiographie der Humboldt-Brüder vor: Wilhelm von Humboldt (1767–1835), Philosoph, Sprachforscher und preußischer Staatsmann; Alexander von Humboldt (1769–1859), Naturforscher und Weltreisender. Beide waren sich ein Leben in inniger Zuneigung verbunden – und doch grundverschieden.
Wie verschieden Brüder sein können! Wilhelm: frauenschwärmerisch und familiär orientiert, introvertiert und doch leidenschaftlich interessiert an der «deutschen Sache». Alexander: unverheiratet, sexuell auf Männer fixiert, ein Kosmopolit, den es in die weite Welt der unentdeckten Natur hinauszog.
«Alexander hat von früh nach außen gestrebt, und ich habe mir ganz früh schon nur ein inneres Leben gewählt, und glaube mir, darin liegt alles …», notierte Wilhelm von Humboldt in einem Brief. Wilhelm und Alexander: Nationalgefühl vs. Weltbewusstsein (oder, wie es Wilhelm von Humboldt einmal polemisch auf den Punkt brachte: deutscher Geist vs. französischer Esprit). «Was das Sonderbare ist», schrieb Wilhelm am 16. März 1814 in einem Brief an seine Frau Caroline von Dacheröden, «so gleichen wir uns doch eigentlich in tausend Stücken. Für einen dritten muß es kaum zwei Leute geben, über die es so amüsant sein muß, sich vergleichend zu mokieren.»
Seit Daniel Kehlmanns Welterfolg Die Vermessung der Welt und der Neuausgabe des monumentalen Werks Kosmos, an dem er bis in seine letzten Lebenstage arbeitete, ist der jüngere Humboldt-Brüder einem breiteren Publikum bekannt: Als der Mann, der die halbe Welt bereiste und dabei kaum einen Berg, ein Tal, einen Fluss unvermessen ließ, ein Naturforscher von stupender Gelehrsamkeit, der in fast allen Forschungsbereichen das Wissen seiner Zeit bereicherte. «Für mich war es eine große Herausforderung, die vertraute Nähe und gleichzeitige Fremdheit der Brüder darzustellen», sagt Manfred Geier, der sich bereits in seiner Habilitation als Linguist mit den sprachwissenschaftlichen Forschungen des älteren Humboldt auseinandersetzte.
Der in Hamburg lebende Publizist und Privatdozent hat einen ganz eigenen Stil der Wissenschaftsprosa entwickelt, das signalisieren schon die Kapitel-Überschriften seines Humboldt-Buches. «Erstes Kapitel: Eine traurige frühe Jugend. Warum die beiden Kinder die Natur lieben, während sie sich von den Menschen gequält fühlen.» Oder: «Zehntes Kapitel: Ich bereue nicht, was ich gethan habe. Wie die Brüder Humboldt im Alter doch noch das Glück genießen, gemeinsam an einem Ort zu leben und ihre Alterswerke schreiben zu können.»
Mit Spannung folgen wir den Humboldts auf ihren Bildungs- und Lebenswegen. Die Tegeler Hauslehrer Campe und Kunth; die Berliner Lesegesellschaft, in der Alexander und Wilhelm als jüngste Teilnehmer mitlesen und mitdiskutiueren; die Inspiration durch Immanuel Kant, Moses Mendelssohn und Georg Forster; Wilhelms Geliebte, Alexanders «Männerpersonenbekanntschaften»; die Französische Revolution von 1789 als «Weltenende», als Fanal der Aufklärung; die Freundschaft mit Goethe und Schiller; Alexanders Lehrzeit an der Freiberger Bergakademie, die Forschungsreise mit dem Mediziner und Botaniker Aimé Bonpland durch die tropischen Wälder am Orinoko und über die Anden-Kordilleren (Juni 1799 –August 1804); Wilhelm von Humboldt als Geheimer Staatsrat und Chef des preußischen Erziehungswesens (und Gründer der Friedrich-Wilhelms-Universität, seit 1949 Humboldt-Universität); schließlich die Arbeit an ihren schriftstellerischen Lebenswerken.
2009 jährte sich Alexander von Humboldts 150. Todesjahr, 2010 feiert die von Wilhelm von Humboldt mitbegründete Berliner Universität ihr 200jähriges Bestehen. Und das Humboldt-Forum am Berliner Schlossplatz nimmt konzeptionell Konturen an. Wer sich aus diesem oder jenem Anlass mit dem wohl bekanntesten Brüderpaar der deutschen Geistesgeschichte befassen möchte, sollte unbedingt zu Geiers Doppelbiographie begreifen.