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Lucy Fricke: Ich habe Freunde mitgebracht

© Dagmar Morath, plainpicture / AWL-Images

Am Anfang ein Stimmungsbild. Martha, Betty, Jon und Henning, alle vier „jenseits der dreißig“ auf dem Weg an die Ostsee. Martha, erschöpft am Lenkrad, auf dem Beifahrersitz. Betty, schlafend, abwesend, wie seit Wochen schon, hinter ihnen Jon und Henning. «beide angeblich schwer verletzt». Auf den ersten Blick ein Bild des Elends, dann die Volte: ernsthaft zu Schaden gekommen, ist keiner.

«Ein wunderschöner, kleiner Roman ... über das Leben, das viel nimmt. Aber auch viel schenkt.» (Neon)

Flucht ist immer eine Option

Die Eingangssszene greift dem letzten Kapitel des Romans vor, es heißt «Flucht ist immer eine Option». Das erste Kapitel heißt «Wege zum Ruhm». Es spielt in Berlin. In kurzen Sequenzen, detailgenau und pointiert, erzählt Lucy Fricke, wie anders die Realität der Freunde aussieht. Martha, Nachrichtensprecherin beim Funk, Hennig, angestellter Comiczeichner, das Skriptgirl Betty, Geliebte des verheirateten Chefs, Jon, der Schauspieler, der es nur bis zu Leichenrollen gebracht hat, leben in einer Warteschleife - bis die Autorin am Glücksrad dreht.

Martha erwartet ihr Wunschkind, Henning erhält den Auftrag für einen eigenen Comic, Jon die Hauptrolle in einem Film, Betty, der alles zuviel ist, schmeißt die Arbeit hin und ist den Liebhaber los. Fricke imitiert Verhaltensmuster, beschreibt das Kreuzberger Laisssez-faire ebenso das Gehabe der Medienszene und zeigt die Banalität hinter dem Schein. Jon, zum Beispiel, bekam die Rolle, weil er dem Mann, den er darstellen soll, ein Nobelpreisträger aus Lübeck, wie aus dem Gesicht geschnitten ist. Nur den Bart musste er sich wachsen lassen.

Autoreninfo

Lucy Fricke, 1974 in Hamburg geboren, hat lange als Script/Continuity gearbeitet, bevor sie am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studierte. 2005...
mehr über die Autorin
Zu schön, um wahr zu sein?

Selbstverständlich ist das zu schön, um wahr zu sein. Jon wird gefeuert, Hennings Comic, ein Ladenhüter, Martha verliert das Kind, Betty legt alles parat, um sich umzubringen. Dann braucht die eine die andere und der eine den anderen, und schon sitzen sie, blessiert, wie sie sind, im Auto und fahren an die Ostsee, denn Jon hatte gesagt, er wolle nach Hause, «zu meiner Mutter». Die spendiert den Freunden - Marthas Auto springt nicht mehr an - einen tukanblauen, riesigen Mercedesbus, Baujahr 1974.

Sie lachen ihr Unglück weg und träumen vom Glück. Henning will nach Tampere, Jon nach Nowosibirsk, Betty nach Cadiz, Martha bloß los. Am Ende ist jedem klar, mit diesem Monstrum an Bus werden sie in Kreuzberg nie einen Parkplatz finden. Ein übermütiger, heiterer Schluss. Die Botschaft, dass Wünsche die Wirklichkeit beleben, vernimmt man gern.

(Aus: Rowohlt Revue 90, Autorin: Agnes Hüfner)