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Loki Schmidt: Das Naturbuch für Neugierige

© ullstein bild (Autorenfoto); dpa

Loki Schmidt war eine leidenschaftliche Naturforscherin, eine Botanikerin von internationalem Ruf. Eine mexikanische Bromelie – ein Ananasgewächs – wurde ebenso nach ihr benannt (Pitcairnia loki schmidtiae) wie ein aparter kugeliger Skorpion (Tytius lokiae). 1976 gründete die Frau von Altkanzler Helmut Schmidt die «Stiftung zum Schutze gefährdeter Pflanzen»; die Universität Hamburg verlieh ihr eine Ehrenprofessur für ihr Lebenswerk.
Gemeinsam mit dem Biologen und Naturfilmer Lothar Frenz bringt Loki Schmidt uns in ihrem Naturbuch für Neugierige (jetzt neu als Taschenbuch) einen ganzen Kosmos faszinierender Pflanzen und Tiere näher. Ein Buch wie ein Naturspaziergang – lehrreich und erquickend, entspannend und inspirierend.


Ihre ersten Worte sollen «Mama», «Papa» und «Frau Mantel» gewesen sein. Nicht nur für «Frau Mantel, eine Pflanze aus der Gattaung der Rosengewächse, interessierte sich das Kind Loki, sondern auch für die unterschiedlichen Arten von Löwenzahn und viele andere ziemlich spezielle Dinge.

Was da alles kreucht und fleucht

Gerade Menschen, die zur Natur eine eher nüchterne, distanzierte Beziehung pflegen (und daher Gerste nicht von Hafer und Elstern nicht von Raben unterscheiden können), werden sich bei der Lektüre dieses wunderbaren Naturleitfadens fragen: Wieso habe ich nicht schon früher genauer hingeschaut? Denn das hat Loki Schmidt schon als Volksschullehrerin damals ihren Schülern beizubringen versucht: Schaut hin, schaut genau hin! «Denn spannende Geschichten schlummern selbst im Pfefferkorn, im Blumenkohl oder in der vermeintlichen Einöde des Rasens – allesamt Geschichten aus dem Leben von Pflanzen und Tieren, dazu der Erdgeschichte und der Kulturgeschichte des Menschen.»

Was es hier nicht alles zu bestaunen gibt! Weshalb der weiße Pfeffer so viel wertvoller ist als sein schwarzer Bruder. Was eigentlich Obst und was Gemüse ist. Wo in Deutschland noch wilder Kohl wächst. Weshalb die Silberfischchen in unserer Küche Relikte aus der Urzeit sind. Auf welche Weise der Regenwurm zum Frühlingsboten wird – und wie im Ameisenstaat Ammen umsichtig für die Ameisenbabys sorgen. Weshalb die Eiche nicht nur ein Symbol für die Ewigkeit ist, sondern auch der Lebensraum zahlloser Tiere. Oder dass die Krause Glucke, auch bekannt als Fette Henne, ein Pilz ist. Und der Monarchfalter, ein Schmetterling, alljährlich bis zu 3600 Kilometern durch den nordamerikanischen Kontinent wandert – «allerdings in mehreren Generationen. Unterwegs legen die Falter Eier – und die daraus entstehenden nachfolgenden Generationen ziehen weiter.»

Bärtierchen sind die wahren Extremisten der Natur: radikale Überlebenskünstler, wirklich wilde Gesellen. Mit ihnen verglichen sehen Extremalpinisten wie Reinhold Messner oder die Huber-Buben wie tapsige Kitakraxler aus ... «Bei ungünstigen Lebensbedingungen begeben sich Bärtierchen in einen Zustand zwischen Leben und Tod – sie sind zur ‹Kryptobiose› fähig, einer Art Trockenstarre, bei der sie die Stoffwechselaktivität beinahe völlig einstellen. Dabei sinkt ihr Wasserhaushalt von etwa 86 auf nur noch 3 Prozent. Währenddessen ziehen sie sich in selbstgemachte Tönnchen zurück und überleben in dieser Form sogar Aufenthalte in hundertprozentigem Alkohol, ein Kochen bei über 150 Grad Celsius und ein Einfrieren in flüssigem Helium bei minus 270 Grad Celsius, völligen Sauerstoffentzug, Vakuumbedingungen und hohe Strahlungsmengen, wie sie nur im Weltall vorkommen.»

Besonders ans Herz legen möchte ich Ihnen das 9. Kapitel: «Die Wildnis am Brahmsee», es ist wie geschaffen zum Einlesen in das Naturbuch für Neugierige. 1985 kauften die Schmidts ein Grundstück direkt neben ihrem Feriendomizil am Brahmsee. Ein Bauer hatte den ehemaligen Roggenacker seit einem Jahrzehnt brach liegenlassen. Loki Schmidt nutzte (und nutzt) diese Fläche zu einem einzigen Zweck: «zu beobachten, wie die natürliche Sukzession, also die Abfolge der wandernden Pflanzenarten, ganz ohne menschliche Eingriffe abläuft.» Birken bildeten bald einen kleinen Hain, Eichen kamen hinzu, Spätblühende Traubenkirschen, Esskastanien, Dutzende Baum- und Buscharten, Schmetterlinge, Ringelnattern, Marder, Mauswiesel, Füchse … Heute ist der ehemalige Roggenacker am Brahmsee ein Stück deutscher Urwald. Konsequent, wie sie sind, stellten Loki und Helmut Schmidt diese wilde Pracht der Universität Kiel als Exkursions- und Forschungsgelände zur Verfügung. Aber auch jeder andere Besucher ist herzlich willkommen, vorausgesetzt, er respektiert die Besonderheiten dieses Fleckchens Erde.

Von Wildgänsen, Wasserwundern und Sicherheitsbeamten

Dass sich das alles so kurzweilig liest, hat auch mit den schlauen Gedanken zu tun, die sich die beiden Autoren und ihr Lektor über die formale Seite dieser Naturexkursionen gemacht haben. Kurze Interviewpassagen wechseln mit analytisch-beschreibenden und erzählenden. Es ist eine Freude, Loki Schmidts bekannt zupackend norddeutsche Art, ihren wachen Pragmatismus und warmherzigen Humor, auch hier auf jeder Seite zu finden.

Etwa wenn sie gesteht, dass niemand, der sich in ihrer Nähe aufhalte, eine Chance habe, «uninfiziert» von ihrer Naturbegeisterung zu bleiben. So erzählt sie etwa von jenem Sicherheitsbeamten erzählt, der sie hoch über den Straßen von Big Apple einmal außerordentlich verblüffte: «Einmal waren mein Mann und ich auf dem World Trade Center, den Twin Towers in New York. Plötzlich schrie einer der Sicherheitsbeamten laut auf: ‹Wildgänse! Wildgänse! Wildgänse!› Und er hatte recht. Es war ein wunderschönes Bild, die untergehende Sonne über Manhattan und davor ein Keil von Wildgänsen ...»

Eine andere Episode aus der Rubrik «Mein Sicherheitsbeamter und ich» ist noch schöner. Loki Schmidt erzählt: «Es war irgendwo bei Bremerhaven. Ich hatte damals noch einige Sicherheitsbeamte aus Bonn dabei, zwei Wagen, also auch zwei Fahrer, und dazu vier Personenschützer. Da habe ich sie alle in ein Fischrestaurant am Deich eingeladen. Das stand natürlich auf der Binnenlandseite, aber das kleine Häuschen guckte über die Deichkrone hinweg. Es war Flut. Wir haben uns alle Fisch bestellt, das fanden wir passend, und wir aßen ganz gemütlich. Plötzlich schreit einer der erwachsenen Männer auf: ‹Das Wasser, das Wasser! Das Wasser ist weg!› Das war richtig komisch. Ich sagte nur: ‹Es ebbt.›»