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Lloyd Jones: Mister Pip

© any.way, Sarah Heiß

Für Mister Pip erhielt Lloyd Jones, Neuseelands international bekanntester Autor, nicht nur den Commonwealth Writers’ Prize, er schaffte auch den Sprung auf die Shortlist für den Booker Prize 2007. «Eines der besten Bücher dieses Jahres! Herzzerreißend, poetisch und voller Überraschungen» (Isabel Allende), «eine bildgewaltige Fabel … klar, pointiert und von einer kraftvollen Ruhe» (Süddeutsche Zeitung).

Mit seinem Roman erinnert Jones an den fürchterlichen Bürgerkrieg, der – von der Weltöffentlichkeit praktisch unbemerkt – in den 1990-er Jahren die Insel Bougainville im Südpazifik verwüstete und ein Zehntel der Bevölkerung das Leben kostete. Geographisch gehört Bougainville zum Salomonen-Archipel, politisch bildet sie mit der Nachbarinsel Buka die einzige autonome Region von Papua-Neuguinea. Es waren die Jahre, als die Konflikte um Panguna, einst die weltgrößte im Tagebau betriebene Kupfermine, in einem brutalen Bürgerkrieg eskalierte.

Wenn Pop Eye erzählt …

Vor dem Hintergrund der Kämpfe zwischen Francis Onas Rebellenarmee (BRA) und der regulären Armee von Papua-Neuguinea (samt der britisch-südafrikanischen Söldnertruppe Sandline) erzählt die 14-jährige Matilda die Geschichte ihrer Leute, ihrer Dorfgemeinschaft. Die Luft- und Seeblockade haben die Lebensumstände so verschlimmert, dass alle Weißen die Insel fluchtartig verlassen haben. Alle bis auf einen: Mr. Watts. «Pop Eye», wie ihn alle nennen, ist ein seltsamer Vogel: ein alter Mann im weißen Leinenanzug, der seine schwarze Frau Grace auf einem Karren durchs Dorf zieht. «Und wenn er dann noch die Clownsnase trug, schauten wir unwillkürlich weg, weil wir solche Traurigkeit noch nicht gesehen hatten.»

Woher Mr. Watts kam, wie er Grace kennenlernte: niemand weiß es. Aber alle werden es erfahren, später … Bougainvilles letzter weißer Bewohner unterrichtet die Dorfkinder auf unkonventionelle Weise. «Dies soll ein Ort des Lichts sein. Egal was passiert …» Charles Dickens’ Roman Große Erwartungen, die Geschichte des Waisenjungen Pip, wird für Matilda und die anderen Kinder zum Erlebnis. Ein Wunder geschieht: die Romanfigur Pip wird für die Insulkinder so lebendig, als sei er einer von ihnen.

Jeder Dorfbewohner, der zum Unterricht etwas beisteuern möchte, ist herzlich eingeladen. Meist sind es die Frauen, die ihr Wissen weitergeben: Über die Farbe Weiß («die Farbe aller wichtigen Dinge wie Eis, Aspirin, Bindfaden oder Mond und Sterne»). Über die Namen der Winde, das Rätsel der zerbrochenen Träume, über Raureif und Schnee («Eine solche Welt war unvorstellbar … Kalt war für uns, was im Schatten gestanden oder in der Nachtluft gelegen hatte.»).

Die Sonne brennt, die Bäume schweigen

Pip wird Mr. Watts am Ende zum Verhängnis. Denn für die Offiziere der Besatzungsarmee ist klar, dass es sich bei dem geheimnisvollen Unbekannten um einen Aufrührer, womöglich um den Rebellenchef selbst handeln muss. Das Ultimatum lautet: entweder Auslieferung des Gesuchten oder Strafaktion gegen die Dorfbewohner. Bald lodern die Flammen über den Häusern und Hütten, Mr. Watts und auch Matildas Mum werden das Inferno nicht überleben …

Mister Pip ist ein modernes Märchen mit einer universellen Botschaft: Worte sind stärker als Gewalt, Bücher sind wirksamer als Bomben und Gewehre! Dieser Roman ist eine Entdeckung: warmherzig und weise, traurig und tröstlich, poetisch und doch schonungslos realistisch. Nur ein Beispiel: «Ein alter Hund lag mit aufgeschlitztem Bauch da … Jetzt wussten wir, wie ein aufgeschlitzter Mensch aussehen musste. Niemand brauchte sich mehr zu fragen. Wer auf diesen schwarzen Hund starrte, sah seine eigene Schwester oder seinen Bruder, Mum oder Dad im gleichen Zustand. Er sah auch, wie respektlos die Sonne sein konnte und wie dumm die Palmen waren, dass sie zum Meer hin und zum Himmel wedelten. Die große Schande der Bäume ist, dass sie kein Gewissen haben. Sie stehen einfach da.»

Matildas wird Mister Pip nie mehr vergessen und Mr. Watts erst recht nicht: «Er war immer das gewesen, was gebraucht wurde, was wir ihn zu sein baten … Wir brauchten einen Lehrer, Mr. Watts wurde dieser Lehrer. Wir brauchten einen Zauberer, um andere Welten heraufzubeschwören, und Mr. Watts war dieser Zauberer geworden. Als wir einen Retter brauchten, hatte Mr. Watts die Rolle übernommen. Als die Rothäute ein Leben forderten, hatte er sein eigenes gegeben …»