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Eine junge Frau verschwindet mitten in der Nacht. Sandra Jones, Lehrerin an einer Bostoner Schule – jung, hübsch, beliebt. Keine Nachricht für ihren Mann, keine Spur eines Einbruchs oder eines Kampfes. Kein Lebenszeichen. Ihr kleines Mädchen lässt sie zurück. Die Polizei von Boston steht vor einem Rätsel, und doch scheint der Fall für Detective Sergeant D. D. Warren klar: Sandra Jones hat ihre Familie verlassen. Die Boulevardmedien stürzen sich wie die Geier auf den Fall. Und die Heile-Welt-Fassade der Jones' bricht wie ein Kartenhaus zusammen … i500 Seiten lang fiebert man in Lisa Gardners clever konstruiertem Thriller der Antwort auf die eine Frage entgegen: Was ist in dieser Nacht geschehen – und wo ist Sandra Jones?
«Ich habe mich immer schon gefragt, was in Leuten vor sich geht, die nur noch wenige Stunden zu leben haben. Spüren sie, dass etwas Grauenvolles passieren wird? Wünschen Sie sich ihre Liebsten in der Nähe? Oder geschieht da einfach nur etwas, was wie vieles andere auch unausweichlich ist?» Solche Gedanken kommen Sandra «in den letzten Stunden meiner Welt, so wie ich sie kannte». Bis etwas passiert, was eine sofortige Entscheidung verlangt. Einen harten, schnellen Schnitt.
Was passiert ist und weshalb es passiert ist, erfahren wir erst auf den letzten Seiten – dafür liest man ja einen Thriller. Ob Sandra für einen Geliebten ihre Familie verlassen hat, ob sie entführt oder umgebracht wurde, wir tappen im Dunkeln. Schritt für Schritt werden wir in eine Geschichte hineingezogen, die von einem Sog des Schreckens lebt.
Die ermittelnden Beamten vom Boston Police Department schießen sich schnell auf zwei Verdächtige ein: auf Jason, den Ehemann der Verschwundenen, Reporter der Tageszeitung Boston Daily, und auf Aidan Brewster, einen Nachbarn mit einschlägiger Vorgeschichte, das geborene Opfer. Jason Jones ist gegenüber der Polizei provozierend unkooperativ; er will seine geliebte vierjährige Tochter Clarissa, genannt Ree, schützen, so gut es geht. Und er versucht etwas zu verbergen, um jeden Preis zu verbergen. Nein, er hat keine Leichen im Keller. Aber Spuren einer Vergangenheit in seinem Computer und in einer Kassette auf dem Dachboden, die niemals das Licht der Öffentlichkeit erblicken dürfen.
Aidan Brewster weiß, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Bullen vor seiner Tür stehen werden. Er ist ein Gezeichneter, ein Verlorener. Bis an sein Lebensende wird man ihn an der Tat messen, die ihn in den Augen der Öffentlichkeit zu einem Unmensch werden ließ: Als Neunzehnjähriger hatte er Sex mit seiner geliebten vierzehnjährigen Schwester Rachel. Zwei Jahre Gefängnis, gebrandmarkt für immer. Aidan wusste, dass er nicht alt werden würde, aber auf dieses Ende war er nicht vorbereitet. Ein Schuss in den Unterleib, der zweite in den Rücken.
Sandra war, was man einen wilden Feger nennt, «jede Kleinstadt hat ein Mädchen wie mich.» Ältere Jungs; mit 14 schwanger; Abtreibung; sie war 15, als die Mutter starb; Psychoterror und familiäre Gewalt in allen Spielarten. Dann die Wende in ihrem Leben: Heirat mit Jason, Geburt von Ree, seit zwei Jahren Lehrerin für Gemeinschaftskunde, heile Welt. Und hinter der makellosen Fassade lauert der Abgrund.
«In der Blüte meiner einundzwanzig Jahre wurden mir tiefe Lebensweisheiten zuteil. Man kann lieben und dennoch unglaublich einsam sein. Man kann alles besitzen, was man sich gewünscht hat, und erkennt schließlich, wie falsch diese Wünsche waren. Man kann einen Mann haben, so klug, sexy und verständnisvoll wie meiner, und muss trotzdem auf ihn verzichten. Und man kann sich noch so sehr am Anblick der eigenen, wunderschönen, bezaubernden Tochter erfreuen, irgendwann packt einen die Eifersucht, weil sie mehr geliebt wird als man selbst.»
Sandra und Jason Jones führen eine Ehe, wie man sie niemandem wünscht. Und die doch eine besondere Form bedingungsloser Zuneigung ist – Spielarten der Liebe: keine intime Berührung, kein Sex. Sie brauchen Jahre, bis sie über einander Bescheid wissen: Wo sie herkommen, was ihnen angetan wurde, wer sie sind. Weshalb sie so sind, wie sie sind. Was sie zu verbergen haben in ihrem schmucken Vorstadthäuschen mit den Stahltüren und einbruchsicheren Fenstern …
Sandra ist und bleibt verschwunden. Dass mit dieser Familie etwas nicht stimmte, das hatte Sergeant D. D. Warren sofort gespürt. So viel Normalität kann es einfach nicht geben, nirgendwo: so auffällig unauffällig. Als erfahrene Polizistin ist sie zu sehr Realistin, um an Wunder zu glauben. «Wer seit zwanzig Jahren im Polizeidienst war, hatte ein paar nüchterne Wahrheiten über die menschliche Natur begriffen. Dass eine Person vermisst wurde, kam in den besten Familien vor. Erwachsene nahmen sich manchmal eine Auszeit. Paare hatten bisweilen Streit miteinander … Jetzt aber, zweiundfünfzig Stunden später, glaubte D.D. nicht mehr, dass sie nach einer vermissten Mutter fahndeten, sondern nach einer Leiche.»
Eine Bitte wird Jason nie vergessen, die seine Frau ihm eines Nachts eingeschärft hatte: «Versprich mir bitte eines: Falls du jemals meinem Vater begegnen solltest, schlag ihn zuerst tot und stell deine Fragen später. Er darf nie mit Ree in Berührung kommen. Versprich mir das, Jason.»
Als Jason eines Abends nach Hause kommt und sich seinen Weg durch die herumlungernde Journalistenmeute bahnt, tritt aus dem Schatten der Veranda ein alter Mann. Schneeweiße Haare, tiefbraun gebranntes Gesicht. Richter Maxwell Black, Sandras Vater. Er ist gekommen, um sich zu holen, was ihm zusteht …