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Leonore Gottschalk-Solger/Anke Gebert: Die Strafverteidigerin

© Zeitungsmontage; picture alliance, dpa/ Bernd Wüstneck

Als Strafverteidigerin ist sie eine Berühmtheit, manche sagen: ein Star. Weil Leonore Gottschalk-Solger eine der ersten Frauen war, die als Strafverteidigerin in Deutschland Furore machte. Was an ihrer Klasse als Juristin ebenso liegt wie an ihren Klienten: Kiezgrößen, Hochstapler, Erpresser, Mörder, Totschläger, einmal die Harte-Jungs-Skala von Santa Fu rauf und runter.

Die engagierte Hamburger Anwältin erfreut sich eines besonderen Rufes Weil sie überzeugt ist, dass auch Schwer- und Schwerstverbrecher das Recht auf einen fairen Prozess haben, Weil Vorverurteilungen in der Boulevardpresse sie auf die Palme bringen. Weil sie sich mit unerbittlicher Konsequenz für ihre Mandanten einsetzt. Und weil sie die menschlichen Dramen hinter so manchem Verbrechen in ihren Plädoyers nahezubringen versteht. Anke Gebert hat die Geschichte der Strafverteidigerin Leonore Gottschalk-Solger aufgezeichnet – eine so realistische wie spannende Innensicht auf die Welt der Juristerei.

Neger-Waldi, Corvetten-Ralf, Lackschuh-Dieter

In Interviews wird «GoSo», wie sie in der Branche genannt wird, häufig gefragt, wie sie solche Menschen überhaupt verteidigen könne. Solche wie den «Säuremörder» Lutz R., der zwei Frauen in sein Rahlstedter Reihenhaus verschleppt, beraubt, gefoltert und dann die Leichen zerstückelt und in Säuretonnen entsorgt hat. Oder den notorischen Hochstapler Jürgen Harksen. Oder Peter Nusser, Boss einer rabiaten Zuhälterclique auf St.Pauli, in dessen Auftrag Werner Pinzner fünf «Kollegen» ermordete. Oder der Rostocker Rotlichtkönig Artur B. (siehe Bild). Außerdem zählten zahllose kleinere Berühmtheiten wie Gerhard Müller (später Kronzeuge in einem RAF-Prozess), Ausbrecherkönig Bernhard Rubinke, der Flugzeugentführer Hamadi, «Vampir» Rohde oder die Bosse der Hells Angels zu ihren «Kunden».

Seit vierzig Jahren übt die gebürtige Oberschlesierin (Jahrgang 1936) ihren Beruf aus. Wie viele Menschen sie vor Gericht vertreten hat, weiß die Grande Dame unter den Strafverteidigern beim besten Willen nicht mehr, längst hat sie zu zählen aufgehört; es mögen etwa sechstausend gewesen sein. Ihr Rechtsverständnis hat nichts Idealisierendes oder Romantisierendes. «Heute, nach über vierzig Jahren Strafverteidigung, weiß ich, dass es Menschen gibt, die Dinge tun, die sich nicht erklären lassen Aber auch diese Leute haben das Recht auf ein faires Verfahren.»

«Fast jeder von uns könnte zum Mörder werden»

Diese Leerstelle im Verstehenwollen hat sie in einem Interview einmal so beschrieben: Manche Menschen hätten einen kleinen «Materialfehler», dessen Beschaffenheit schwer zu begreifen sei. Noch in den schlimmsten, deprimierendsten Fällen versucht sie den Menschen zu sehen, die die Abgründe hinter den furchtbaren Taten. Sie ist keine, die «Verteidigungsroboter» wird, der nur Gesetze und Dienstvorschriften exekutiert. Weil ihre Fähigkeit zum Mitgefühl nie versiegt ist, erfreut sie sich großen Respekts. Einmal erhielt Leonore Gottschalk-Solger eine ganz besondere Weihnachtskarte aus dem Haus 18 der Psychiatrie in Hamburg-Ochsenzoll. Text: «Fröhliche Weihnachten wünschen alle ihre Mörder!»

Ihr juristisches Credo formuliert die in dritter Ehe mit dem tunesischen Gastronom Laid Frej verheiratete Anwältin so:. «Verteidiger sind dazu da, dass niemand ungerecht behandelt wird. Wenn man als Verteidiger einen einzigen gravierenden Fehler macht, kann das nach sich ziehen, dass der Mandant eine lebenslängliche Haftstrafe absitzen muss. Nicht ich muss die Strafe absitzen, sondern mein Mandant. » Deshalb hat sie mit Gleichgesinnten die Vereinigung Zuflucht e.V. gegründet, um sich für Menschen einzusetzen, die vermutlich zu Unrecht verurteilt wurden.

Wie sich umtriebige Menschen wie Leonore Gottschalk-Solger am liebsten entspannen? Zum Beispiel beim Boxen oder beim Kultverein vom Kiez, dem FC St. Pauli. Hamburg, meine Perle ...