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Leenders/Bay/Leenders: Totenacker

© Thomas Pritschet; Matrix Buchkonzepte Ch. Modi & M. Orlowski

Seit langem schon frönt das Trio Leenders/Bay/Leenders einer gemeinsamen Passion: den Geschichten um Hauptkommissar Toppe und seine Kollegen vom KK 11 in Kleve. Man sagt ihnen nach, jeden Maulwurfhügel diesseits und jenseits von Uedem zu kennen. Das dürfte nur unwesentlich übertrieben sein, wie Romane eindrucksvoll beweisen. Kennern niederrheinischen Kulturguts gelten sie als dritte Kraft neben Hanns Dieter Hüsch und der notorisch schwächelnden Borussia aus Mönchengladbach.
Was dabei herauskommt, wenn sich eine Germanistin, ein Unfallchirurg und ein Psychologe zusammentun? Spannende, rasante, dialogstarke Krimis, die geradezu gesättigt von der melancholischen Landschaft und den Menschen mit ihrer wunderbar eigensinnigen Sprache. Wir haben Leenders/Bay/Leenders zu Totenacker, ihrem neuen Kriminalroman, befragt.

Das Interview

Einmal Kleve, immer Kleve? Könnte man denken, wenn man sich die Lebensläufe von Hiltrud und Artur Leenders und Michael Bay an-schaut.
Das Witzige daran ist, daß nur Hiltrud vom Niederrhein, aus Nierswalde stammt. Aber ihre Familie kommt aus dem Bergischen und ist zudem pro-testantisch, schwer zu ertragen für den gemeinen Niederrheiner. Artur stammt aus Büderich und ist Niederländer, da sein Vater Niederländer war. Er hat aber auch hugenottische Vorfahren.
Michael Bay stammt aus dem Grenzgebiet zwischen Münsterland und Emsland, aus Rheine in Westfalen. Wobei die Familie väterlicherseits, also schon die des Opas, die stammt aus dem Elsass. Die mütterlicherseits aus dem Grenzgebiet Westfalen/Niederlande.

Was macht den Niederrhein so speziell als Pflaster für Geschichten um Mord und Totschlag (der allgegenwärtige Nebel im Grenzland zwi-schen Holland und Deutschland allein kann es ja nicht sein …)?
Es ist das ländliche Idyll, das der Provinz, dem Niederrhein unterstellt wird. Das ländliche Idyll ist in den Augen des vermeintlich erfahrenen Großstädters klischeehaft auf Langeweile und Ödnis fixiert. Dieses Klischee vergisst allerdings, dass die Ursache für Mord und Totschlag in der allgemein gültigen Dynamik zwischenmenschlicher Interaktion und deren Störung liegt. Und funktioniert ubiquitär nach den gleichen, vielleicht hier und dort kulturellen Variationen unterliegenden Regeln.

Es gibt berühmte Autorenduos, die im Kriminalroman Maßstäbe gesetzt haben, Sjöwall/Wahlöö etwa oder Fruttero/Lucentini. Von Leenders/Bay/Leenders heißt es, dass Sie einen besonderen Stil der Kooperation pflegen: klare Zuständigkeitsverteilung, straffes Zeitmanagement, hohe Diszipliniertheit. Wie sieht das konkret aus, wenn Sie sich an ein neues Buch setzen?
Natürlich können wir nur in einem Trio arbeiten, weil zunächst jeder die jeweiligen Fähigkeiten und Interessen des anderen fraglos anerkennt. Und ohne klare Zuständigkeiten, ja auch Diszipliniertheit geht es nun einmal auch nicht, wenn der Prozess denn angefangen hat. Für ein Buch benötigen wir immer neun Monate, die Wochenbettdepressionen sind dabei nicht eingerechnet. In den ersten Wochen spinnen wir einfach so rum, das Denken ist dann nicht zielgerichtet, sondern eher assoziativ gehalten. Bis es dann irgendwann schnackelt und wir dann plötzlich, aber sehr genau wissen, worüber wir eigentlich schreiben wollen, das Grundthema ist dann ganz klar. Dann geht die Phase der Konstruktion der zugrundelie-genden Plots, der Spannungsbögen usw. los. Notwendigerweise erfolgt dann die Recherchearbeit. Bevor also der erste Satz geschrieben ist, ist das Buch eigentlich als Gerippe schon fertig. Dann kommt das Fleisch an das Skelett. Damit beginnt Hiltruds (richtige) Arbeitszeit. Sie schreibt die Ka-pitel, die dann wochenweise immer wieder durchgesprochen werden.

Zwischen Montessori und Monsanto

Wie sind Sie als Autorengruppe zusammengekommen? Man könnte Sie, wenn die Information stimmt, in gewisser Weise als Kindergartenfreunde bezeichnen.
Das wiederum ist richtig. Wir haben uns hier in Kleve kennengelernt, weil wir unsere Kinder nicht in einem konfessionsgebundenen Kindergarten geben wollten. Da es aber keine Alternative dazu in Kleve gab, gründeten wir eben Montessori-Kinderhäuser in Kleve.
Auf der Geburtstagsfeier einer guten Bekannten aus diesem Umfeld, die sehr schleppend lief, also die Geburtstagsfeier, haben wir uns dann auf einer Couch zusammengefunden und darüber geredet, wie es denn wäre, einmal einen Kriminalroman zu schreiben. Nun denn, diesen Gedanken griff Hiltrud ein paar Tage später wieder auf und frug ihren Mann Artur und später dann mich, ob das nur loses Gerede gewesen sei mit dem Schreiben oder ob wir das ernst gemeint hätten. Keine Frage, natürlich wollten wir schreiben. Hiltrud hat uns dann aber zunächst einen 90-minütigen Vortrag über Romantheorie gehalten, den wir aber überstanden haben, weil wir beide therapeutische Berufe haben.

Sie «politisieren», wie man lesen kann, nicht nur zwischen Buchdeckeln, sondern auch in der Klever Kommunalpolitik (zumindest trifft das auf die Herren Leenders und Bay zu, die für B90/Die Grünen im Stadtrat sitzen). Sind Sie sich tatsächlich in den wichtigen politischen Dingen einig, oder fliegen doch mitunter die Fetzen?
Es gibt natürlich politische Positionen, in denen wir unterschiedlicher Meinung sind, auch wenn wir der gleichen Partei angehören. Wir können ja selbständig denken. Das führt aber nicht dazu, sich zu fetzen, sondern höchsten zu offenen bilateralen Gesprächen. Aber das ist im Trio nicht nur bei politischen Fragen so, das macht ja gerade seine Stärke aus.

Die Pressestelle des Agrarmultis Monsanto dürfte nicht erfreut sein, wenn sie Ihren neuen Roman Totenacker in die Hände bekommt. Dort lassen Sie Jupp Ackermann vom Betrugsdezernat in breitestem Niederrheinisch resümieren: «Monsanto, dat sind Verbrecher, Norbert». Gab es jemals massive Reaktionen auf Ihre Krimis?
Massive Reaktionen nicht. Natürlich waren die Menschen in einigen umliegenden Gemeinden nicht mit der Darstellung im Buch einverstanden. Oder Frauen fanden die Krimis an einigen Stellen zu sexlastig, aber das müsse wohl so sein bei Männern. Dabei hatte Hiltrud viel härtere Versionen geschrieben. Manche verwechseln auch die Nachricht des Buches oder die Helden des Buches mit ihrem realen Alltag, reagieren darauf entweder belustigt oder aber menschlich getroffen. Ein katholischer Priester hat uns auch schon einmal mitgeteilt, hätten wir so ein Buch im Islam geschrieben, dann wären wir wohl schon tot. Ansonsten kommen auch unterstützende Meinungen.

Crime in action, love in progress …

Wie viele Beziehungen werden nicht am Arbeitsplatz gestiftet! Klever Kriminalisten sind da keine Ausnahme: Helmut Toppe und Astrid, Cox und Penny, jetzt Bernie und Marie (love in progress …). Sie kümmern sich wohl gerne um das körperliche und seelische Wohl der Leute vom KK 11?
Natürlich müssen wir das. Unsere Ermittler/innen sind doch ganz norma-le Menschen. Die haben nun einmal körperlich und seelische Bedürfnisse. Wir wollen einfach nur nett und zuvorkommend zu unseren Helden sein, da sie schon eine Menge in ihrem Berufsleben aushalten müssen.


War es von Anfang an klar oder hat sich das im Laufe des Schreibprozesses ergeben, dass Sie in Totenacker zwei Fälle parallel laufen lassen (und dazu noch beide mit gewichtigen Themen: Euthanasie im Dritten Reich; üble Praktiken eines Biotechnologie-Giganten)?

Das war von Anfang an klar. Es wird auch aus der Geschichte klar, was das missing link zwischen diesen beiden Fällen ist. Nur dass wir auch hier unserem Stil treu bleiben und das nicht laut rausposaunen, son-dern die Geschichte wird im Leser viel besser nacherlebbar, wenn er ins Grübeln kommt und plötzlich feststellt, was da denn so los ist und wieso Agrobusiness und Leichen aus dem Nazireich doch etwas miteinander zu tun haben können.


Leiden Sie mit der Borussia aus Mönchengladbach auf ihrem Weg in die Zweitklassigkeit?
Nein, warum? Fußball in Gladbach? Schon seit Jahren zu wenig zum Leben und zum Sterben zuviel.

Wann dürfen wir einen Fußballkrimi aus Ihrer Feder erwarten?
Mal gucken. Bisher ist bei keiner unserer Überlegungen das Thema Fußball, außer in Nebensträngen angedeutet und in Totenacker ausgearbeitet.