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Bei der finnischen Krimiautorin Leena Lehtolainen sind die Desaster des normalen Alltags nie bloße Kulisse für das krimiübliche Katz-und-Maus-Spiel um Täter und Opfer, Tatort und Tod. Ihr Blick ist analytisch und mitfühlend zugleich. Lehtolainens weit über ihre finnische Heimat hinaus beliebten Krimis bringen mit der toughen, lebensklugen Maria Kallio eine explizit weibliche Perspektive in die skandinavische Spannungsliteratur.
Eines ihrer zentralen Themen – familiäre und sexuelle Gewalt – spielt auch in Leena Lehtolainens neuem Roman eine zentrale Rolle: Kurz nacheinander sind drei junge Muslima spurlos verschwunden, die alle in ihrer Freizeit den Mädchenclub in Espoo besuchten. Als dann die Leiche der 16-jährigen Iranerin Noor gefunden wird, deuten zunächst alle Indizien in eine Richtung: Ehrenmord …
Hinter Maria Kallio liegt ein traumatisches Erlebnis. Sie gehörte zur finnischen Delegation, die den Aufbau einer Polizeischule in Afghanistan begleiten und absichern sollte. Wenige Tage vor ihrem Rückflug war das Führungsfahrzeug einer Militärkolonne auf dem Weg nach Kabul auf eine Mine von tödlicher Wucht gefahren. Ein Geländewagen vom Typ RG 22 flog in die Luft; drei deutsche Soldaten starben bei dem Anschlag, unter ihnen die Münchner Polizistin Ulrike Schmidt, mit der sich Maria in Afghanistan angefreundet hatte.
Das Thema Afghanistan wird Maria Kallio auch nach ihrer Rückkehr beschäftigen. Man hatte sie überraschend zur Kommissarin der Einheit für untypische Fälle ernannt, «solche, bei denen keine Spuren zu entdecken sind, rassistisch motivierte Gewalttaten, angedrohte Amokläufe an Schulen». Gemeinsam mit ihrem Lieblingskollegen Pekka Koivu untersucht sie das rätselhafte Verschwinden von drei muslimischen Mädchen: drei Fälle, drei Fragezeichen. Aziza Abdi Hasan, siebzehn Jahre, aus Afghanistan; Sara Amir, 14 Jahre, bosnische Muslima; Ayan Ali Jussuf, 18 Jahre, aus dem Sudan. Keine der Eltern meldete ihre Tochter als vermisst.
«Noor Ezfahani ist tot!» Die Nachricht über den Mord an der 16-jährigen Iranerin, die in ihrer Freizeit fast ständig im Mädchenclub von Espoo war, verbreitet sich wie ein Lauffeuer in der Stadt. Erwürgt mit ihrem eigenen Kopftuch, liegengelassen im verschneiten Zentralpark hinter der Schule von Olari. Kein Sperma, keine Spuren sexueller Gewalt. Das kann kein Zufall sein: erst Sara, Ayan und Aziza, jetzt Noor. «Alle Mädchen sind Teenager, Migrantinnen und Muslima.» Rasch fällt der Verdacht auf die Männer aus Noors Familie. Dass sie ihrem Vetter Rahim versprochen war, hatte das schöne, ungemein selbstbewusste Mädchen nicht gekümmert; dass sie seit einigen Monaten einen finnischen Freund hatte, war ein offenes Geheimnis. Die Ezfahani-Männer – Vater, Großvater, Brüder, Onkel, Vettern – schweigen in der Untersuchungshaft zunächst eisern; erst die Aussagen der Mutter lassen den Anfangsverdacht als begründet erscheinen.
Aus Tuomas, Noors Freund, werden Kallio und Koivu nicht schlau, zu schizophren wirkt der Junge in seinen widersprüchlichen Aussagen und seinem Aktionismus. «Du sprichst von Kanaken, obwohl du mit einem Migrantenmädchen befreundet warst», fragt ihn Maria. «Hast du was gegen Einwanderer?» Irgendwie steckte der Junge in der Geschichte mit drin, das fühlt sie – nur wie?
Und welche Rolle spielt Major Lauri Vala, in Afghanistan der ranghöchste finnische Militär in Maria Kallios Gruppe? Er bedrängt sie massiv, fragt ständig nach Ermittlungsergebnisse im Fall der verschwundenen Mädchen und der ermordeten Perserin. Schon in Afghanistan hatte er sie mit Vorwürfen bombardiert: «Was in aller Welt machst du hier? Du hast zwei Kinder, das jüngere ist noch nicht mal zehn. Wieso bist du nicht bei ihnen, sondern in einem Land, in dem Kriegszustand herrscht?» Als wüsste er nicht, dass Maria mit Leib und Seele an dem Polizeischulprojekt beteiligt war, für das sie in Finnland weibliche Lehrkräfte ausgebildet hatte – ein doppeltes Verbrechen in den Augen der Taliban und der Drogenbarone (die dann auch nicht zögern, die Schule mit einem verheerenden Bombenanschlag anzugreifen). Irgendwann begreift Maria Kallio, dass Major Vala eine sehr eigene Sicht der Dinge antreibt …
Bald überschlagen sich die Ereignisse. Heini Korhonen, die Geschäftsführerin des Mädchenclubs, wird Opfer einer Vergewaltigungsattacke von Samir Amir, dem durch fürchterliche Kriegserlebnisse in Bosnien verstörten Bruder der verschwundenen Sara. Die verschwundene Afghanin Aziza Abdi Hasan wird am Flughafen gesichtet. Und dann taucht ein USB-Stick mit einer verräterischen Videosequenz auf: die Dokumentation eines geheimen Treffens finnischer Rechtsradikaler, auf der eine Person sich mit Hetzreden und Plänen für einen perfiden Komplott hervortut, die Mario Kallio und ihre Kollegen nie und nimmer in diesem politischen Umfeld vermutet hätte …
«Niemand erzählt so spannend von finnischen Eigenheiten und kleinen Morden unter Freunden.» (Stern)