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Man nannte ihn den «Schlächter von Prag»: Reinhard Heydrich, eine Schlüsselfigur des Nationalsozialismus. Am 27. Mai 1942 verübten tschechische Widerstandskämpfer ein Attentat auf den Gestapo-Chef. Wenige Tage später starb HHhH(«Himmlers Hirn heißt Heydrich»). Die Rache der Nazi-Besatzer folgte prompt: erst wurde das Dorf Lidice, dann Lezáky dem Erdboden gleichgemacht. Der 1972 in Paris geborene Historiker und Romancier Laurent Binet erzählt die wahre Geschichte der «blonden Bestie» und seiner Attentäter als eine Groteske. «Ein stilistisches Feuerwerk über den gefährlichsten Mann des Dritten Reiches.» (Page)
Die französische Literatur hat in der Welt nicht mehr den Ruf, den sie zur den Zeiten von Albert Camus und Jean-Paul Sartre genoss. Dem Nouveau Roman wurde vorgeworfen, dass seine Autoren keine Geschichten erzählen und die Figuren in den Strukturen verschwinden. Auch noch der letzte französische Nobelpreisträger Jean-Marie Le Clézio wird vielerorts als Langweiler empfunden. Doch inzwischen hat sich die Literatur in Frankreich erneuert.
Ihre Schriftsteller sagen wieder ich. Und sie pflegen den freisten Umgang mit der Shoah: sie ist das Thema fiktiver Romane, in denen sich die Hauptfiguren – und Ich-Erzähler – in die Haut der übelsten Monster versetzen. Oder zu beschreiben versuchen, was in einem «Terroristen» des Widerstands abläuft. Jonathan Littells Roman «Die Wohlgesinnten» ist das spektakulärste Werk dieser neuen Kriegsliteratur. Aber nicht das einzige. Yannick Haenel machte Jan Karski zur Romanfigur.
Und jetzt kommt Laurent Binet mit HHhH. Der Titel lautete schon in der französischen Originalausgabe gleich. Das enigmatische Kürzel wurde schon im Dritten Reich verwendet: «Hitlers Hirn heißt Heydrich.» Reinhard Heydrich war der «Schlächter von Prag», eine Schlüsselfigur des Nationalsozialismus. Eichmann machte sich sein organisatorisches Talent bei der Durchführung der «Endlösung» zu eigen und die perverse Idee, die Juden aktiv an ihr zu beteiligen. Heydrich wurde 1942 durch die beiden aus London eingeschleusten Widerstandskämpfer Jozef Gabcik und Jan Kubiš ermordet.
Sie sind die beiden Helden von Binets Roman. Nach langem Kampf verloren sie in einer Prager Kirche, in der sie Zuflucht gefunden hatten, ihr Leben. Die Beschreibung ist extrem gut dokumentiert und überzeugt da, wo es Lücken in der historischen Kenntnis der Fakten gibt, durch die intuitive Fiktion. Der Autor – Jahrgang 1972 – hat in der Slowakei Zivildienst geleistet und bringt seine eigenen Erfahrungen ein. Er rechnet mit den Befürwortern des Abkommens von München ab, mit dem «widerwärtigen Chamberlain» wie mit den «ekelhaften Dichter-Diplomaten» seines Landes: Saint-John Perse, Claudel, Giraudoux.
Die Nazi-Zeit hat Binet als «unendlichen Roman» und «Tragödie der Tragödien» bezeichnet, stärker als die die griechischen Epen. Aus ihrem Fundus schöpft er. »HHhH» ist sein vielversprechender Erstling und von erstaunlicher Reife. Er bekam in Paris den «Goncourt du premier roman».
(Aus: Rowohlt Revue 92, Autor: Jürg Altwegg)