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Kurt Vonnegut Jr.: Schlachthof 5

© Ullstein

Als Bomber der Alliierten am 13. und 14. Februar 1945 Dresden in Schutt und Asche legten, überlebte Kurt Vonnegut Jr. als amerikanischer Kriegsgefangener im Keller eines Schlachthofs das Inferno. Sein Buch Schlachthof 5 zählt bis heute zu den wichtigsten Antikriegsromanen, gerade weil es seine Erfahrungen in literarisch spezieller Weise verdichtet, in einem einzigartigen Mix aus hartem Realismus und surrealer Science-Fiction.
Jetzt ist bei rororo eine Neuausgabe von Vonneguts 1969 verfasstem Klassiker erschienen; dass er in Slaughterhouse-Five auf manche heute nicht mehr zitierfähig Quellen zurückgriff und auch, wie damals üblich, von einer zu hohen Zahl der Opfer der Bombardierung ausging, ändert nichts an dem überragenden Rang des Textes, «eines der ersten literarischen Meisterwerke einer amerikanischen Postmoderne» (Die Welt).

Der Kinderkreuzzug

Als Angehöriger eines Infanterie-Spähtrupps der US Army war Kurt Vonnegut 1945 in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten. Zwei Jahrzehnte später verarbeitete er die fürchterlichen Luftangriffe auf «Elb-Florenz» in seinem berühmten Roman, in dessen Mittelpunkt der US-Soldat Billy Pilgrim steht. Im Dezember 1944 in Kriegsgefangenschaft geraten, wird er von den Deutschen in ein provisorisches Lager in einem stillgelegten Schlachthof gebracht. Er überlebt die Luftangriffe ebenso wie seine Mitgefangenen Edgar Derby und Paul Lazzaro – äußerlich unverletzt, aber seelisch für immer gezeichnet.

Irgendwann bricht über Billy Pilgrim das Verhängnis herein. Sein Sohn Robert riskiert in der Dschungeln von Vietnam Kopf und Kragen. Billy selbst, der es nach dem Krieg in seiner Heimatstadt Illium, New York, als Optometriker zum erfolgreichen Geschäftsmann gebracht hat, überlebt einen Flugzeugabsturz als einziger Passagier. Auf dem Weg ins Krankenhaus verursacht seine Frau einen verhängnisvollen Autounfall und stirbt. Billys mühsam aufrechterhaltenes psychisches Überlebenssystem zerbricht. Sein Unterbewusstes übernimmt die Regie, die Zeit gerät ihm buchstäblich aus den Fugen: es ist der Beginn eines Lebens in bizarren Parallelwelten.

Billy wird zu einer Medienberühmtheit, als er in einer Radioreportage erzählt, in einer fliegenden Untertasse auf den extragalaktischen Planeten Trafalmadore entführt worden zu sein. Für die Bewohner des Planeten ist er der Alien, der in einem gläsernen Käfig präsentiert wird. Sehen kann Billy die Trafalmadorianer nicht, weil sie vierdimensional sind – und damit in der Lage, verschiedene Zeiten synchron zu erleben. Eingreifen in den Lauf der Dinge können die Außerirdischen aber nicht. Weisheit oder Fatalismus – der berühmte und viel zitierte Kernsatz aus dem Munde eines Trafalmadorianers lautet: «Ich habe einunddreißig bewohnte Planeten im Weltall besucht und über weitere hundert studiert. Nur auf der Erde wird von freiem Willen geredet.»

Autoreninfo

geboren 1922 in Indianapolis, studierte zunächst Biochemie. Als Angehöriger der US-Army geriet er in Kriegsgefangenschaft und wurde 1945 Zeuge des...
mehr über den Autor
«So it goes» oder Das Warten auf den tödlichen Schuss

Die Zeit als vierte Dimension lässt Billy sein Schicksal völlig neu erleben; wie ein Zeitreisender kann er übergangslos von der Gegenwart in die Vergangenheit und in die Zukunft wechseln. So weiß er auch, dass er am Ende in Philadelphia von einem seiner Dresdener Mitgefangenen ermordet werden wird. Dieses Wissen setzt nicht unbedingt die abendländische Maxime des freien Willens außer Kraft, relativiert aber die Idee einer offenen Zukunft gewaltig.

Es ist die literarisch ungewöhnliche Form aus drastischem Realismus und Science-Fiction, Vonneguts «handwerkliche Modernität» – mit metafiktiven Einschüben und collageartigen Fragmenten auf verschiedenen Zeitebenen –, die Schlachthof 5 zu einem Leseerlebnis machen. Nicht das Massensterben in der von Flüchtlingen aus dem Osten überlaufenen Stadt steht im Mittelpunkt, sondern die psychische Zerstörung eines Individuums durch das monströse Kriegsgeschehen.

Wenn es eine «Botschaft» des Romans gibt, dann diese: Wir Menschen sind nicht in der Lage, unser Leben vernünftig zu steuern und aus der Geschichte zu lernen (was vom trafalmadorianischen Fatalismus nicht weit entfernt ist …)