![]()
Für seinen Verleger Ernst Rowohlt war Kurt Tucholsky alias Peter Panter, Theobald Tiger resp. Ignaz Wrobel ein Lieblingsautor. «Wenige werden wissen, dass hinter Ihrer scharfen Feder und Ihrer unverwüstlichen Kampfeslust ein so warmblütiger und in jedem Sinne menschlicher Freund steckte. Jede Zeile, die ich von Ihnen gedruckt habe, war mir aus dem Herzen gesprochen. Sie waren … so recht ein Mann nach meinem Herzen. Sie, lieber Tucholsky, bräuchten wir heute.» Dieser Mann nach Rowohlts Herzen war einer der glanzvollsten Publizisten deutscher Zunge – und ein obsessiver Schreiber, wie die soeben mit Band 15 und einem 1344-seitigen (!) Registerband vollendete Gesamtausgabe seiner Texte und Briefe zeigen. Ein biographisches und verlegerisches Großprojekt hat sein Ende gefunden.
«Beinahe die halbe Edition liegt vor – und das Unternehmen sei gelobt», schrieb Peter Böthig vor einigen Jahren in der Frankfurter Rundschau. «Ein Titanenstück des Rowohlt Verlages!» (Kölnische Rundschau) Nun ist der ganze Tucholsky zu besichtigen, zu bestaunen, zu bewundern. Gestartet wurde das Mammutwerk in 22 Bänden im Jahre 1996. Antje Bonito, die «Seele des Unternehmens» starb im letzten Jahr, die Mitherausgeber Michael Hepp und Dirk Grathoff schon vor Jahren.
Als die Publizistin Annemarie Stoltenberg vor einem Regal mit den 22 dicken Bänden stand, war ihr erster Eindruck: furchteinflößend, vermutlich unlesbar. «Aber wer die Scheu überwindet und hineinblättert, liest sich rasch für Stunden fest und kommt nicht wieder los davon. Man möchte sich sofort pensionieren lassen und gründlicher damit auseinandersetzen. (…) Mich erfüllt dieses nun abgeschlossene Projekt, das von der Deutschen Forschungsgesellschaft, der Universität Oldenburg, dem Land Niedersachsen und natürlich dem Rowohlt Verlag unterstützt wurde, mit Ehrfurcht und tiefer Dankbarkeit.»
«Gesamtausgaben befördern Autoren in den Klassikerhimmel. (…) Und was sind denn Klassiker sonst als Bücher, die ihre Verfasser an Lebendigkeit überdauern?», notierte Hauke Hückstädt in der Hannoverschen Allgemeinen. Tucholsky mag im Klassikerhimmel sein und ist doch in allem, was ihm wichtig war, brandaktuell, wie zuletzt die Taten des weißen, christlichen, islamophoben Massenmörders Anders Behring Breivik zeigten.
Tucholsky polarisierte wie kein anderer der großen Publizisten der Weimarer Republik: geliebt von den einen, verhasst bei den anderen. Er schrieb an gegen kleinkarierten Nationalismus und Klassenjustiz, gegen Militarismus und die sich formierende Hitler-Bewegung. Ein Virtuose des geschriebenen Wortes, ein Kämpfer, ein Provokateur. Tucholsky wurde geschmäht, verfolgt und von der Rechtspresse zum Abschuss freigegeben, schon lange bevor er nach Schweden ins Exil floh. Vor dem Löwenmut des großen Kollegen zog auch ein Erich Kästner den Hut: «Ein kleiner dicker Berliner wollte mit der Schreibmaschine die Katastrophe aufhalten.»
Es gab auch den anderen Tucholsky,, den von Rheinsberg, seinem Bilderbuch für Verliebte: eines der kleinen, zarten Wunderwerke jenes «zur Unkenntlichkeit geliebten Autors». Oder Schloß Gripsholm, die schönste aller Sommergeschichten. «Dascha wunnerbor!» Ein unbeschwerter Sommer mit Lydia, der hinreißenden «Prinzessin» mit ihrem Missingsch, die Woche mit Karlchen, die Nacht mit Billie und Lydia, die Befreiung der kleinen Ada aus den Fängen der drachenhaft bösen Frau Adriani, der Leiterin einer Kinderverwahranstalt – all das ist Schloß Gripsholm! Nur eine «Fingerübung, ein Omelette soufflée», aus der Laune eines heiteren, unbeschwerten Sommers entstanden, nannte er die anmutige Sommergeschichte. Tatsächlich überarbeitete er den Stoff viermal, bis das Manuskript endlich zum Buch werden durfte.
Tucholskys düstere Seiten, die Verzweiflung, die ihn überkam und ihm den Lebensmut raubte, die kannten alle, die ihm wirklich nah waren. «Da trat mir plötzlich ein Seiltänzer entgegen, ein Verzagter vor dem nächsten Tag, ein Suchender und Zweifelnder, ein oft Verzweifelter, kurz: ein Mensch, kein Denkmal» (Michael Hepp).
1933 hatten die Nazis Tucholsky ausgebürgert, sein Vermögen beschlagnahmt, seine Bücher verbrannt. «Daß unsere Welt in Deutschland zu existieren aufgehört hat, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen», schrieb er im April 1933 an Walter Hasenclever. «Und daher: Werde ich erst amal das Maul halten. Gegen einen Ozean pfeift man nicht an.»
Im Exil nannte er sich einen «aufgehörten Schriftsteller». Am 21. Dezember 1935 setzte Tucholsky in Hindås seinem Leben ein Ende. Seine letzte Ruhestätte fand er auf dem Dorffriedhof von Mariefred, unter einer alten Eiche. Die Grabplatte mit den vier Eisenringen ziert ein Vers aus Goethes Faust II: «Alle Vergänglichkeit ist nur ein Gleichnis.»
in den Warenkorb
Kurt Tucholsky
Rowohlt 1344 S.
in den Warenkorb
Michael Hepp
rororo 192 S.
in den Warenkorb