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Klaus Bednarz: Ferne und Nähe

© Gabriele Mühlenbrock

Promovierter Slawist,Osteuropa-Historiker, Monitor-Chef, ARD-Korrespondent in Warschau und Moskau, engagierter Kämpfer für Menschenrechte, WDR-Chefreporter bei großen Expeditionen zwischen Baikal und Beringsee, Karelien und Feuerland: Klaus Bednarz kann auf ein mehr als dreißigjähriges erlebnisreiches Journalistenleben zurückschauen. Volker Ullrich (Die Zeit) nennt ihn «eine moralische Instanz, wie es sie unter deutschen Journalisten nur wenige gibt».
Der Sammelband Ferne und Nähe geht den Stationen einer außergewöhnlichen journalistischen Karriere nach. Ein «Best of Bednarz» mit vielen seiner wichtigsten politischen Texte: Begegnungen und Interviews (u.a. Heinrich Böll, Lew Kopelew, Andrej Sacharow, Georg Lukács, Robert Jungk Willy Brandt, Michail Gorbatschow), Glossen und Kommentare zum Zeitgeschehen, literarische Streifzüge und Reisereportagen.

«Eigentlich ein wunderschöner Beruf ...»

Klaus Bednarz, am 6. Juni 1942 im brandenburgischen Falkensee westlich von Berlin geboren, hat es als Journalist immer wieder ins Ausland gezogen. Dabei waren Polen und Russland die Länder, deren Geschichte und Entwicklung immer sein besonderes Interesse galt und gilt. Und doch hat er sich mit gleicher Leidenschaft in innenpolitische Debatten gestürzt, hat Themen besetzt, mit denen er oft aneckte, provozierte und sich (prominente) Feinde machte. Mit seinem Mut, seiner Unbestechlichkeit, seiner Respektlosigkeit vor der Macht (und Machtanmaßung) der politischen Kaste ist er so manchem in die Quere gekommen. Erinnert sei hier nur an Bednarz’ zornigen Tagesthemen-Kommentar nach dem Brandanschlag von Solingen am 30. Mai 1993, als er offen die «geistigen Brandstifter» der Tat geißelte, «die Hetzblätter der Springer-Presse, aber auch die FAZ und der SPIEGEL, die zur Panikmache gegen Ausländer beigetragen haben».

Ursprünglich hatte es den jungen Bednarz zum Theater gezogen. Weil ihm aber Claus Peymann unmissverständlich mangelndes Talent attestierte, verschrieb er sich dem Journalismus. «Dann mach mal, Junge!», ermunterte ihn 1967 WDR-Programmdirektor Werner Höfer, der an dem damals arbeitslosen forschen Jungakademiker Gefallen gefunden hatte. Und Bednarz machte. Ob als Kulturredakteur, als erster in Warschau akkreditierter deutscher Fernsehkorrespondent, als langjähriger Moderator von Monitor, als Kommentator der Tagesthemen oder schließlich als Reiseschriftsteller: Klaus Bednarz hat Maßstäbe gesetzt.

«Wir wollen den Mächtigen unbequem sein»

Zu Bednarz’ prägenden Erfahrungen zählen seine Lehrjahre in Polen, einem Land, aus dessen von Gewalt und Unterwerfung geprägter Geschichte viele bundesdeutsche Politiker wie Herbert Hupka, Herbert Czaja oder Franz-Josef Strauß offenbar nichts gelernt hatten. In einem in Ferne und Nähe dokumentierten Text schreibt Klaus Bednarz über das Minenfeld, auf dem er sich ab Frühsommer 1971 als gerade einmal 29-jähriger Kulturredakteur in Polen bewegte: «Der junge Korrespondent vermied es nach Möglichkeit, mit seiner Frau in der Öffentlichkeit, in der Straßenbahn oder im Bus deutsch zu sprechen. Und mit seiner Tochter, die in Warschau geboren wurde, sprach er auf der Straße und dem Spielplatz nur polnisch.»

«Ich stehe als Journalist nicht an der Seite der Mächtigen, sondern an der Seite der Ohnmächtigen. Es geht darum, für die Rechte von Minderheiten einzutreten, die sich sonst nur schwer Gehör schaffen können» – das ist sein politisches Credo bis heute. Im Dezember 1983 trat Bednarz als Chef des Politmagazins Monitor die Nachfolge von Gerd Ruge an; dass er diese Funktion 18 Jahre bekleidete, zählt zweifellos zu den erstaunlichsten Leistungen seiner journalistischen Karriere.

Seine Lust an der Zuspitzung brachte ihm immer wieder Beschimpfungen und Anfeindungen ein. Gut zehn Jahre ist es her, da höhnte ein FAZ-Kommentator über das «Fossil Bednarz», mit ihm überwintere «friedlich eine Weltsicht, die irgendwie nach Hannes Wader klingt und mit der frommen Begeisterung vergessener Ostermärsche daherkommt». Analytische Schärfe mit Engagement und moralischer Unerschrockenheit zu verbinden, ist nicht jedermanns Sache. Viel Feind, viel Ehr’! Bednarz zitiert gern einen Satz von Lore Lorentz, der unvergessenen Kabarettistin des Düsseldorfer Kom(m)ödchens: «Ich bete jeden Tag zu dem da oben: Herr, erhalte mir meinen Zorn.»

Karelische Schrecken, russische Seele

Im ersten Teil des Sammelbandes finden sich Texte, die Bednarz als einen der bedeutendsten Reiseschriftsteller unserer Zeit ausweisen: Reportagen über Sibirien und Alaska, Feuerland und Karelien. Romantische Mythisierung ist ihm fremd; sein Interesse gilt neben der spektakulären Natur immer den Menschen, die ihm ihre Geschichte erzählen, Menschen, die oft unter extremsten Bedingungen leben.

Immer wieder stößt er bei seinen Reisen auf verwitterte Spuren von Krieg und Gewaltherrschaft – Spuren des Grauens, das die Ismen des vergangenen Jahrhunderts hinterlassen haben. Beispiel: Karelien. Die Schrecken von «Winterkrieg» (1939/40) und «Fortsetzungskrieg» (1941/1944), als die Finnen im Bündnis mit der deutschen Wehmacht gegen Stalins Armeen angingen, fallen aufmerksamen Reisenden noch heute in die Augen. In Karelien sieht man immer wieder Kreuze, Wälder von Kreuzen. Tote des 2. Weltkriegs, Opfer des Stalin-Terrors, erschlagene, erschossene, verhungerte Kriegsgefangene (wie im Wald von Sandormoch, einem der schrecklichsten Orte der Kriegsgeschichte Kareliens). Beim Bau des Weißmeer-Kanals, einem das arktische Weiße Meer mit der Ostsee verbindenden Stalinprojekt, wurden Abertausende Zwangsarbeiter auf grausame Weise verheizt. Karelien – Land der Wälder, Seen und Toten.

Zu den weniger bekannten Seiten des Klaus Bednarz gehört seine Liebe zur russischen Literatur, sie ist ihm «eingeschrieben» quasi von Kindesbeinen an. Kein Wunder, wenn man das Glück hat, einen Vater zu haben, der im Winter 1949 aus russischer Kriegsgefangenschaft heimkehrte und frei war von Hass auf «die Russen» – im Gegenteil: «Er war stolz, im Lager Russisch gelernt zu haben und den Bauern in ihrer Sprache gedankt zu haben.» Glück war es auch, in der Schule als Lehrer auf einen ausgewiesenen Spezialisten wie Rolf-Dietrich Keil zu treffen, der die Poeme und Gedichte des russischen Nationaldichters Alexander Puschkin einfühlsam ins Deutsche übertragen hat. Bednarz, der 1966 in Wien mit einer Arbeit über Anton Tschechow promoviert hat, stellt in der Sammlung Mein Russland einige seiner Lieblingstexte vor, von Lermontow und Gogol über Tolstoi und Tschechow bis Babel, Mandelstam, Schalamow und Rytcheu. «Russland lieb’ ich, doch diese Lieb’ ist seltsam …»