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Nur gucken, nicht anfassen: Katrin Seddigs furioser Roman über kleine Leute und die Jagd nach dem großen Glück.
Eine feine Gesellschaft ist das nicht gerade, die Katrin Seddig in ihrem Erstling Runterkommen präsentiert. Unfein ist sie aber auch nicht. Bloß durch und durch beschädigt: ein schlechter Rechtsanwalt und gockelnder Exhibitionist, seine schwer alkoholkranke Frau, deren beider Kinder im Alter pubertärer Trotzigkeit. Dazu eine Putze, die nicht nur nicht angefasst werden will, sondern auch selbst nichts anfassen mag. Ein Putzerich und Bildhauer, der lieber Eisen als Frauen berührt. Und schließlich eine Kneipenwirtin, die alles hat, was Kneipenwirtinnen so auszeichnet: nicht mehr jung, noch nicht alt, flink beim Zapfen und immer darauf bedacht, ihre respektable Oberweite zur Schau zu stellen. Nur gucken, nicht anfassen.
Mit dieser Melange durch und durch blessierter Menschen zeigt die 40-jährige Autorin, die in Strausberg bei Berlin aufgewachsen ist und jetzt in Hamburg lebt, wie unterschiedlich Glücksvorstellungen sind und wie verschieden die Wege sein können, das Glück nicht nur zu erreichen, sondern es dann auch noch zu behalten. Mit einer pointierten, gelegentlich zugespitzten Sprache treibt die Autorin ihre Protagonisten von einer Pleite in die nächste. Bis sie schlussendlich alle zusammenkommen in einer eher zufällig entstandenen Wohngemeinschaft. Jede und jeder kann hier seine Macken und Sehnsüchte ausleben, ohne dass sich daran irgendjemand stört. Ganz im Gegenteil: Diese Spleens und Wunderlichkeiten sind die Basis dafür, dass sie es überhaupt miteinander aushalten in diesem Haus des Rechtsanwalts und seiner Frau, das mal ein vermeintlich anständiges war und nun tatsächlich ein unanständiges geworden ist. Zum Vorteil derer, die jetzt hier wohnen.
Seddig ist auf der Seite ihrer Figuren. Sie ist Partei bar jeder Häme. Das lockert den Ton, lässt dem bloßen Fabulieren reichlich Raum und fängt sich selbst auch immer wieder ein durch kurze, bestenfalls Vier-Wörter-Sätze: «Wo die Frau wohnt, hängt ein Kranz aus getrockneten Blumen und ausgesägten Igeln, auf ihrem Abtreter steht: ‹Tritt ein, bring Glück herein.› Kommt aber keiner.» Der Ton ist harsch, die Urteile sind grob.
Die Pointe dieses Buches, das dem Raster vieler Ken-Loach-Filme sehr ähnlich ist: Die einstigen Desperados haben sich zu einer Selbsthilfegruppe und Solidargemeinschaft gemausert, die niemanden außen vor lässt. Alle sind mit sich, mit den anderen und mit der Welt zufrieden. Einer Welt, die aus einem Einfamilienhaus mit Garten in einem Vorort Hamburgs besteht. Und manchmal sind sie auch ein ganz kleines Stückchen glücklich. Deshalb wird ganz zum Schluss – wer hätte das am Anfang ahnen können? – sogar noch ein Kind geboren. Wenn das kein Happy End ist.
(Aus: Rowohlt Revue 89, Autor: Karl Kessler)