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Kathrin Passig/Aleks Scholz: Verirren

© Matrix Buchkonzepte

«Homer hätte wenig zu erzählen gehabt, wenn Odysseus auf dem kürzesten Weg nach Hause gekommen wäre»: In diesem Satz steckt die ganze Quintessenz von Verirren, dem neuen Buch von Kathrin Passig & Aleks Scholz. Eigentlich haben wir es hier mit einer Fortschreibung ihres 2008 erschienenen Bestsellers Lexikon des Unwissens zu tun.
Verirren ist cool. Weil: 1. Verirren spart Zeit. 2. Verirren spart Geld. 3. Verirren ist Urlaub. 4. Wer sich verirrt, entdeckt die Welt. 5. Wer sich verirrt, lebt länger. Und überhaupt: Orientierung ist eine Illusion. Kurz: Wer öfter einmal in die Irre geht, sieht mehr von der Welt. Wer sich nicht sklavisch an den üblichen Wegmarken orientiert, hat mehr vom Leben. Das ist übrigens keine neue Erkenntnis, wie folgender Satz aus einem alten Wanderführer aus dem 19. Jahrhundert belegt: «Irre gehen ist gar ein rechter Segen, wer mit Verstand und Studium irren geht, der macht überhaupt keine Irrwege, er macht höchstens Umwege.» Helmut Schümann hat sich für die Rowohlt Revue in dieser «Anleitung für Anfänger und Fortgeschrittene» verirrt: mit Genuss und Gewinn.

Kleines Loblied der Orientierungslosigkeit

Seien wir ehrlich: Verirren halten wir für nichts Erstrebenswertes. Im Verirren steckt der Irrtum, und wer irrt schon gerne, freiwillig und mit Vorsatz? Kathrin Passig und Aleks Scholz tun es, mit vollem Vorsatz und großer Freude. Und haben sich dann hingesetzt und ein Loblied des Verirrens geschrieben. Ganz offensichtlich, man merkt das bei der Lektüre, ebenfalls mit großer Freude. Und mit absoluter Überzeugungskraft.

Verirren ist nicht dumm, verirren kann natürlich gefährlich werden, wenn man in Sümpfen oder im Berg feststeckt, verirren ist aber auf jeden Fall eine hervorragende, wenn nicht die beste Methode, die Welt und sich selbst zu betrachten. Man kennt das: Eine fremde Stadt, man läuft per Stadtplan durch die Straßen, folgt dem Reiseführer, und schaut kaum einmal auf. Oder man hat keinen Stadtplan, keinen Reiseführer, lässt sich treiben, kommt mal hier hin, mal da hin, mit absoluter Sicherheit auch an die Stellen, die ein Reiseführer gepriesen hätte. Wer hat am Ende wohl mehr gesehen, erlebt, erfahren?

Autoreninfo

Kathrin Passig, geboren 1970, lebt in Berlin. Sie ist Mitbegründerin der Zentralen Intelligenz Agentur und Redakteurin des Weblogs «Riesenmaschine»,...
mehr über die Autorin
Verirren – im Zeitalter von GPS und Google Maps eines der letzten Abenteuer

Weil Verirren die Neugier auf den Plan ruft und die das Hinschauen. Und beide zusammen ermöglichen die Entdeckung. «Die langweiligste Verbindung zwischen zwei Punkten ist eine Gerade», zitieren die Autoren eine australische Weisheit. Und das ist, wie das ganze wunderbar vergnüglich und lehrreich zu lesende Buch, nicht einfach eine Maxime des Wanderns, sondern eine tief philosophische Erkenntnis.

Und so kann man Verirren nämlich auch lesen: Als Aufforderung zur Entdeckung und Hinwendung zum Unbekannten. Und dann kommt man nach Holzwegen und Irrwegen zu den existentialistischen Fragen des Lebens: «Was mache ich hier eigentlich?», «Wie bin ich hierher gekommen?», «Wer hatte diese bescheuerte Idee?» und «Wie, verdammt noch mal, komme ich hier wieder weg?» Fragen, die Karten, GPS- und Navigationssysteme nur unzureichend beantworten. Das muss man schon alles selber herausfinden. Trial and error ist immer noch der einzige Weg, seinen Weg zu finden.

(Aus: Rowohlt Revue 89, Autor: Helmut Schümann)