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«Ich spreche wie andere, ich bewege mich wie andere, aber ich gehöre nicht dazu.» Mascha, die Heldin von Katerina Poladjans Debütroman In einer Nacht, woanders, hält sich für eine Hochstaplerin, weil sie kein Zuhause hat. Oder doch, sie hat eins. Das Haus ihrer Kindheit steht in Bykowo, unweit von Moskau, einsam im Wald, verlassen nun, da die Großmutter gestorben ist.
«Mit ihrem Buch bereitet die in Moskau geborene Debütantin in zahlreichen Momentaufnahmen farbig und leuchtend den Gegensatz zweier Kulturräume auf.» (Die Welt)
Mascha lebt in Deutschland, unterrichtet Kinder, vor denen sie sich fürchtet. Jetzt muss sie einmal noch heimkehren, um fortzugehen. Ein Haus verkaufen, Erinnerungen ertragen, ein Geheimnis lüften, Pjotr mit dem Hängeauge treffen. Der war immer da. Ging der Großmutter zur Hand. Vielleicht wärmte er ihr auch den Hintern. Er kümmerte sich um Mascha und hielt das Haus in Schuss.
Pjotr, wer ist Pjotr? Warum gingen die Eltern erst nach Deutschland, um sich dann zu trennen? „Meine Mutter ist nicht vor der Diktatur geflüchtet, sondern vor ihrer Mutter.“ Eine tote Großmutter, eine verrückte Mutter in einer deutschen Psychiatrie, ein abwesender Vater, Schnee in Bykowo, Erinnerungen, denen längst ein Grab geschaufelt war. „Alles ist ganz anders, und alles ist, wie es war.“ Mascha kehrt heim. Entweder wird sie vom Haus ihrer Kindheit verschluckt oder sie gibt dem Haus einen Tritt.
Katerina Poladjan hat einen schönen Roman geschrieben. In staunenswerter Atemlosigkeit und präziser Sprache, die sich kurzer Sätze bedient und doch prall und üppig wirkt. Es ist der 1971 in Moskau geborenen Autorin gelungen, Melancholie in Szenen und Beschreibungen zu übersetzen – manchmal geradezu nüchtern und oft ein kleines Universum in zwei Sätze fassend. «Opa Lenin hing in der Eingangshalle, die viel größer war, als es von außen schien, und lächelte warm auf die Kinder herab. Seine Augen blickten gutmütig, und ich stellte mir vor, wie sein Spitzbart regelmäßig von einem Kind mit der Bastelschere gestutzt wurde.»
So liegt mit dem Debütroman Katerina Poladjans zugleich ein Meisterstück vor. In das verliebt man sich schon auf den ersten zehn Seiten und beschließt nach einundzwanzig Seiten, es gleich heute und hier und jetzt zu Ende zu lesen. Auf Seite 21 begegnet Mascha dem Wolf. «Er hat gelbe Augen. Ich gehe weiter, und er folgt mir.» Unmöglich, jetzt mit dem Lesen aufzuhören.
Die Autorin kam als Kind nach Deutschland, aber Lehrerin ist sie nicht geworden, sondern Schauspielerin. So wissen wir nicht, ob diese Geschichte ihre Geschichte ist. Aber es ist auch völlig egal. Denn In einer Nacht, woanders ist eine gute Geschichte.
(Vorabdruck aus: Rowohlt Revue 92, Autorin: Kathrin Gerlof)