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Karla Schefter: Ich gebe die Menschen nicht auf

© Privat

Dies sind Geschichten aus einem Land, das wir fast nur aus Kriegsberichten kennen. Geschichten, erzählt von einer Frau, die seit 1989 den größten Teil ihres Lebens in Afghanistan verbringt. Nach Deutschland kommt Karla Schefter, Jahrgang 42 und einst leitende OP-Schwester in Dortmund, um Spenden für ihr Hospital zu sammeln. Das steht in Chak-e-Wardak, einer zentralafghanischen Provinz. Es ist ein Krankenhaus für alle Menschen – egal, auf welcher Seite sie kämpfen oder unter welchen Kämpfen sie leiden.

Rund 86.000 Patienten erhalten dort Jahr für Jahr kostenlos medizinische Hilfe. Ein Wunder ist dieses Krankenhaus, denn es hat alle Regime und jeden Krieg überstanden. Oft musste dafür ein hoher Preis gezahlt werden. Auch die Autorin blieb von Gewalt nicht verschont. Angst war immer da, sagt sie. Hoffnung auch.

Afghanistan ist meine Bestimmung

Karla Schefter führt uns in ihrem Bericht Ich gebe die Menschen nicht aufdurch die Jahre; das erste Kapitel beginnt 2002, der Epilog endet 2010. Anhand der Geschichten und Schicksale ihrer Patienten und Kollegen zeichnet sie ein ungeschminktes Bild des von Gewalt und Armut gebeutelten Landes. Eines Landes, in dem so viele Menschen an Depressionen leiden und unfassbar verworrene Verhältnisse herrschen und das durch den permanenten Kriegszustand mehr und mehr verroht.

Schefter beschreibt, wie sie nach den Regeln afghanischer Traditionen arbeitet und lebt und der Krieg auch diese Regeln nach und nach aushebelt. Die einzige Chance, wenn Rechtsstaatlichkeit nicht mehr gilt: Sich den Feind zum Freund zu machen oder zumindest nicht Partei zu ergreifen. Außer für die Kranken – krank sind alle gleich. Für den Augenblick.

Bitter? Vielleicht, aber es ist kein bitteres Buch. Karla Schefter bleibt viel zu dicht an den Menschen und Schicksalen und Situationen. So entsteht der Eindruck, dass sich in fast jeder und aus jeder Situation – und sei sie auch noch so verfahren – ein Ausweg finden lässt. Dabei ist manches nicht frei von Situationskomik – wunderbar die Beschreibung einer afghanischen Psychotherapeutin, die der durch einen Sturz verletzten Karla Schefter enthusiastisch zwar nicht hilfreiche, aber doch sehr akrobatische Übungen empfiehlt.

Kriegsalltag im Andersland

Schefter beschreibt eindringlich, alltagsnah und plastisch die seit 2001 immer größer werdende Kluft zwischen Stadt und Provinz. Die Situation der Frauen auf dem Land hat sich extrem verschlechtert. Sie sind die großen Verliererinnen. Dies zu erfahren, und dann von einer Reise der Autorin in den Norden des Landes zu lesen – «Für mich bleibt Afghanistan ein Andersland mit Andersländern» – macht die Zerrissenheit deutlich, die vielleicht alle empfinden, die mehr als einen flüchtigen Blick erübrigen für ein Land, das in der hiesigen Medienwelt auf Korruption und Terror, Tod und Gewalt reduziert wird.

Nein, jenes Afghanistan, wie es uns hier vorgestellt wird, kennen wir nicht. «Sie hat die Gabe, die Temperatur eines Landes messen zu können», notierte ein Reiseschriftsteller über Karla Schefter. Nun hat sie aufgeschrieben, wie die Temperatur von Afghanistan ist. Jeden Tag anders. Das entlässt uns klüger als wir vorher waren.

(Aus: Rowohlt Revue 91, Autorin: Kathrin Gerlof)