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Julia Suchorski (Hg.): St. Pauli unser

© Matrix Buchkonzepte

Jetzt ist auch noch «uns Uwe» zu Pauli übergelaufen – weshalb sonst sollte die HSV-Ikone in dieser kleinen Festschrift zum 100sten Jubiläum des Kultclubs vom Kiez mit einem liebevollen Beitrag dabei sein? Könnte man denken. Ist aber nicht so. Und doch: Auch Uwe Seeler gehört zu den vielen Prominenten, die sich zum runden Geburtstag des FC St. Pauli an der Erfolgsstory vom Millerntor erfreuen: Peter Lohmeyer, Harry Rowohlt, Steffan Gwildis, Krista Sager, Wladimir Klitschko, Simone Young, Klaus Bednarz, Lou Richter, Simon Beckett, Petra Oelker, Reinhold Beckmann, Achim Reichel …

Dass Uli Hoeneß’ Herz im Prinzip einem ganz anderen Verein tief in Deutschlands Süden gehört – wer will ihm daraus einen Vorwurf machen? Schließlich hat der Boss des deutschen Rekordmeisters in einer prekären Situation dafür gesorgt, dass dem Kiezclub im Rahmen der Retter-Kampagne durch ein Benefizspiel bitter nötige Einnahmen zur Abwendung der Insolvenz zuflossen. Jetzt, wo Aufstieg Nr. 5 in die 1. Fußball-Bundesliga nur noch durch den größten Kraftakt der ballorientierten Geschichte verhindert werden kann (nämlich durch einen Sieg des FC Augsburg auf dem Betzenberg in Kaiserslautern mit mindestens 16 Toren Differenz bei gleichzeitiger Heimniederlage von St. Pauli am letzten Spieltag) ... jetzt können die Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag kommen: Punktlandung nennt man sowas!

«Volker, hör die Signale»: Die Freibeuter der Liga

Natürlich ist nicht alles Gold, was in diesen turbulenten Feierwochen rund um den Kiez so glänzt. Das Präsidium, speziell Präsident «Corny-Pony» Littmann, der Besitzer des Schmidt-Theaters auf der Reeperbahn, gerät immer wieder unter Beschuss, speziell aus Kreisen der Ultras unter den Fans: weil die Metamorphose des FC St. Pauli zu einem «normalen mittelständischen Fußballbetrieb» mit der Historie und den Idealen des Vereins unvereinbar sei. Und weil das Stück um Stück neu entstehende Millerntor-Stadion mit VIP-Raum, Business-Seats und Logen ein Verrat am Wesen von Braun-Weiß wäre.

Das Schöne am FC St. Pauli ist das spannungsgeladene (aber bestens moderierte) Nebeneinander von Normalität und Exzentrik, von (neuer) betriebswirtschaftlicher Solidität und alternativer Fankultur, von Kommerzkalkül (siehe das florierende Pauli-Merchandising!) und all den Posen der Rebellion und Unangepasstheit (vom omnipräsenten Totenkopf bis zu «Hell’s bells». der Einlaufhymne von AC/DC), kurz: von Renditedenken und Punkattitüde als den beiden Seiten einer Medaille. Sportdirektor Helmut Schulte kommentiert das mit wahrhaft hanseatischer Gelassenheit: «Die Fans, die Kampffußball in einem schrottigen Stadion wiederhaben wollen, vergessen, dass wir Geld verdienen müssen. Mode und Musik verändern sich, die Fußballkultur eben auch. St. Pauli war immer ein toleranter Verein, und das muss so bleiben. Jeder soll nach seiner Fasson glücklich werden. Lude oder Manager – ich habe beide lieb.»

Der FC St. Pauli als anarchisch-fröhliches Gesamtkunstwerk

Wie heißt es so schön: «Und jetzt zurück zum Sport ...» Neben zahlreichen Titeln als Meister der Regio nalliga Nord konnte der FC St. Pauli bislang vier Aufstiege in die 1. Bundesliga feiern: 1977, 1988, 1995 und 2001. Sogar Tabellenführer in der obersten Spielklasse war man einmal: nach einem 4:2-Heimsieg gegen den TSV 1860 München am 1. Spieltag der Saison 1995/96,. Unvergessen ist der 6. Februar 2002, als der FC St. Pauli als Tabellenletzter mit 2:1 am Millerntor den FC Bayern München düpierte – jener Tag, an dem das grandiose Wort «Weltpokalsiegerbesieger» das Licht der Welt erblickte.

Aber in dem in abgegriffenem Gebetbuch-Schwarz gehaltenen Band werden nicht nur Paulis (noch überschaubare) Erfolge abgefeiert oder an legendäre Spieler wie Peter «Oschi» Osterhoff, Volker Ippig, André Golke, Dirk Dammann, «Eisen-Dieter» Schlindwein, «Schlangen-Franz» Gerber, Leonardo Manzi oder Klaus «Das Tier» Thomforde erinnert.

Es gab auch jene anderen Momente (Stichwort: Klopperfußball & Kiezchaos), an die – typisch Pauli! – gerade die treuesten Fans erinnern. Denn wer diesen Verein liebt, muss leiden können, und zwar tief und ausdauernd. «Schließlich hatte der eigene Verein jahrzehntelang mit Grätschen, Misswirtschaft und grenzenlosem Dilettantismus geglänzt. In meiner Erinnerung an 20 Jahre FC St. Pauli tauchen immer wieder dieselben Motive auf: Gewürge und Gegurke auf dem Platz, katastrophale finanzielle Bilanzen, hanebüchene Einkaufspolitik. (…) In einem Song auf einer FC-St.-Pauli-CD heißt es zwar. ‹Auswärtsspiele dürfen auch mal richtig scheiße sein.› Doch diese Devise galt offensichtlich auch für Heimspiele.» (Urs Willmann)

Tempi passati, zum Glück präsentiert der Verein sich seit ein paar Jahren erfrischend runderneuert: die Fußball-Moderne hat Einzug am Millerntor gehalten, nicht zuletzt dank Trainer Holger Stanislawski. Zumindest heute gilt, was die Grünen-Politikerin Krista Sager über ihren Lieblingsverein sagt: «90 Minuten be St. Pauli blasen dir die Birne frei» (jetzt mal rein fußballerisch betrachtet …).

St. Pauli unser erzählt ein Stück lebende Fußball-Legende: von einem der bedeutendsten Vereine Norddeutschlands, der wie kein anderer in einem Stadtteil verwurzelt ist. Das Millerntor-Stadion als Stammkneipe: Astra, Schietwetter, spektakulär ironische Choreografien, Totenkopf-Fahne. Und die (nicht nur politisch) besten Fans im bezahlten Fußball: Nirgendwo sonst kann man als einer, der einigermaßen klar im Kopf ist, Fußballspiele in einem garantiert rassismus-, homophobie- und sexismusfreien Umfeld genießen. «Der Club vom Millerntor war der erste in Deutschland, der ein Verbot sexistischer und rassistischer Äußerungen in seine Stadionordnung schrieb.» (Klaus Bednarz)

Viva con Agua de St. Pauli

Eike Schönfeld, der in Hörweite des Millentor-Stadions literarische Texte aus dem Englischen übersetzt, rühmt seinen Lieblingsspieler Dirk Dammann (275 Pflichtspiele für Pauli, keine rote und keine gelb-rote Karte), einen Heroen jener Jahre, als die Viererkette noch «Verliererkette» hieß. Wolfgang Knauer, vierzig Jahre als Redakteur, Reporter und Moderator beim NDR, gerät noch heute ins Schwärmen darüber, wie er dank Hörfunklegende Kurt Emmerich beinahe zu seinem ersten Livespiel ins Stadion auf dem Heiligenfeistfeld am Hochbunker gekommen wäre – wenn nicht just an diesem Tag in Dallas die tödlichen Schüsse auf Präsident John F. Kennedey gefallen wären. Einer der prominentesten Fans des Kiezklubs stammt aus Sheffield: Bestsellerautor Simon Beckett, der an den FC St. Pauli wie die Jungfrau zum Kinde ….

Einer der ganz besonderen Beiträge kommt unter der schönen Überschrift «Die Stille nach dem Schuss» daher. Benjamin Adrion, ehemaliger Fußballprofi von St. Pauli, beichtet darin nicht nur, wie im Frühjahr 2004 ein von ihm fatal schlecht geschossener Elfmeter gegen die 2. Mannschaft des 1. FC Köln seine Karriere endgültig beendete; vor allem erzählt er von dem Hilfsprojekt Viva con Agua, für das er heute hauptamtlich tätig ist. In der Winterpause 2004/05 war seine Mannschaft ins Trainingslager nach Kuba gefahren, als erstes westliches Team überhaupt. Zurück in Hamburg, gründete er mit Freunden das Trinkwasser-Projekt, dessen Ziel es war, Kindergärten auf Kuba mit Trinkwasserautomaten auszustatten, mit dem Ziel, keimfreies Wasser zumindest für viele Minikubaner bereitzustellen. Viva con Agua, eine Erfolgsgeschichte, bis heute: Das gesamte Umfeld des Vereins engagierte sich – auch das bis heute:

«Spendendosen füllten sich rasch, Clubs wie das Knust unterstützten uns spontan, St. Paulianer stellten ihre Dienste als Grafiker, Anwalt, Buchhalter oder Steuerberater kostenlos zur Verfügung, organisierten Konzerte, rührten die Werbetrommel. Die Ultras steuerten Choreos im Stadion bei, und der ganze Stadtteil wurde aguaisiert! Ohne den FC St. Pauli glorifizieren zu wollen, aber ich kann mir keinen anderen Verein in Deutschland vorstellen, bei dem ein solches Projekt von so vielen verschiedenen Menschen gepusht und getragen würde.» (Benjamin Adrion) Mittlerweile wurden mehr als 700.000 Euro gesammelt und elf Trinkwasserprojekte überall auf der Welt realisiert. Auch das ist Kultir nach St.-Pauli-Art!

Und jener andere Hamburger Verein, wie hieß er noch mal gleich? «HSV? Haa-Ess-Fauhau? Ist das nicht dieser Tennisclub mit Fußballabteilung?» (Harry Rowohlt) Genau, Harry, genau der! Aber das ist jetzt weder der Ort noch der Zeitpunkt für Spott, nach Guerrero-Flugangst, Labbadia-Entsorgung, fliegenden Wasserflaschen, Rost-Ausrastern, Fulham und all den anderen Nackenschlägen. Nihil nisi bene …

Julia Suchorski (Hg.) rororo 192 S.
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