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Jürgen Kuttner: Die Geburt des radikalen Islamismus aus dem Hüftspeck des deutschen Schlagers

© Thomas Aurin

Er macht etwas, was kein anderer macht. In seinen Videoschnipselvorträgen, die er seit 1996 gemeinsam mit André Meier an der Berliner Volksbühne inszeniert, unterbricht Jürgen Kuttner mit scharfen Schnitten die uns von früh bis spät umtosende Bilderflut. Er hält die flimmernden, flackernden, flutenden Bilder an, um dann messerscharf zu analysieren, was da gerade auf unser Klein- und Großhirn einprügelt. Das ist ganz schön schlau und extrem lustig. Kuttner muss man sehen und hören. Und man sollte ihn unbedingt auch lesen, um den medialen Irrwitz in seiner ganzen Dreistigkeit zu erfassen. Bild läuft – Ton ab …

Im Vorwort heißt es: „Sie halten hier den Versuch in den Händen, die Deutungshoheit über die Historie und ihre Bilder von den Kathedern der Universitäten, den Redaktionsstuben selbsternannter Meinungsmacher und nicht zuletzt den T-Shirt-Produzenten zurückzuerobern. (…) Und Sie werden sehen, zweieinhalb Minuten Jacob Sisters in Teheran verraten mehr über die Hintergründe von 9/11 als der entsprechende amerikanische Kongressbericht oder die gesammelten Foltergeständnisse aus Guantánamo. Und der Schwanengesang eines volkseigenen Silvesterknaller-Produzenten erzählt mehr über die wechselvolle deutsche Geschichte – von Rosa Luxemburg über den gescheiterten Hitler-Attentäter Georg Elser bis zum von der RAF niedergestreckten Treuhand-Chef Detlev Rohwedder – als alle zeitgeschichtlichen Dokumentationen des Jahres 2009 zusammen.“

„Kuttner ist super!“ (taz)

Wow – das ist mal ein selbstbewusstes Statement! Das kommt aber nicht von ungefähr. Schon der Buchtitel verrät ja im Groben, dass schwerbewaffnete Phänomene wie Osama bin Ladens al-Qaida und die Taliban im Kern ein ureigenes deutsches Problem darstellen. Bei Kuttner begegnen wir den bizarrsten Zeugnissen deutscher Fernsehgeschichte, die oft mit ebenso bizarrem anderem Material verknüpft werden. Ob SED-Sexualaufklärer Dr. Fritz Irro bei der feministischen Grundlagenschulung vor jungen weiblichen Werktätigen aufs Ganze geht, Fettecken-Beuys ulkige Abrüstungsgesänge zum Besten gibt oder Ex-Außenminster Joschka Fischer vom eigenen Klingelton peinlich berührt ist: Kleine absurde Episoden wie diese belegen, dass der promovierte Philosoph und Kulturwissenschaftler, der die Ost-taz und mitbegründete und die legendäre Sendung Sprechfunk bei Radio Fritz moderierte, seine intellektuelle Spielwiese gefunden und zu einer Show mit Happeningcharakter ausstaffiert hat.

Seine Videoschipselshows gehören „zum Unterhaltsamsten und Klügsten, was es zur Zeit gibt“ (3sat), das hat sich vielleicht schon herumgesprochen. Aber dass Kuttner auch wie der Teufel schreibt, davon kann man sich in seinem neuen Buch überzeugen. Einige Schnipsel zum Antesten:

„Keen Quatsch, aber …“

Taliban im Teletest. „Ich bin immer wieder erstaunt, dass man sich über das Frauenbild der Taliban so wundert. Der wesentliche Unterschied zu dme unsrigen ist doch kaum mehr als ein technolgischer: Was dem Taliban die Burka, ist der deutschen Öffentlichkeit Photoshop mit seinem Rote-Augen-Werkzeug, dem Soforteparatur-Pinsel und der Möglichkeit, Frauen bis in eine Farbtiefe von 48 Bits nachzubearbeiten, Insofern würde ich für programmatische Bildbearbeitungsbomber für Afghanistan plädieren: Photoshop-Kurse in afghanischen Ausbildungscamps.“

Mario Barth. „Und um Max Horkheimer zu variieren: Wer von den Taliban redet, darf von Mario Barth nicht schweigen. Unbeachtet von der Öffentlichkeit gelang es dem, mitten in der deutschen Hauptstadt, im Olympiastadion, 70.000 geistige Selbstmordattentäter zu versammeln! Kein Bundesinnenministerium schreitet ein, kein Krisenstab beim Kanzleramt interveniert, kein Irren-Experte, kein Scholl-Latour wird um Rat gefragt …“

Bankräuber & Bankgründer. „Und denkt man mit Brecht weiter, der ja in der ‚Dreigroschenoper’ die Frage stellt: ‚Was ist das Ausrauben einer Bank gegen die Gründung einer Bank?’, muss man sich konsequenterweise fragen: Wie gehen Bankgründer vor? Sind die tatsächlich professioneller? Erinnern wir uns nur einmal an den September 2008, als die amerikanischen Investmentbanken reihenweise wegkrachen, aber die Herren in der guten alten Kreditanstalt für Wiederaufbau Dienst nach Vorschrift machen und – bevor sie ins Wochenende starten – noch einmal schnell 300 Millionen Euro an die bereits bankrotte New Yorker Lehman Brothers Bank überweisen. ‚Deutschlands dümmste Bank!’, titelte damals Deutschlands dümmste Zeitung und lag damit so verkehrt nicht. Unter dem Gesichtspunkt der Effektivität muss man freilich ein Loblied des organisierten Kapitalismus singen: Drei oder vier Banker reichen, um 300 Millionen im Bruchteil einer Sekunde verschwinden zu lassen!“

Kriegserklärung mit Johann Sebastian Bach

Einer der Höhepunkte in Kuttners Schnipselprogramm ist die Erinnerung an den 7. Oktober 2001, der Tag, an dem die Bombardierung Afghanistans begann. Bundeskanzler Schröder und sein Außenminister Joschka Fischer traten vor die Presse und begründeten, weshalb von nun an zurückgeschossen werde. Schröder sagte einen seiner markigen Sätze, die einem noch immer in den Ohren dröhnen: „Es gibt zu dieser Auseinandersetzung, die wir gewinnen müssen und gewinnen werden, keine Alternative.“ Wer einen solchen krachledernen Unfug von sich gibt, sagt Kuttner, der lügt, weil es immer Alternativen gebe. „Keine Alternative“ heißt: keine Diskussion, Schnauze halten, wegtreten. Peinlicher als des Kanzlers Militaristenlogik war aber Joschkas Kampf mit seinem Handy.

Genauer gesagt: mit dem impertinenten Klingeln des Geräts, „mitten in die ‚Flugabwehrstellungen’ hinein. Und da sieht man im Gesicht Fischers quasi Mentalitätskabul; eine totale Trümmerwelt.“ Fischer will das Ding in der Tasche wegdrücken: geht nicht. Und während Schröder direkt neben ihm den Krieg erklärt, präsentiert sein Außenminister der Welt zweierlei: Dass er ein Siemens-Handy benutzt. Und sich als Klingelton für Toccata und Fuge d-Moll (BWV 565) von Johann Sebastian Bach entschieden hat, den allerersten von 18 Klingeltönen der Rubrik „klassisch“, der ikonographisch, wie Wikipedia verrät, für „Ernsthaftigkeit“ und „Würde“ steht, also in der Tat als seriöser Bundespräsidenten-, Bundesminister- und Kirchentagspräsidenten-Klingelton designt wurde.

Was die Jacob Sisters mit 9/11 zu tun haben? O.k., das ist schon eine ziemlich steile These, aber verdammt schwer zu widerlegen. Die argumentativen Details sollten Sie bei Dr. Kuttner nacharbeiten, deshalb hier nur die hard facts: Die Jacob Sisters, vier dralle Schwestern aus Schmannewitz mit einer Vorliebe für harmloses Liedgut und weiße Pudel, weilten 1973 im Iran, als dort noch nicht die Ayatollahs ihr gefürchtetes sittenstrenges Regiment führten, sondern Schah Reza Pahlevi an der Spitze eines vom Westen hofierten blutigen Polizeistaats thronte. 1967 hatte selbiger Schah nolens volens für die Radikalsierung der deutschen APO gesorgt, als am Rande der Berliner Proteste der Student Benno Ohnesorg erschossen wurde.

„Sechs Jahre später der Gegenbesuch der Jacob Sisters in Teheran. Und tatsächlich hinterlässt ihr Auftritt eine ähnlich verheerende Spur: Der Schah dankt ab und stirbt in Ägypten an Krebs; Ayatollah Khomeini kehrt aus dem Exil zurück, die Islamische Republik wird gegründet; Mahmud Ahmadinedschad, radikaler Islamismus, Schurkenstaat – zack!“ So ungefähr wenigstens …