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Jürgen Dehmers: Wie laut soll ich denn noch schreien?

© Getty Images

Jürgen Dehmers besuchte die Odenwaldschule (OSO) von 1981 bis 1988 und erlitt durch sein «Familien»oberhaupt Gerold Becker täglich massive sexuelle Übergriffe: täglich, jahrelang. Schwer traumatisiert von seiner OSO-Zeit, versucht er sein Leben erst mit Alkohol und Drogen auszubalancieren, später durch Hochleistungssport, Selbsthilfegruppen und Therapien. Ein Kampf um Normalität, Stück für Stück. Wie laut soll ich denn noch schreien? Die Odenwaldschule und der sexuelle Missbrauch ist die erste Veröffentlichung eines Betroffenen. Dehmers begnügt sich nicht damit, die Täter anzuklagen, sondern zeigt auf, welche Vorgaben und systemimmanenten Strukturen die sexuelle Gewalt ermöglicht haben und über Jahrzehnte aufrechterhalten konnten.

Wir veröffentlichen einige Passagen aus dem Prolog von Jürgen Dehmers Buch. Daraus spricht das ungläubige Entsetzen, die ganze Wut über das, was ihm und vielen anderen Schülern an der legendären Reformschule angetan wurde.

«Gerold ist wieder an der OSO. Wir müssen was machen …»

Das Telefon klingelte, ich meldete mich wie gewohnt. «Jürgen Dehmers.» Es war relativ spät, normalerweise rief kaum jemand am fortgeschrittenen Abend bei mir an. Ich stand im Wohnzimmer und ging eher reflexartig ans Telefon, als dass ich wirklich mit jemandem hätte reden wollen. Es war der Übergang vom Frühling zum Sommer, die Saison hatte begonnen, und ich war müde vom Triathlon-Training. Das war 1998, ich war zu diesem Zeitpunkt 29 Jahre alt. «Hallo, hier ist Thorsten, Gerold ist wieder an der OSO. Wir müssen was machen.»

Thorsten ist mein Freund, mein Bruder. Wir haben gelacht, gestritten, gefeiert, uns nach der Schulzeit aus den Augen verloren, wiedergefunden, und nun sind aus den zwölfjährigen Jungs, die sich damals, als sie sich das erste Mal im Sommer 1981 an der Odenwaldschule begegneten, gegenseitig für Mädchen hielten, weil sie beide süß waren und lange Haare hatten, Männer geworden. Thorsten war einen Monat jünger als ich, also fast ein Zwillingsbruder. Gerold Becker war von 1972 bis 1985 Schulleiter der Odenwaldschule. Bereits seit 1969 war er dort Lehrer.

Über die sexualisierte Gewalt, die uns von Gerold Ummo Becker angetan wurde, hatten wir nie gesprochen. Es gab keine Andeutungen, keine zotigen Witze, keine Hinweise zwischen uns beiden. Es gab nichts. 16 Jahre lang. Thorsten brauchte keine Erklärungen. Es war alles klar. Glasklar. Wir brauchten nicht viele Worte. Ich erwiderte: «Ja. Wir müssen was machen. Das ist klar.»

Sexuelle Gewalt im pädagogisch geschützten Raum

Mein gesamter Körper war in Alarmbereitschaft. Mein Puls schlug höher, ich begann zu schwitzen, Adrenalin schoss durch meine Adern. Ich hatte sofort wieder ein Gespür für die Gefahr, die von Becker ausging. Ich hatte sofort wieder Bilder in meinem Kopf von meinen Erlebnissen mit ihm. Ich war wach. Hellwach. Doch statt der Starre und der Angst, die ich als Kind empfand, wenn Becker mir zu nahe trat, war ich nun bereit zu handeln, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken, was diese Entscheidung für Konsequenzen haben würde.

Was wir damals nicht wussten, was Becker nicht wusste, was niemand
wusste: An diesem Abend haben wir damit begonnen, die Geschichte der Odenwaldschule neu zu schreiben. Unsere Geschichte mit der Odenwaldschule neu zu schreiben. Unsere Lebensgeschichte neu zu schreiben. Inzwischen haben unzählige Menschen ihre Biographien neu schreiben müssen.

Becker, der pädokriminelle Schulleiter, der über fast zwei Jahrzehnte lang Schüler der Odenwaldschule systematisch und in inflationärem Ausmaß sexuell misshandelt hatte und der nach seinem Abschied aus der Odenwaldschule seine Karriere als einer der bedeutendsten Pädagogen der Bundesrepublik fortsetzte, hatte nicht mit uns gerechnet. Man sieht sich immer zweimal. Aber Becker war kein einsam handelnder Pädokrimineller. Und wir nicht die ‹beiden bedauerlichen Einzelfälle›, zu denen uns die Verantwortlichen der Schule immer machen wollten. (…)

Non-Fiction? 100 Pro.

Heute wissen alle:An der Odenwaldschule gab es viel mehr Täter, es gab viel mehr Opfer, es gab ein System von Menschen, die diesen ganzen Wahnsinn erst möglich gemacht haben. Die beste Schule Deutschlands war eine Hölle für Kinder, dazu verkommen, um die perversen Bedürfnisse von Erwachsenen zu befriedigen. Ideologisch. Sexuell. Gehirnwäsche plus Folter. Two in one. Vom Bundespräsidenten Johannes Rau im Jahr 2005 als «Besonderer Ort» gewürdigt. Die Urkunde hing im Jahr 2010 noch groß im Bürohaus der Schule.

Als mir Dr. Uwe Naumann vom Rowohlt Verlag bei unserem ersten Gespräch seine Visitenkarte gab, fiel mir eine Zeile darauf auf. «Programmdirektor Non-Fiction». Ich musste lachen. Diese Geschichte ist allerdings «Non-Fiction». 100 Pro.»