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DAS INTERVIEW: Joseph O'Neill
In Ihrem Roman Niederland erzählen Sie die Geschichte eines Holländers namens Hans van den Broek, der an der Wall Street viel Geld verdient und nach dem 11. September von seiner Frau verlassen wird. Doch dann freundet er sich beim Cricketspiel mit einem Immigranten aus Trinidad an, einem Träumer und Schieber, der ihm eine ganz andere, höchst lebendige Seite von New York zeigt.
Als mich Leute während des Schreibens fragten, wovon mein Buch handelt, und ich das Wort Cricket erwähnte, waren sie immer drauf und dran, den Raum zu verlassen. Also bin ich irgendwann umgeschwenkt und habe gesagt: Das Buch handelt von New York nach dem 11. September. Dann hörten sie zwar weg, aber sie blieben zumindest da. Ich war am Anfang sehr unsicher, ob überhaupt jemand diese Geschichte lesen wollte. Das ist allerdings eine Sorge, mit der sich jeder Romanschriftsteller herumschlagen muss.
Ist es nicht mehr noch ein Buch über den «amerikanischen Traum», der in New York weiterlebt? Schließlich besteht das «Niederland», das andere New York, das Hans kennenlernt, aus Immigranten, die es um jeden Preis schaffen wollen …
Frank Sinatras Refrain «If you can make it here, you can make it anywhere» ist irreführend. Wer es in New York nicht schafft, schafft es nirgendwo. Diese Stadt ist lebendig und offen. Es ist vieles erlaubt, und es geht auch immer ein bisschen von dem, was nicht erlaubt ist. Jedes Jahr strömen immer noch Zehntausende Immigranten nach New York. Vierzig Prozent aller New Yorker sind nicht in Amerika geboren. Sogar Cricket wird hier gespielt, dieses alte englische Kolonialspiel.
Sie spielen selbst jeden Samstag.
Mein Club liegt in Staten Island. Die anderen Spieler stammen aus Indien, Pakistan, Bangladesh, Trinidad. Viele meiner Mitspieler können kaum lesen und schreiben, und dennoch – ihre Söhne und Töchter werden Ärzte und Rechtsanwälte.
Der gewitzte Chuck Ramkissoon aus Trinidad, in Ihrem Roman das Gegenbild von Hans, wirkt geradezu skrupellos im Vergleich zu dem verweichlichten Westeuropäer.
Chuck kann sich den Luxus, materielle Sorgen zu ignorieren, nicht leisten. Sein Motto: Think fantastic. Er will Cricket zum Volkssport in Amerika machen, hat ein koscheres Sushirestaurant und gefährliche Kontakte zur russischen Mafia. Die Geschichte der westlichen Philosophie wurde von Leuten geschrieben, die keine materiellen Sorgen hatten, die sich den Luxus leisten konnten, über nichtmaterielle Dinge nachzudenken. Chuck ist ein Träumer, aber er ist auch ein Macher. Dabei bewegt er sich nicht immer im legalen Bereich. Aber New York ist voll von solchen Leuten. In gewisser Weise sind sie der Stadt sogar hochwillkommen, sie braucht solche Menschen.
Sie selbst sind in Irland geboren und in Holland aufgewachsen. In Cambridge wurden Sie zum Rechtsanwalt ausgebildet. Seit 1995 leben Sie als Schriftsteller in New York, sind verheiratet mit einer Amerikanerin und haben drei Kinder. Ein Buch über New York von einem Ausländer und – Außenseiter?
Meine Biographie war bislang immer bedeutungslos für mich als Romanautor. Ich habe Hans zu einem Holländer gemacht, weil ich die Erfahrungen aus meiner Zeit in Holland nutzen wollte, wo ich schließlich auch schon Cricket gespielt habe. Ich habe keinen klar definierten nationalen Hintergrund. Also habe ich nach dem alten amerikanischen Motto gehandelt: Verwandle deine Schwäche in deine Stärke. So kam ich auf Hans aus Holland.
Sind Sie das, was man einen Weltbürger nennt?
Die Welt hat sich jedenfalls in meine Richtung verschoben. Insofern hatte ich Glück. Es gibt immer mehr Leute, die keine eindeutige nationale Identität haben oder sich sogar davon lösen. Bestes Beispiel dafür ist Barack Obama, Sohn einer Amerikanerin und eines Kenianers, geboren auf Hawaii und aufgewachsen in Indonesien. Nationalitäten im klassischen Sinn gibt es immer weniger. Und nirgendwo ist das so wahr wie in New York.
Rachel, die Frau von Hans, verlässt ihn nach dem 11. September.
Vordergründig fürchtet sie sich vor weiteren Anschlägen. In Wirklichkeit ist die Ehe gescheitert. Der 11. September ist schwer in Worte zu fassen. Die Bilder schienen stärker zu sein als jedes Wort. Aber das Ereignis hat das Land und die Menschen verändert. Amerika wurde sich selber fremd durch die Anschläge, und die Erklärung dafür zu finden überließ man anderen. Wegen dieser desaströsen Entwicklung war der Tag für alle eine Zäsur, die oft bis ins Private reichte – eben auch für Rachel. Sie sah sich ihr Leben an, und sie entschloss sich, Hans zu verlassen und nach London zurückzukehren. Ohne den 11. September hätte sie die Entscheidung nicht getroffen.
Was bedeutete der 11. September für Sie?
Zuallererst sorgte man sich natürlich um das Wohl seiner Angehörigen. Ich hatte zwei Söhne zu der Zeit. Aber die Bedrohung ließ nie nach, sie schwebte als Ungewissheit weiterhin über der Stadt. Diese Ereignisse haben uns geformt.
Sie sprachen die politischen Folgen an.
Wir haben die Einschätzung anderen überlassen, und zwar leider der Regierung. Deshalb konnte es zu diesem verheerenden Irak-Krieg kommen. Chuck nimmt demgegenüber im Roman eine ganz andere Haltung ein. Er ist sich sehr wohl im Klaren darüber, dass wir alle nicht herauskommen aus unserer Haut. Er findet sich aber nicht damit ab, sondern ist intelligent genug, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Insofern ist er stärker als Hans. Allerdings sind die Konsequenzen für ihn auch gravierender.
Rachel sagt an einer Stelle, dass dieses Land seinen Präsidenten verdient habe.
Ja. Sie findet ein Land nicht mehr lebenswert, in dem sich die Hälfte der Leute mit einer verbrecherischen Regierung verbündet. Sie findet, das Land habe seine Ideale verkauft. Indirekt redet sie aber über Hans und seine Passivität.
Würden Sie Hans naiv nennen?
Hans ist nicht naiv. Er macht sich nur nicht so viele Gedanken. Als Europäer ist er zwar unschuldig, das entschuldigt ihn aber nicht. Und er ist ein Produkt seiner Klasse und damit in der luxuriösen Lage, sich über sein Glück und seine Zufriedenheit keine Gedanken machen zu müssen. Er beurteilt seine Situation realistisch, aber seine materielle Sicherheit macht ihn noch nicht zu einem zufriedenen Mann. Glücklich ist er nicht.
Die New York Times zählte Ihren Roman zu den fünf besten Büchern des Jahres 2008.
Als das Buch vor etwa anderthalb Jahren fertig war, war ich ein toter Fisch im Wasser. Meine beiden vorhergehenden Romane waren vergriffen. Ich hatte keine Leser. Und nun wollte ich mich als amerikanischer Autor ausgerechnet mit einem Protagonisten präsentieren, der kein Amerikaner war, und mit einem Sport, den kein Amerikaner versteht. Ich hatte mich in eine Ecke hineinmanövriert, das war für jeden erkennbar, nur nicht für mich. Gott sei Dank ging es noch einmal gut aus.
Sie wohnen mit Ihrer Frau und Ihren drei Kindern im legendären Chelsea Hotel, in dem Warhol seine «Chelsea Girls» drehte und früher Jane Fonda, Ethan Hawke und Allen Ginsberg gelebt haben.
Es ist schon eine kunterbunte Mischung, die in dem Hotel wohnt. Kinder, alte Leute, Maler, Fahrradkuriere. Früher war es nicht so teuer dort. Wir haben noch einen alten Mietvertrag. Das Hotel ist ein Relikt der alten New Yorker Downtown. Ich lebe seit zehn Jahren dort.
Ist das Hotel ein stiller Ort?
Es ist sehr still. Nach dem 11. September aber war es sehr laut. Immer wenn sie Überlebende fanden, wurden die von einem Konvoi in das St.-Vincent’s-Krankenhaus gebracht. Das ging wochenlang so, ein Albtraum.
Hans wohnt auch im Chelsea Hotel. Gibt es weitere biographische Bezüge im Buch?
Ich habe manche biographischen Details verwendet, aber der Roman insgesamt ist fiktiv.
Finden Ihre drei Söhne es cool, im Hotel zu wohnen?
Sie kennen nichts anderes.
Fühlen Sie sich zu Hause in New York?
Ja. Viele Amerikaner finden New York unfreundlich. Aber das stimmt nicht. New York ist sehr freundlich. Niemand dort stellt deine Anwesenheit in Frage. Die ganze Stadt wirkt wie ein großes gemeinsames Projekt. Die New Yorker halten zusammen und helfen einander. Das ist in London oder Berlin nicht der Fall. In New York ist es egal, ob man ein Freak ist oder ein Konservativer. Die Stadt gibt dir das Gefühl, dort wirklich willkommen zu sein.
(Das Interview für die Rowohlt Revue führte Michael Saur.)