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José Saramago ist tot

© Matrix Buchkonzepte, C. Modi & M. Orlowski

Am 18. Juni 2010 ist José Saramago, Portugals erster und bislang einziger Literaturnobelpreisträger, im Alter von 87 Jahren in seinem Haus in Tías auf Lanzarote gestorben. In den Nachrufen der Feuilletons wird Saramago als einer der größten Autoren der europäischen Moderne gewürdigt:

Paul Ingendaay, FAZ: «Seine besten Romane – darunter Das Todesjahr des Ricardo Reis, Die Stadt der Blinden, Alle Namen und Das Zentrum – verbinden die Einfachheit einer packenden Handlung mit der Höhenluft des avanvcierten europäischen Romans. (…) Dass er von uns als Menschen etwas forderte und uns zugleich als Leser jeden Formsinn und allen Enthusiasmus, jede Akrobatik der Phantasie zutraute, macht ihn zu einem der wenigen modernen und zugleich volkstümlichen Erneuerer des Romans.»

Gerrit Bartels, Der Tagesspiegel: «So wie mit dem Sterben und dem Tod hat es der portugiesische Schriftsteller José Saramago mit vielen anderen Dingen in seinem Leben gehalten: kämpfen, Widerstand leisten, sich einmischen.»

Evelyn Finger, Die Zeit: «Er fand wie Albert Camus, dass das Elend der Welt und vor allem der Tod keinen Sinn ergeben. Aber anders als Camus war er überzeugt, dass man gegen die Absurdität der menschlichen Existenz anrennen muss – nicht schicksalsergeben wie der Steinewälzer Sisyphos, sondern indem man den Stein nach den Göttern schmeißt.»

«Weil wir sterben, haben wir Gott erfunden»

1922 als Sohn bitterarmer Kleinbauern im Dorf Azinhaga im Ribatejo geboren, hatte Saramago nach dem Besuch einer technischen Fachschule zunächst als Mechaniker gearbeitet, ehe er sich als literarischer Autodidakt in den öffentlichen Bibliotheken Lissabons durch Berge von Romanen, Essays, Gedichten und wissenschaftlichen Werken durcharbeitet. Während der finsteren Jahre der Salazare-Diktatur schloss er sich der verbotenen kommunistischen Untergrundbewegung an; nach der Nelkenrevolution von 1974 war er eine Zeitlang stellvertretender Chefredakteur einer Lissaboner Tageszeitung, später auch Präsident der linken Koalition im Stadtparlament. Desillusioniert vom Versickern der Reformimpulse in der Ära der linken Militärs, speziell vom Scheitern der Landreform, wandelte sich der überzeugte Kommunist zu einem pessimistischen Marxisten: «Den neuen Menschen hat man uns versprochen. Aber vielleicht sollten wir alles daran setzen, so zu bleiben, wie wir sind, um zu verhindern, dass der neue Mensch noch schlimmer wird als der, den wir jetzt haben.»

José Saramagos literarischer Erfolg setzte erst spät ein, in den frühen achtziger Jahren, als innerhalb von vier Jahren drei seiner bedeutendsten Romane erschienen. Das Memorial erzählt vom Bau des Franziskanerklosters Mafra im 18. Jahrhundert, einer größenwahnsinnigen Unternehmung von König Joao V., die Tausende von Menschen das Leben kostete. Hoffnung im Alentejo: die kollektive Biographie der portugiesischen Landarbeiter bis zu jenem 24. April 1974, als der Putsch von linken Militärs das Ende der Salazar-Diktatur herbeiführte. Das Todesjahr des Ricardo Reis: eine Hommage an den portugiesischen Nationaldichter Fernando Pessoa - «ein Buch über die Einsamkeit, ein trauriges Buch über eine traurige Stadt und eine traurige Zeit».

Autoreninfo

José Saramago wurde am am 16.11.1922 in dem Dorf Azinhaga im portugiesischen Ribatejo als Sohn einer Landarbeiterfamilie geboren. Mit zwei Jahren...
mehr über den Autor
Stadt der Blinden, Stadt der Sehenden

Saramagos Romane sind politisch, aber sie sind es – anders als viele seiner in Essays und Interviews geäußerten Überzeugungen – auf eine subtile Weise. Dem «pessimistischen Marxisten» schien, je älter er wurde, die positive soziale Vision abhanden gekommen zu sein, auch wenn er noch mit Manifesten und Reden in der jungen Bewegung ATTAC für frischen Wind sorgte.

«Ich bin kein Pessimist, sondern bloß ein gut informierter Optimist.» Wie könne man die Welt rosarot sehen angesichts dessen, was sich vor unser aller Augen abspiele? «Millionen Menschen werden geboren, um zu leiden; kümmern tut das kaum jemand. (…) Optimist kann eigentlich nur sein, wer gefühllos, dumm oder Millionär ist.» Aber: «Solange es die Welt gibt, ist alles möglich»

In mehreren seiner Romane hat Saramago den Schrecken totalitärer Staatsanmaßung bis zum bitteren Ende getrieben. In Die Stadt der Blinden senkt sich urplötzlich Blindheit über die Menschen, weil sie alles gesehen haben und doch blind sind für das, was um sie herum geschieht. In Die Stadt der Sehenden werden die Menschen über Nacht zu Staatsfeinden erklärt, weil sie an der Wahlurne ein demokratisches Recht in Anspruch genommen haben: weder Ja noch Nein zu sagen, sondern «weiß» zu wählen – 83 Prozent leere Stimmzettel, eine «weiße Epidemie». Ein Skandal - die demokratische Patina verflüchtigt sich in Windeseile, der friedliche Protest der Straße wird mit Gewalt niedergemacht. Panzerpatrouillen, Totalzensur, Belagerungszustand, Terror. «Das Buch eines jungen Autors von 83 Jahren», schrieb Die Zeit damals, «geschrieben mit eigensinniger Weisheit und frischer Wut.»

Mehr als Saudade, Bacalhau und Azulejos

Eines der schönsten Bücher des großen Romanciers ist Die portugiesische Reise – eine liebevoll-poetische Annäherung an das Land am Ende Europas., das er nach der Zensur seines umstrittenen Romans Das Evangelium nach Jesus Christus im Zorn verließ; seither lebte Saramago mit seiner dritten Frau, der spanischen Journalistin Pilar del Río, auf der Kanareninsel Lanzarote. Die portugiesische Reise ist eine Entdeckungsfahrt durch ein unbekanntes Land. Das «Pais do sol», das Land der Sonne, hat viel mehr zu bieten als Azulejos und Saudade, Bacalhau, Fado und den steinernen Fernando Pessoa vor dem Café A Brasileira in Lissabon. Fernab der ausgetrampelten touristischen Pfade entdeckt der mit viel Zeit und Wachheit ausgestattete Reisende die versteinerten Zeugnisse der einstigen Weltmacht, die Burgen und Villen, Klöster und Kirchen, Kunstwerke und Heiligenstatuen.

«Man muss ansehen, was man noch nicht gesehen hat, noch einmal sehen, was man schon gesehen hat, im Frühling sehen, was man im Sommer gesehen hat, tagsüber sehen, was man im Dunkeln gesehen hat, bei Sonne, wenn es beim ersten Mal geregnet hat, die grünen Kornfelder, die reife Frucht, den Stein, der sich verlagert hat, den Schatten, der vorher nicht hier war. Man muss die Wege gehen, die man gegangen ist, sie wiederholen und neue Wege neben ihnen bahnen. Man muss noch einmal zur Reise aufbrechen. Immer wieder. Der Reisende kommt bald zurück.»

José Saramago wird nicht mehr zurückkommen. Aber er hinterlässt ein literarisches Werk, das Bestand haben wird. Eine Preziose ist der 2009 bei Rowohlt erschienene Band Kleine Erinnerungen, eine Art Autobiografie, die mit dem 15. Lebensjahr endet. «Diese Zeit hat mich am meisten geprägt, im Grunde bin ich ein Bauernjunge geblieben.» Dort erfahren wir auch, dass Saramago eigentlich unter einem anderen Namen geboren wurde: als José de Sousa. Weil aber der für den Eintrag ins Geburtenregister zuständige Beamte betrunken war, fand sich hinter dem Vornamen der Eintrag «Saramago»: eine Pflanze aus der Familie der wilden Rauke, von deren Blättern sich die Armen ernährten …