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José Saramago: Kleine Erinnerungen

© Matrix Buchkonzepte C. Modi/M. Orlowski

Diese Aufzeichnungen nannte José Saramago seine «kleine Autobiographie»: ein Bericht über seine Kindheit und Jugend, lebendig, wortgewandt und bewegend. Der Bogen der Erinnerungen spannt sich von dem kleinen Dorf Azinhaga in der Provinz Ribatejo bis zur Metropole Lissabon Mitte der dreißiger Jahre. Es war die Zeit, als das Land fest im Griff der «Eisernen Hand mit dem Samthandschuh» war, die Jahre der Regentschaft von António de Oliveira Salazar, Portugals Diktator und Ministerpräsident für mehr als ein halbes Jahrhundert.
In Saramagos Kleinen Erinnerungen mischen sich liebevoll gezeichnete Porträts, poetische Reflexionen über de Fallstricke der Erinnerung mit historischen Miniaturen. Und immer wieder stößt der Literaturnobelpreisträger auf biographische Spuren seiner Romane. Eine Preziose für Liebhaber großer europäischer Literatur – ein Muss für leidenschaftliche Saramago-Leser.

Das Siegel der Heimat eingebrannt

«Lass dich von dem Kinde führen, das du einmal warst … » Und so beginnt der schmale Band dort, wo Saramagos Leben begann: in Azinhaga, dem Dorf zwischen den Flüssen Almonda und Tejo, wo im Sommer eine mörderisch sengende Hitze und im Winter klirrende Kälte den Menschen das Leben schwer macht. Dieser Landstrich, «flach und glatt wie eine ausgestreckte Hand», hat seine Spuren in dem Kind, das er war, und dem Schriftsteller, der er wurde, hinterlassen. «Von aller Welt unbemerkt, hatte das Kind Ranken und Wurzeln geschlagen, atte dieser zarte Keim, der ich damals war, die Zeit genutzt, seine winzigen, unsicheren Beinchen auf den Lehmboden zu setzen, um von diesem unauslöschlich das Siegel der Heimat eingebrannt zu bekommen …»

Heute ergreift den Schriftsteller in Azinhaga der heilige Zorn angesichts der Ruinierung einer alten Kulturlandschaft durch die kalte Logik der industriellen Moderne. War früher die Gegend von extensivem Olivenanbau geprägt, fällten die Landbesitzer dank einer Umnutzungsprämie aus den Töpfen der Europäischen Gemeinschaft die «unrentablen» Sträucher. «Heute erstreckt sich vor unseren Augen anstelle der geheimnisvollen, etwas unheimlich anmutenden Olivenhaine aus meiner Kindheit und Jugend, anstelle der knorrigen, mit Moos und Flechten bewachsenen Bäume mit ihren Schluflöchern für die Eidechsen, anstelle jene Himmelsdächer aus olivenbehangenen und mit bevölkerten Ästen ein endloses monotones Meer aus Hybridmais.»

Manches liegt für Saramago in der Erinnerung offen da wie ein aufgeschlagenes Buch, Szenen von fotografischer Klarheit: Episoden wie die Begleitumstände seines ersten Rendezvous mit einem Mädchen, in das er verliebt war; seine Urangst vor Hunden, die Faszination für Pferde, kostbare Momente in der Hütte seiner Großeltern, bei denen er aufwuchs. Anderes bleibt diffus, verschwommen oder ist für immer verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt, als habe es bestimmte Bekanntschaften, Begegnungen, Berührungen nicht gegeben.

Autoreninfo

José Saramago wurde am am 16.11.1922 in dem Dorf Azinhaga im portugiesischen Ribatejo als Sohn einer Landarbeiterfamilie geboren. Mit zwei Jahren...
mehr über den Autor
«Die Welt ist so schön ...»

Zu den heitersten Episoden der Kleinen Erinnerungen zählen jene, in denen wir erfahren, wie der junge José beinahe eine Riesenbarbe aus den Wassern des Tejo gezogen hätte (Stichwort: «poetischer Köder») – und weshalb der spätere Literaturnobelpreisträger nicht unter dem Namen José de Sousa, sondern José Saramago in die Geschichte einging. Und dann ist da eine Stelle von solch kostbarer kristalliner Schönheit, poetisch durch und durch – das liebevolle Porträt seines Großvaters, der sich, noch ohne es zu wissen, für den nahenden Tod bereit macht:

«Dieser alte Mann … weiß nicht, wie er sterben wird. Noch weiß er nicht, dass er wenige Tage vor seinem Tod sein Ende ahnen wrd, weshalb er in seinem Garten von Baum zu Baum geht, die Stämme umarmt und sich von ihnen ebenso verabschiedet wie von den Früchten, die er nie mehr essen wird. (…) Du saßest auf der Schwelle deiner Tür, Großvater, die ofen stand zur weiten, sternenklaren Nacht, zum Himmel, über den du nichts wusstest und den du niemals bereist hast, zur Stille der Felder und der dunklen Bäume und sagtest mit der Gelassenheit deiner neunzig Jahre und dem Feuer einer nie verlorenen Jugend: ‹Die Welt ist so schön, und es ist so schade, dass ich sterben muss.› Genau so. Ich habe es gehört.»