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Jonathan Franzen: Freiheit

© Greg Martin

Was die literarische Erforschung des Mikrokosmos Familie angeht, macht Jonathan Franzen keiner etwas vor. Das wissen wir seit den Korrekturen, das weiß man umso mehr nach dem Lesen von Freiheit (jetzt neu als Taschenbuch). Die Berglunds sind eine typische Mittelschichtsfamilie im Mittleren Westen; in St. Paul, Minnesota, stellen sie in ihrer selbst renovierten viktorianischen Villa den Anfechtungen der Zeit, den äußeren wie den inneren.
Vater Walter ist ein netter Typ mit gutem Job als Jurist; in ihm lodert immer mal wieder die Gutmenschenmission, die Welt zu retten, zumindest diverse Populationen bedrohter Singvögel. Seine Frau Patty, Exsportlerin und seit der Geburt ihres Sohnes Joey die perfekte Mutter, träumt von einer neuen Freiheit in ihrem Leben – Träume, in denen in beunruhigender Häufigkeit der Berglund- Freund Richard Katz vorkommt, der ewige Rockmusiker. Wie Jonathan Franzen in der Beschreibung des Mittelklasse-Biotops der Berglunds gleichzeitig eine ganze politische Ära erfasst, ist meisterhaft.


Brigitte: «Glänzende Unterhaltung, nobelpreiswürdige Literatur.»
Stern: «Makelloses Romanhandwerk.»
Die Welt: «Jonathan Franzens Freiheit ist das Meisterwerk unserer Zeit.»
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: «Der beste Familienroman des 19. Jahrhunderts über das 21. (…) Ein umwerfend unerbittliches Porträt der amerikanischen Mittelschicht in den George-W.-Bush-Jahren nach dem 11. September.»

Michael Sauer interviewte in New York vor Erscheinen des Romans den Autor für die Rowohlt Revue.

DAS INTERVIEW

Vor uns liegt, was selten geworden ist: ein literarisches Meisterwerk und ein enormer Bestseller.
Jetzt, wo ich die fünfzig überschritten habe, scheint mir die Presse meine alten Sünden zu vergeben. Nach dem Erscheinen der «Korrekturen» vor zehn Jahren und dem aufgebauschten Skandal um die Talkshow von Oprah Winfrey herrschte so viel dicke Luft, dass ich nun mit sehr viel mehr Widerstand seitens der Feuilletons gerechnet hätte, (Jonathan Franzen wurde mit den «Korrekturen» in die erfolgreiche US-Fernsehshow «Oprah’s Bookclub» eingeladen. Nachdem Franzen sich kurz darauf öffentlich über einige der vorherigen Titel in der Sendung negativ geäußert hatte, wurde er wieder ausgeladen.)

Der jetzige Erfolg des neuen Buches überrascht Sie?
Ich ging davon aus, mit «Freiheit» zunächst zwanzigtausend Leser zu erreichen. Daraus sollte sich eine Art Mundpropaganda ergeben. Zehntausend davon wären solche Leser gewesen, die sich an die «Korrekturen» erinnerten, die anderen zehntausend wären neue Leser gewesen.

Sie sind seit Stephen King vor zehn Jahren der erste Autor, der auf dem Cover des «Time»-Magazins abgebildet ist.
Das mit dem Cover war übrigens mein Vorschlag. Höchste Zeit, den Umschlag wieder mit einem Schriftsteller zu zieren (lacht).

Was wollten Sie in «Freiheit» anders machen als bei den «Korrekturen»?
Nach den «Korrekturen» habe ich mir gestattet, ein Jahr lang glücklich zu sein. Ich war endlich in einer guten, glücklichen Beziehung mit einer Frau, die ich liebe, und ich hatte mit den «Korrekturen» etwas Wichtiges in meinem Leben erreicht, sowohl künstlerisch wie auch in der öffentlichen Anerkennung. Als ich nach diesem Jahr wieder zu schreiben begann, schien es mir nicht mehr angemessen, wütend oder verärgert zu sein. Ich fand, dass meine Wut ein Versteckmechanismus geworden war. Als ich das neue Buch auf den Weg bringen wollte, klang die Wut verkehrt und falsch. Ich war nicht mehr der gleiche Autor, der ich noch in den «Korrekturen» war. Ich habe nun einen Riesenstapel misslungener Anfänge in meinem Büro liegen, denn diese Erkenntnis erreichte mich leider erst nach sieben Jahren.

Wie in den «Korrekturen» geht es in «Freiheit» um eine Familie im Mittleren Westen, deren Geschichte sich über fast fünfzig Jahre auffächert. Trotzdem gibt es keinerlei Ermüdungserscheinungen oder Wiederholungen in den beiden Romanen.
Was vielleicht abzuarbeiten war, habe ich in den «Korrekturen» abgearbeitet. Wenn ich selber mein Leben Revue passieren lasse, sehe ich, dass ich immer Glück gehabt hatte. Ich hatte großartige Eltern und wunderbare Geschwister. Man sollte also davon absehen, meine Geschichten eins zu eins mit meinem Leben gleichzusetzen.

Autoreninfo

Jonathan Franzen, 1959 in der Nähe von Chicago geboren, wuchs in Webster Groves/Missouri auf, einem Vorort von St. Louis. Für seinen Weltbestseller...
mehr über den Autor
«Freiheit ist mein autobiographischstes Buch»

War es zum Schluss genau diese stimmige Gelassenheit, die Sie in «Freiheit» erreichen wollten?
Vieles im Buch war mir zunächst peinlich. Es hat gedauert, bis ich gemerkt habe, dass diese Unsicherheit ein gutes Zeichen war. Ich habe die Charaktere in «Freiheit» zum ersten Mal nicht aus dem Leben geholt, sondern von Grund auf erfunden. Das heißt auch, dass sie mir näher sind als alle anderen davor. Ich wollte den Traum, und ich wollte, dass ihm nichts im Weg stand, weder eine besonders clevere Sprache noch Sarkasmus noch Wut. Ich wollte das Buch rein halten und nicht mit einer Agenda versehen. Ich wollte meine eigene Meinung nicht auf Kollisionskurs bringen mit den Meinungen und Ansichten der Charaktere.

Halten Sie «Freiheit» für Ihr bestes Buch?
Es ist mein autobiographischstes Buch. Nur in der Erfindung kann man wirklich in die Tiefen des Unterbewusstseins vordringen. Der Kampf um die Erfindung meiner Charaktere zwang mich auch, mich selber neu zu erfinden. Ich habe mich verändert im Lauf des Schreibens, das war nötig.

Diese neue Reife war aber nicht von Anfang an ersichtlich?
In einem dunklen Zimmer zu sitzen und an einem Roman zu verzweifeln ist etwas, das irgendwann wie eine unheimliche Zeitverschwendung erscheint. Man kann doch nicht tagelang zusehen, wie die Welt sich verschlimmert und man selbst nichts zuwege bringt. Also fuhr ich 2007 nach China und schrieb eine große Geschichte über das Land für das Magazin «The New Yorker». Die öffentliche Aufmerksamkeit, die dieses Stück dann eben nicht ausgelöst hat, hat mich daran erinnert, was mein eigentlicher Auftrag ist – das Schreiben von Romanen. Also bin ich zurück in mein dunkles Zimmer und habe wieder über mich geschrieben.

Warum überhaupt noch Romane?
Es gibt kein anderes Format, das einen Charakter in all seiner Schärfe und Tiefe zu zeigen vermag wie der Roman. Das schaffen weder Film noch Fernsehen. Auch das deutsche Wort «Roman» ist bezeichnend, denn was einen guten Roman charakterisiert, ist das Gefühl einer Romanze: Alles daran ist neu, das ganze Universum erscheint in neuer Sicht.

Ihre Bücher sind gerade in Deutschland sehr populär.
Was ein Text leisten kann, habe ich von deutschsprachigen Autoren des frühen 20. Jahrhunderts gelernt: Thomas Mann, Kafka, Rilke, Döblin, auch Karl Kraus, Nietzsche und Freud. Was diese Leute über die menschliche Psychologie, über die menschliche Komplexität herausgefunden haben, ist im Wesentlichen vollständig. Vielleicht schreibe ich daher aus einer gewissen Sensibilität heraus, auf die deutsche Leser reagieren.

Der Roman im Internet-Zeitalter

Sowohl «Korrekturen» wie auch «Freiheit» wurde von der Kritik mit den «Buddenbrooks» verglichen.
Als ich sehr jung war, habe ich Thomas Mann erst einmal abgelehnt. Manches an ihm hat mich zu stark an mich selber erinnert (lacht). Heute wächst meine Anerkennung für ihn ständig.

Es wird allgemein konstatiert, dass ständig weniger gelesen wird.
Ich selber lese weniger als früher. Sicher trägt das Internet Schuld daran. Zum Zweiten mag es auch daran liegen, dass ich weniger Bücher finde, die mich interessieren. Wenn ich allerdings auf einen Roman stoße, der mich in seinen Bann schlägt, bin ich damit zufriedener und glücklicher als mit allem anderen, was ich anstelle des Lesens tun könnte. Gäbe es mehr bessere Bücher, vielleicht gäbe es mehr Leser. Wenn ich nun einen Autor sehe, der jedes Jahr oder alle zwei Jahre ein neues Buch fertig hat, werde ich skeptisch. Nur zu schreiben, um alle zwei Jahre ein Buch herauszubringen, ist gewiss nicht das beste Motiv. John Updike war so ein Fall. Niemand war so gut im Beschreiben der visuellen Umgebung, da war er auf Nabokovs Level – aber ich habe mit der Zeit angefangen, an der wirklichen Notwendigkeit seiner Bücher zu zweifeln. Mich interessiert halt der Hund, der im Geröll schnüffelt, mehr als der auf der Hundeshow, wo alles so schön und perfekt zugeht.

Sie haben Teile von «Freiheit» in Berlin geschrieben. Was verbindet Sie mit dieser Stadt?
Ich genieße ihre Leere. Die Stadt ist unfertig. Ich mag die latente Geschichte Berlins, und ich mag seine Offenheit. Man kann lange Spaziergänge machen, ohne viele Menschen zu sehen. Ich mag die soziale Szene dort, ihre Offenheit. In Berlin ist es nicht schlimm, ein schlechter Künstler zu sein. Ich mag die Nähe zur Natur und auch die Nähe zu Polen. Wenn man die Oder überquert, verdreifacht sich die Bevölkerung der Vögel – als leidenschaftlicher Birdwatcher gefällt mir das.

Sie selbst haben keine Kinder. Und doch sind gerade die Abschnitte in «Freiheit», in denen es über Jugendliche heutzutage geht, sehr eindrucksvoll. War es leicht für Sie, die Sprache der Teenager einzufangen?
Viele meiner Freunde haben Kinder, und ich habe Neffen und Nichten. Wir werden außerdem bombardiert von der Jugendkultur. Man muss nur Augen und Ohren aufmachen, dann kriegt man es schon mit. Das geht sicher. Viele Dinge sind vielleicht neu, wenn man heute neunzehn ist – aber vieles ist auch gleich geblieben.

Was fordert Sie als Nächstes heraus?
Es ist nichts schöner, als in einem Roman zu stecken. Dafür bin ich auf dieser Welt, und nichts lässt sich damit vergleichen.

Was tut Ihnen leid?
Es tut mir leid, dass mein Vater das «Time»-Cover nicht sehen konnte. Er liebte das Magazin und las es jede Woche. Meine Eltern haben auch die «Korrekturen» nicht mehr erlebt. Meinem Vater gefiel mein erstes Buch, aber nicht mein zweites. Der Sex hat ihn gestört. Er hielt es auch für eine Attacke gegen die Religion. Nun, es ist schwer, der Vater eines Schriftstellers zu sein. Viele meiner Freunde befinden sich jetzt in der Situation, in der ich mich schon vor fünfzehn Jahren befand – die Eltern sterben. Aber in mancher Hinsicht begann mein Leben auch erst, sich wie ein richtiges Leben anzufühlen, nachdem meine Eltern tot waren.

Vielen Dank