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«Sein verkrampftes, klaustrophobisches Hirn empfand etwas wie Zuneigung für den Tunnel. Es war schließlich sein Kopf, der ihn gefangenhielt, nicht der Tunnel, die anderen Passagiere oder der Zug.» Weiter, immer weiter. Ein Haken, ein blitzartiger Sprung, endlich sind die Verfolger abgeschüttelt, fürs Erste. Lowboy presst seine Stirn an das kühle Fenster des U-Bahn-Waggons. Die vorbeirasenden Tunnelwände, das klackende Rattern der Gleise, das Inferno aus Licht und Schatten und den tausend Geräuschen der New Yorker U-Bahn, all das beruhigt Lowboy. Eigentlich heißt er William Heller, der Junge, der wegen paranoider Schizophrenie in der Bellavista-Klinik psychiatrisch behandelt wird. Er ist einen Tag vor seinem siebzehnten Geburtstag aus der Klapse getürmt, weil er eine Mission hat. Und die kann er nur draußen erfüllen, in dem unterirdischen System, auf dem die Riesenstadt ruht, in der Metro …
«Schon sein Debüt war ein kleines Wunder. John Wrays neuer Roman hat das Zeug zum Klassiker. (…) Es gibt Kunstwerke, die ihre Wucht vor allem dann entfalten, wenn man sich ihnen überlässt. Zu ihnen gehört Retter der Welt.» (Felicitas von Lovenberg, FAZ) «Bildhaftigkeit, Tempo, filmische Schärfe: Durch die Leidenschaft dieser Sprache wird der verrückte, verlorene Traumtänze William zu einer exemplarischen Figur, zu einem Resonanzkörper sehr zeitgenössischer und sehr globaler Ängste. Das gibt dem Roman seine Außerordentlichkeit, seine Kraft …» (Der Spiegel)
John Wray, 1971 als Sohn einer Kärtner Onkologin und eines amerikanischen Leukämieforschers in Washington geboren, weiß den Hype um seinen dritten Roman einzuordnen – und bleibt auf dem Teppich. Extreme Situationen wie Schizophrenie interessieren ihn aus Prinzip («Nichts könnte extremer sein als mit dieser Krankheit zu kämpfen»), und sein Faible für U-Bahnen sei quasi genetisch bedingt, erzählt er: «Mein Onkel hat als Stadtplaner an der U-Bahn Wiens mitgearbeitet. Und ich kann in der U-Bahn gut arbeiten. Dazu braucht man einfach gute Kopfhörer und eine passende Playlist auf dem Laptop.»
Mit Lowboy hat John Wray einen in seiner Einsamkeit, Verdrehtheit und anrührenden Kompliziertheit charismatischen Helden geschaffen, den man so schnell nicht mehr vergisst. Für den Jungen entfernen sich die äußere Welt und seine innere Welt manchmal derart schmerzhaft weit voneinander, dass er in der Gefahr ist, fatale Dinge zu tun – fatal für sich und für andere. Mehr als anderthalb Jahre hat er in einer Klinik verbracht, nachdem er seine Freundin Emily in einem Anflug von Panik auf die U-Bahn-Gleise gestoßen hatte. Nun nutzt Lowboy die Lockerung der Klinikauflagen, um seine Medikamente abzusetzen und den Sprung in die «Freiheit» zu wagen. Diesen Tag muss er einfach nutzen …
Denn Lowboy weiß, dass das Ende naht. Das Ende der Welt. Apocalypse now, genauer gesagt: in exakt zehn Stunden. Diese Spanne bleibt ihm, um die Katastrophe aufzuhalten. Nur er, davon ist der Junge überzeugt, kann die Welt vor dem Klimakollaps, dem Verglühen der Zivilisation retten kann. Dafür muss er seine Jungfräulichkeit verlieren. Für ihn ein logischer Schluss: Da er die glutheiße Welt auch in sich trägt, leidet er an derselben mörderischen Überhitzung. Indem er sich also innerlich abkühlt durch erlösenden Sex (vor dem er sich eigentlich ekelt und fürchtet), so sein Kalkül, würde auch die äußere Welt wieder aus der Kollapszone herausrutschen. Diese Frau muss er finden, er, Lowboy, der Auserwählte, der Retter der Welt. Weil die Begegnung mit der Obdachlosen Rafa anders endet als erhofft, fällt ihm in seiner atemlosen Hektik nur noch Emily als Engel der Erlösung, ausgerechnet Emily ein. In der düsteren Pracht des «Mausoleums», der seit langem nicht mehr angefahrenen U-Bahn-Station unter der City Hall, soll es zu der schicksalhaften, die Zukunft der Erde entscheidenden Begegnung mit dem Hipstermädchen kommen …
Ungeheuren Drive bekommt der Subway-Roman durch die Parallelhandlung: die Jagd des Polizisten Ali Lateef auf Lowboy, die tickende Zeitbombe in den Eingeweiden der Stadt. Der afroamerikanische Detective vom Vermisstendezernat des New York Police Department nähert sich mit List und Empathie dem Jungen. Und verliert ihn doch immer aufs Neue. In ausufernden Gesprächen mit Williams rätselhafter Mutter Violet gelingt es ihm, immer tiefer in die Psyche des Jungen, in die schizoide Logik seiner Weltrettungspläne einzudringen. Lateef gelingt es, die kodierte Botschaft Lowboys an seine Mutter zu entschlüsseln: «Ich moechte mich Dir oeffnen wie eine Blume Violet. Wie eine Bluete in einem Gedicht …»
Retter der Welt ist rasant wie Katastrophenkino. Eine Flucht, die wie ein halluzinierender Amoklauf durch eine Unterwelt aus Licht und Dunkel, Schmutz, Hitze und Lärm wirkt. Von einer U-Bahnlinie in die andere, von einer Station zur nächsten, immer auf der Suche nach der Erlösung, ständig im Wechsel zwischen Oben (wo Lateef und Violet den Jungen einzufangen versuchen) und Unten (wo Lowboy mit unerbittlicher Konsequenz seine Mission verfolgt). Und wenn sich der Weltenretter in seinen inneren Monologen verfängt, sind die Regeln von Syntax und Grammatik auf den Kopf gestellt. Alles passiert gleichzeitig, die Relationen von Ursache und Wirkung, von Wahn und Wirklichkeit verwischen bis zur Unkenntlichkeit. Und die ganze Zeit fragt man sich als Leser, ob es am Ende doch noch Licht am Ende des Tunnels gibt ...