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Schien nicht alles schon gesagt nach dem Tod von John Updike am 27. Januar dieses Jahres? War diese Schlüsselfigur der US-Literatur, der begnadete Menschendarsteller und unermüdliche Chronist der weißen amerikanischen Middle Class, nicht umfassend gewürdigt und seine lässige Brillanz gebührend dargestellt worden? Umso mehr ist man überrascht, freudig überrascht, dass das letzte Wort nun doch noch einmal der große Updike selbst hat. Mit einem besonderen, persönlichen Buch, dem Gedichtband Endpunkt, seiner Frau gewidmet: «Für Martha, die sich noch ein Buch gewünscht hat.»
Ein Band am Ende eines Schriftstellerlebens, das auch mit Lyrik begann. 1958 debütierte der 26-jährige Updike mit The Carpentered Hen, einige wenige der Gedichte erschienen später auch auf Deutsch. Wie ein Kreis, der sich schließt, legt Updike allen, die seine Bücher kennen, aber vor allem auch denen, die einen Einstieg in dieses fast unüberschaubar große Werk suchen, ein letztes kleines Buch auf den Tisch. Ein Abschied, keine Frage.
Und eine Einladung. Gerade weil Updikes Gedichte sehr oft sehr privat, ja «ungeniert autobiographisch», sind, wie sein Biograph Volker Hage feststellt, lernt man dabei auch den Menschen kennen – ohne Maske. Keine Figuren sprechen, keine Szenen werden sorgfältig komponiert, die Verkleidungen fallen hier alle. Dies gilt insbesondere für das lange Gedicht Endpunkt, eine Art Zyklus, mit dem der Band eröffnet. Mit einer Klarheit, aus der in jeder Zeile das Wissen um die letzten Jahre, die letzten Monate herauszuhören ist, lässt Updike sein Leben Revue passieren. Momente der Kindheit, sein Leben als Familienvater und Mann, seine Heimat im Schreiben, die darüber gewonnenen Freunde, das Älterwerden, der Blick über das Erreichte am Ende des Weges.
Am 6. November 2008 die erschreckende, definitive Nachricht: «Anscheinend hat der Tod das Tor/gefunden, durch das er eintreten wird: meine Lungen.» Nur eine Strophe weiter geht das Bild des Endpunkts in das des Kindes über:
... und ich, ein Kind
versetzt in den Weihnachtsmorgen in Shillington –
die Luft sanft und klar, ein Hauch Schnee draußen –
halte hier inne, die Hand auf dem Geländer,
und atme den Duft frischgeschnittenen Immergrüns.
Die Anfänge des Schriftstellers, der Alltag: Vom Honorar für eine Geschichte, die gefiel, konnte die junge Familie einen Monat lang essen, und «ein Gedicht war ein Paar Schuhe». Das war für den aus armen Verhältnissen stammenden Autor keineswegs selbstverständlich. Zeit seines Lebens konnte er darüber staunen, wie gut es ihm mit seinem Schreiben ergangen ist. Redakteure, Lektoren, Hersteller, all die «verständnisvollen Geister, die lang schon im Tintenschloss zu Hause» waren, begleiten seinen Weg. Doch wichtig ist vor allem das Schreiben, «meine schwanken Wörter stolz im Druck zu sehen!». Das Schreiben ist von Anfang an das Leben:
Bleibt bei mir, Wörter, bleibt noch ein bisschen; ihr
habt mir meinen Freipass in der Sonne gegeben,
die Wunden meiner Jugend geschlossen, die Irrungen
des Erwachsenen leichtgemacht, zu meinem Vorteil gewandt,
was im Leben der meisten pures Defizit wäre,
und aus denen, die ich liebte, greifbarere Geister geformt.
Jetzt wird das Naheliegende, das Unspektakuläre zum sprechenden Bild. Die Jahreszeit, ein Spaziergang im Schnee, der Blick aus dem Fenster. An seinem 73. Geburtstag betrachtet er seine rechte Hand auf dem Schreibtisch:
Die Pranke ist nun dürr und fleckig, sie häutet sich,
während das Leben minutenweise vertröpfelt, das Handgelenk
von knorpeliger Hässlichkeit; mit ihren Mühen
wollte sie aus Sprache Schönheit meißeln, Schönheit, die
sich aus dem Fleisch erhebt und eingeht ins gedruckte Wort.
Was seine Augen sehen, ist nicht mehr sehr schön, sondern alt, verbraucht. Aber sobald der Geist, kein bisschen müde, beschreibt, was diese Hand geschaffen hat, scheint die Sprache sofort leichter zu werden, sich zu erheben, der Ton wird geschliffen, stolz auch und erzeugt ein Bild, das den Prozess des Schreibens so treffend wiedergibt, dass es das ganze Schriftstellerleben einfängt.
Lyrik, hat John Updike einmal gesagt, führe ihm vor Augen, wie schwer das Schreiben sei. Sie sorge dafür, „dass ich mir nichts vormache, dass ich die Bodenhaftung nicht verliere“. Vielleicht war Updike niemals für den Leser mehr bei sich als bei diesen Gedichten. Seinem Endpunkt. Für den Leser ein Geschenk.
(Aus: Rowohlt Revue 88, Autor: Werner Irro)