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John Updike: Die Witwen von Eastwick

© Getty Images

Er war einer der Größten der amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts. Im Januar 2009 starb John Updike im Alter von 76 Jahren in Beverly, Massachusetts, an Lungenkrebs – nach 60 Büchern in 50 Jahren. «Dem schwedischen Nobelpreiskomitee bleibt einmal mehr das Nachsehen, doch das ist der geringste Kummer; denn mit Updike ist die lebhafteste, menschenfreundlichste Stimme der amerikanischen Literatur verloren gegangen.» (Michael Naumann) In Die Witwen von Eastwick, seinem letzten Roman, nahm er noch einmal einen Ball auf, den er zweieinhalb Jahrzehnte zuvor angestoßen hatte. Mit Die Hexen von Eastwick hatte er einen seiner größten Erfolge gefeiert; 1987 begeisterte George Millers Verfilmung des Romans (in den Hauptrollen: Jack Nicholson, Cher, Susan Sarandon, Michelle Pfeiffer) ein großes Publikum.

Nun kehren die Hexen noch einmal an den Ort ihres exaltierten Treibens zurück, nach Eastwick. Ein halbes Leben ist mittlerweile vergangen, sie haben erneut geheiratet, sie wurden Witwen. Die Sehnsucht zieht sie dorthin, wo sie als junge Frauen Männer verhext, mit dem Teufel gespielt und eine bigotte Kleinstadt gegen sich aufgebracht hatten. Und siehe da, auch als gereifte Damen sind Alexandra, Jane und Sukie noch immer gut für manche Hexerei. Teufelsweiber bleiben auch als ältere Semester Teufelsweiber. Die Witwen von Eastwick ist ein weises, höchst amüsantes und menschenfreundliches Buch, getragen von einer Melancholie des Alters, des Abschiednehmens, des Endlich-zur-Ruhe-Kommens. Updikes Sprache kommt in seinem letzten Roman frisch daher wie eh und je, elegant, wie poliert, voller Witz und Esprit. «Ein großer Lesespaß über die Freiheit, die das Alter schenken kann. Wie traurig, dass sie Updike nicht vergönnt war.» (Brigitte)

Einmal Eastwick und zurück

Volker Weidermann weist in der FAS auf eine interessante Parallelität hin: «Wie hat sich Thomas Mann gegrämt, am Ende seines Lebens, als er ahnte, dass der Krull sein letzter Roman werden würde. ‚Unwürdig’ nannte er das Buch, das er fünfzig Jahre zuvor begonnen und kurz darauf lustlos liegengelassen hatte, in seinen späten Tagebüchern. Ein unwürdiger, unernster Abschluss eines Lebenswerks, das eigentlich der Faustus am Ende runden sollte. Er sah nicht, wie rund dieses Lebenswerk gerade durch die Wiederanknüpfung an den jugendleichten Hochstaplerroman in Wahrheit am Ende wurde.» Auch Updike hat sein Werk mit der Wiederaufnahme einer Thematik, einer Personenkonstellation abgeschlossen: Alex, Jane & Sukie – revisited!

Frauen als Romanprotagonisten sind bei Updike die Ausnahme. Wie kein anderer gestaltete er die Welt der amerikanischen Vorstädte, den Hedonismus und die Paranoia der Mittelstandspaare aus der Perspektive gebrochener männlicher Helden. The Witches of Eastwick war immer schon ein Ausreißer in Updikes Werk, aber offenbar ein derart lustvoller, dass er Sukie Ridgemont, Jane Spofford und Alex Medford, die Hexen von einst, das Trio lebenslustiger Außenseiterinnen, noch einmal in dass Spießerstädtchen an der Ostküste zurückschickt, nach Eastwick, Rhode Island. Um dort nach dem Rechten zu sehen, velleicht auch, um etwas gutzumachen …

Autoreninfo

Geboren am 18.03.1932 in der Kleinstadt Shillington, Pennsylvania, als einziges Kind des Sekundarschullehrers und Diakon Wesley Russel Updike und...
mehr über den Autor
Der Hexenring wird neu geschmiedet

Wie es aussieht, haben die überlebenden Eastwicker nichts, aber auch gar nichts von dem skandalösen Treiben früherer Jahre vergessen. Die Exzesse in der Lenox-Villa, in der sich Daryl Van Horne, der schillernde Fremde aus dem Sündenpfuhl New York (brillant in George Millers Film: Jack Nickolson) breit gemacht hatte, ein «Teufel in Menschengestalt»; der urplötzliche Tod von Jenny Gabriel, die nach einem bizarren, sagen wir: Schürhaken-Unfall das Zeitliche gesegnet hatte – ein Abschied, bei dem die drei «Eastwick-Hexen» durchaus ihre Finger im Spiel hatten. All die unerklärlichen Dinge, die in dieser Zeit in dem stockbiederen Ort geschahen, bis zur Vertreibung der drei ruchlosen Frauen ins Exil …

Die Hexen von Eastwick kehren als Witwen zurück. Sie sind dreißig Jahre älter (und Großmütter) geworden, sie haben diverse Männer hinter sich gelassen und, wie es aussieht, auch ihre magischen Kräfte verloren. Und doch brennt in ihnen noch etwas von dem Feuer von früher. Als Pensionärinnen durch die Welt zu reisen, in die kanadischen Rockies, nach Ägypten und schließlich als wiedervereintes Trio nach China, gut und schön … aber das konnte doch wohl nicht alles sein, was das Leben zu bieten hat? In Peking haben die Drei immerhin ein verblüffendes Déja-vu-Erlebnis längst verloren geglaubter übersinnlicher Regungen: Der einbalsamierte Mao im Mausoleum am Platz des Himmlischen Friedens zwinkert Alexandra zu, und die legendäre Terracotta-Armee setzt sich für sie in Bewegung, wenigstens für einen Augenblick. The magic is back – oder doch nicht? Eastwick wird es erweisen!

Gottes Werk und Teufels Beitrag

Sich von allzu romantischen Jugendlichkeitsträumen zu verabschieden, heißt für die Hexenwitwen aber nicht, sich mit der Biederkeit und Bigotterie Eastwicks zu versöhnen. Was sie dort sehen und erleben, ist atemberaubend. Atemberaubend spießig, trist und verlogen. Mit ätzendem Spott ziehen sie über das Kleinstadtidyll her, allen voran Jane: «Diese aufgedrehten jungen Mütter, die ihre übergewichtigen Söhne in übergewichtigen SUV’s zwanzig Meilen zum Hockey-Training fahren, diese Kastraten von jungen Vätern, schlaffe Laffen allesamt, die ihrem lieben Frauchen im Haushalt helfen und den ganzen Samstag im putzigen Heim herumpusseln – alles wieder wie in den fünfziger Jahren, nur dass die Russen als Entschuldigung nicht mehr in Frage kommen.»

Und der Teufel? Ist in Eastwick nicht mehr zu Hause, ebenso wenig wie Gott. Der christliche Autor John Updike hat sich ein Schriftstellerleben lang an den Themen Sünde, Schuld und Vergebung abgearbeitet. Als gläubiger Mensch war er stets auf der Seite der Sünde (und der Sünder). Das spöttische Resümee der alten Jane Spofford klingt ganz wie Updikes eigenes Glaubensbekenntnis: «Die Leute laufen herum und beklagen den Tod Gottes, aber was mich wirklich beunruhigt, ist der Tod der Sünde. Ohne Sünde sind die Menschen keine Menschen mehr, sie sind nur noch seelenlose Schafe.»