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Am 27. Januar 2009 starb John Updike in Beverly Farms, Massachusetts, im Alter von 76 Jahren an Lungenkrebs. Ein halbes Jahrhundert war er der diensthabende Chronist der weißen amerikanischen Middle Class, eine der Schlüsselfiguren der US-Literatur – und mit geradezu penetranter Konsequenz übersehen von den noblen Stockholmer Akademie-Granden.
Er war, wie Burkhard Spinnen in seinem Nachruf schrieb, «nicht nur ein großer Schriftsteller, sondern auch ein großer Menschenfreund». Das zeigen auch seine nachgelassenen Erzählungen Die Tränen meines Vaters aufs Schönste. In ihnen erweist sich John Updike ein letztes Mal als «Meister der unangestrengten Bewegung» (Ian McEwan), als «Genie der Gegenwartsentschlüsselung in Geschichten» (Die Welt).
Er war der Mann, der ein halbes Jahrhundert lang mit geradezu preußischer Disziplin Jahr für Jahr ein neues Buch publizierte, Romane und Erzählungen, Essays und Dramen, Kritiken und Gedichte. «Er konnte nicht aus seiner Haut. Er kannte nur ein Thema, und er hat es, in den Jahresringen seiner Bücher, immerzu wiederholt, variiert, zugespitzt, ausgereizt: die Liebe. Und die Frage,warum sie nicht dauert.» (Die Zeit) Am Ende waren es mehr als 60 Bücher. Schreiben war sein Leben; er selbst nannte sich einmal den «letzten Berufsschriftsteller Amerikas».
Als er nach Jahren in New York und beim New Yorker sich als freier Schriftsteller in Ipswich, Massachusetts, niederließ, in der amerikanischen Provinz, hatte er freien Blick auf «seine» Themen. Er brauchte nur noch zuzugreifen: Ehe und Ehebruch, das Leben in der Suburbia, die sexuelle Libertinage einer ganzen Generation auf Kosten ihrer Kinder, die Tristesse des Alltagskonformismus, Trennung und Abschied. Seine elegant-beschwingte Art, über Sex zu schreiben, sucht ihresgleichen: Niemand hat den Paarungswilligen in den weißen Vorstädten genauer auf die unkeuschen Pfoten geschaut als er.
Der zeitliche Rahmen dieser 18 Erzählungen erstreckt sich von den frühen 1960-ern bis in die Jahre nach 9/11, Die Tränen meines Vaters sind ein Buch des Abschieds. Und sie sind «großer Updike – nur dem Novizen möchte man empfehlen, vielleicht eher mit der Morgenröte als mit der Abenddämmerung zu beginnen» (Michael Kleeberg, Die Welt).
Ein Satz könnte als Maxime über all diesen Geschichten stehen: «Es ist leicht, Menschen in der Erinnerung zu lieben; schwierig ist es, sie zu lieben, wenn sie da sind, vor deinen Augen.» Noch einmal blickt er zurück, will die verblassenden Bilder so zärtlich, aber auch so genau wie möglich beschreiben – die Großeltern, die Eltern, die eigenen Kinder und Enkel. Und natürlich die Frauen, immer die Frauen: Ehe, Ehekrisen, Ehebruch.
Es ist die Suche nach der verlorenen Zeit, die seine männlichen Protagonisten umtreibt. Lustvolle Ausbrüche, verpasste Gelegenheiten. Begierde, Verrat und Verzicht; ob David Kern oder Craig Martin, Evan Morris oder Dan Kellogg – die Männer, denen wir in diesen Geschichten begegnen, sind alt geworden. Sie wissen, dass ihnen nicht mehr viel Zeit bleibt; der Schatten des Todes ist unübersehbar. Ihr Blick zurück fällt Updike-typisch aber nicht bitter, zynisch oder larmoyant aus, sondern melancholisch und mit der unsentimentalen Gelassenheit des Alters. «Elizanne, wollte er sie fragen, was hat es zu bedeuten, dies Ungeheuerliche, dass wir Kinder waren und jetzt alt sind und nebenan vom Tod wohnen?»
«John Updikes Buch lässt tief in Männerseelen blicken. Es führt exemplarisch das Altersdrama des Familienvaters vor: Die Kinder sind entweder per Scheidung abgelegt oder sind erwachsen; die letzte Ehefrau ist ständig außer Haus und macht sich fit for fun; die alten Golfkumpel sind tot und neue Geliebte eine Überforderung. Kurz: Der Mann ist im Ruhestand mutterseelenallein. Und macht sich auf die Suche nach der verlorenen Zeit.» (Basler Zeitung)