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Man hat lange warten müssen auf die Taschenbuchausgabe von John Keegans Standardwerk über den Zwieten Weltkrieg – jetzt liegt es vor. Rund 900 Seiten geballtes Wissen über den verheerendsten Krieg der Menschheitsgeschichte, ausgefochten auf sechs der sieben Kontinente der Erde. Mehr als 50 Millionen Tote und vielen weiteren hundert Millionen Opfern. Die Auslöschung des europäischen Judentums, ein Menschheitsverbrechen auf alle Zeiten. Zerstörte Städte und Dörfer, verwüstete Landstrichen
Wer Keegans berühmte Werke wie Die Kultur des Krieges oder die monumentale Studie über die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, den Ersten Weltkrieg, kennt, weiß, was ihn erwartet: ein analytisch scharfes, materialreiches, weit gespanntes Panorama der Kriegshandlungen zwischen 1939 und 1945.
Denn Kriegsgeschichte ist Keegans Lebensthema. Durch die Teillähmung eines Beines selber dienstuntauglich, fand der als Sohn einer irisch-katholischen Familie 1934 in London geborene Brite schon früh sein Interessens- und Forschungsgebiet.
Nach dem Studium am Balliol College in Oxford unterrichtete er 26 Jahre an der Royal Military Academy Sandhorst als Dozent für Militärgeschichte, bevor er als Redakteur des Daily Telegraph sein enzyklopädische Kenntnis der modernen Kriegsführung einem weit größeren Publikum offerierte. Auf welchem Terrain auch immer – nicht nur Michael Howard, der Doyen der britischen Militärhistoriker, hält den im Jahr 2000 von Königin Elisabeth II. zum Ritter geschlagenen Kollegen für den „lesbarsten und originellsten aller lebenden Militärhistoriker“.
In der Verknüpfung von klassischer militärgeschichtlicher Analyse mit erzählerischen Passagen liegt die Originalität von Keegans Ansatz. Die sechs Kapitel, vom Krieg im Westen 1939–1943 bis zum Pazifikkrieg 1943–1945 mit dem Atombombenabwurf auf Hiroshima und Nagasaki als grausiger Klimax, bestehen jeweils aus Strategieanalyse, Erzählung, Schlachtbeschreibung und „Kriegsthema“. Mit jeder Schlachtbeschreibung wird eine charakteristische Art der Kriegsführung beschrieben, wie Luftkrieg („Schlacht um England“), Häuserkampf (Berlin) oder amphibische Operationen (Okinawa)., während unter dem Stichwort „Kriegsthemen“ Fragen von Logistik und Nachschubwesen, Kriegsproduktion, Widerstand oder Geheimwaffen abgehandelt werden.
Wer Keegan liest, versteht, wie Krieg funktioniert und wie das Inferno auf den Schlachtfeldern von den Soldaten erlebt wird. Wer aber die Auseinandersetzung über die Schuldfrage, über mörderische Ideologien etc. sucht, wird in den Werken des großen Militärhistorikers wenig finden. Deshalb hat sein Ansatz stets auch Kritiker auf den Plan gerufen. Es könne nicht sein, dass der Holocaust, das Schicksal der europäischen auf nicht einmal einer Handvoll Seiten abgehandelt würde oder der deutsche Widerstand gegen Hitler kaum Erwähnung fände. Für Keegan ist das konsequent: Als Historiker hat er explizit Militärgeschichtsschreibung im Sinn und nichts anderes.
Eine Denunziation des Kriegsgegners käme dem britischen Patrioten nie in den Sinn. „Zu Keegans Konzept des Krieges als Dramagehört die Equidistanz zu den Akteuren. In einer Nation von Shakespeare-Lesern dürfen auch Scheusale wie Stalin und Hitler mit Genie und Verblendung zugleich versehen sein. Wo Spielbergs Hollywood-Schinken vom Soldaten Ryan so miserabel dabei scheiterte, dem Gegner ein Gesicht zu geben, kennt Keegan so etwas wie die Tapferkeit und wendige Kampfkraft der 352. deutschen Division …“ (DeutschlandRadio).
„Drei Minuten Gefecht sind für die Entwicklung eines Soldaten mehr wert … als drei Jahre Ausbildung“: Dies ist in der Tat ein irrritierendes Fazit für einen, der zweieinhalb Jahrzehnte junge Menschen an einer der bedeutendsten Militärakademien der Welt ausgebildet hat. Und doch war genau dies die Überzeugung des leidenschaftlichen Wissenschaftlers und verhinderten Soldaten Keegan.