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Dieses Buch sind eigentlich zwei Bücher. Das eine erzählt von einer Ultra-Unternehmung: vom hohen Norden (Wilhelmshaven) in den tiefen Süden Deutschlands, bis auf die Zugspitze. Fast 900 Kilometer. Zu Fuß. In knapp drei Wochen. Geschlafen wird draußen, gegessen und getrunken nur das, was am Wegesrand zu finden ist. Eine Höllenstrapaze, eine Tortur, ein Abenteuer, ein Selbsterfahrungs-Trip der harten Sorte. Von ihm singt der Titel ein Lied: Hysterie des Körpers.
Das andere Buch erzählt von der phänomenalen Karriere der Kelly Family: als Geschichte einer verschworenen Gemeinschaft, die auf der Straße begann und an die Spitze der europäischen Charts führte. Man muss weder Fan von Ultra-Ausdauersport sein noch beim Gedanken an Songs der Kelly Family feuchte Augen bekommen, um von Joey Kellys Bericht fasziniert zu sein.
«Ist er jetzt endgültig verrückt geworden?» Viele dachten es und einige sprachen es offen aus, als klar war, worauf Joey Kelly sich da einlassen wollte. Seine Geschwister von der Kelly Family, mit denen er Jahre lang durch ganz Europa unterwegs war und die er ein Jahrzehnt lang als Tourmanager von Erfolg zu Erfolg führte, waren ja bereits einiges von ihrem Bruderherz gewöhnt. zig Marathons, Ironmen und Ultraläufen. Als er anfing mit dem Sport, war er ein kleines Licht. «Ich hatte kein Talent, ich war nicht besonders schnell, ich war nur besonders unangenehm.» Ab da galt: Je härter, desto besser.
Nun also ein Abenteuer ganz nach dem Geschmack von Survival-Guru Rüdiger Nehberg. Die Idee zur Deutschland-Durchquerung resultierte aus Kellys Unbehagen, im Ultrasport auf der Stelle zu treten. Ein austauschbares Procedere, nur die Orte und Distanzen wechselten. Jordanien, Alaska, Himalaya. Sahara (Marathon des Sables), Wüste Gobi, Atacama-Wüste. Auch den als härtesten Ultramarathon der Welt geltenden Badwater Run im kalifornischen Death Valley absolvierte er: 217 Kilometer nonstop bei Temperaturen bis zu 50 Grad Celsius. Nach 43 Stunden und 22 Minuten erreichte er das Ziel. Joey, still alive.
Nun also: Wilhelmshaven-Zugspitze. Schaut man sich die Strecke auf den Kartenblättern im Buch an, kann man nur den Kopf schütteln. Das Knüppelharte an der Unternehmung ist nicht die schiere Distanz von fast 900 Kilometern (die Ottonormal-Freizeitsportlern den Angstschweiß auf die Stirn treiben und den Nachtschlaf rauben würde). Das Dramatische sind die selbst gesetzten Regularien: Draußen unter freiem Himmel zu schlafen («Man hört jedes Geräusch wie unter voll aufgedrehten Kopfhörern mit Stereo-Quadro-Effekt») oder in Heuschobern, Viehunterständen oder offenen Bushaltestellen-Häuschen, das mag ja noch angehen. Aber nur das zu essen, was sich buchstäblich auf der Straße oder am Wegesrand finden lässt, das bedeutete: Hunger. Schlimmer, quälender, demoralisierender Hunger.
Zu den Delikatessen auf dem Lauf/Marsch durch die deutschen Lande zählten unreife Pflaumen, steinharte Äpfel, Nüsse, ein halber Pizzarand, zwei angeknabberte Scheiben Toast. Und Kartoffel in quasi allen Aggregatzuständen. Einmal kratzte er einen totgefahrenen Hasen von der Landstraße und briet portionsweise das, was von dem armen Meister Lampe übrig geblieben war. (Das dazugehörige Bild auf Seite 189 ist zum Einrahmen komisch!) «Ich reiße mir die besten Stücke ab – die zwei Hinterläufe, der Rest ist Matsch. (…) Ich zelebriere das Essen regelrecht, unerwartet langsam kaue ich mein erstes Stück Fleisch seit fast zwei Wochen. Es ist richtig zäh, aber Wild ist halt immer zäh. Völlig egal. Es ist ein Hochgenuss. Die nächste Ladung backe ich mit kleingeschnittenen Apfelstücken. Ich könnte stundenlang so weitermachen.» Auch hier stand Rüdiger Nehberg Pate; der hatte einmal einen totgefahrenen Igel von der Straße gepult und gegrillt. Medium, einfach köstlich! Dass nach spätestens vier Tagen der Hunger verschwunden wäre, diese Erfahrung Nehbergs wurde dem tapferen Kelly leider nicht zuteil.
Ein Hoch auf Rüdiger Nehberg! Ohne die Ratschläge des Survival-Pioniers wäre Joey Kelly nie und nimmer auf der Zugspitze angekommen. Er sorgte dafür, dass Kelly einen Großteil seines Marschgepäcks zu Hause ließ. «Jetzt mal ernsthaft, wo willst du eigentlich hin? In den Urlaub? Auf Abenteuer-Safari oder auf Survival-Tour? Du brauchst die Taschen nicht einmal aufzumachen. Das ganze Zeug kannst du getrost zu Hause lasen, das braucht kein Mensch.» Ganz so radikal wollte Kelly dann doch nicht losziehen, und dennoch kam es so, wie prophezeit: Er ging mit 15 Kilo Gepäck los, um dann unterwegs Stück für Stück wegzuwerfen.
Vor dem Start hatte er 18 Kilo zugenommen, um Stress und Hunger unterwegs trotzen zu können. (Wie sich herausstellte, hätte die Hälfte auch gereicht.) Für ein paar Wochen futterte er, was rein ging: Spiegeleier auf Toast, Fast Food unbegrenzt (gern auch mal drei Döner am Tag), Hauptsache: viel und fett. Als ganz schöner Brocken von 93,2 Kilogramm bei einer Körpergröße von 1,72 Meter startete er dann am 3. September 2010 um genau 14 Uhr 57 in Wilhelmshaven … um 17 Tage und 23 Stunden später auf dem Gipfel der Zugspitze vor Glück und Erschöpfung seinen Tränen freien Lauf zu lassen.
Joey Kelly schreibt zupackend, zackig, direkt - und amüsant.. Das gilt auch über die vielen Kapitel, in denen er Einblick in den «Mythos Kelly Family» gibt. Wie die Kellys nach dem Krebstod der Mutter – Joey war da acht – förmlich auf der Straße standen (nicht mal Geld für einen Sarg hatten sie) und dort blieben: als Straßenmusikanten, die von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt und von Land zu Land zogen. «Wir traten in jedem Kaff auf, von Castrop-Rauxel bis Lissabon …» Jahre später waren sie ganz oben: in den Charts, in den Medien. «Elf Hausmusikanten aus dem Norden sangen mit vermeintlichen Engelsstimmen unbekannte Lieder und spielten dazu noch ein Dutzend Instrumente.» Die Roncalli-Episode, das Überwintern auf dem Gelände der alten Stollwerck-Fabrik in Köln, der Erwerb eines ausrangierten Londoner Busses und eines alten Amsterdamer Hausbootes, Domizile der Kellys für viele Jahre. Die Bruce-Springsteen-Episode. Die wundersame Wandlung eines jungen Losers namens Markus vom, nervigen Stalker zu einem Menschen, der sein Leben in den Griff kriegt. Es sind viele solcher großartiger Geschichten, die einen Hysterie des Körpers in einem Rutsch lesen lassen.
Joey Kelly ist ein ziemlicher cooler Hund, ein abgezockter Macher: ein Manager und Organisationsgenie, wie er im Buche steht. Kein Wunder, dass Vater Kelly ihn zum Chef der Truppe machte, als er selbst sich nach zwanzig Jahren zurückzog. Joey, der Kickboxer, der Marathonmann. Joey, der Abenteurer und Ultraathlet.
Und Joey, der Unternehmer. Er hatte die Disziplin und die Energie, das auf fast 50 Festangestellte angewachsene kleine mittelständische Unternehmen namens Kelly Family zu managen (und nebenbei fast jeden Abend noch stundenlang mit der Gitarre auf der Bühne zu stehen). Wer die Kellys buchte, bekam ein Gesamtpaket angeliefert. Dazu bedurfte es eines an die Gigantomanie der Rolling Stones gemahnenden Fuhrparks: 17 Auflieger, 5 große Zugmaschinen für die Bühne, 2 Nightliner als Tourbusse (mit Schlafkabinen), eine fahrbare Industrieküche fürs Catering, dazu ein ausgeklügeltes System von über 50 durchnummerierten Containern. Joey Kelly, der «Container-Joe».