Die Bestellung unserer E-Books ist momentan aus technischen Gründen nicht möglich.

Artikelempfehlung versenden

E-Mail-Adresse des Empfängers*

Wenn Sie mit der Empfehlung dieses Titels eine Nachricht an den Empfänger versenden wollen, tragen Sie den Text bitte hier ein:

Ihre eigene E-Mail-Adresse*

(* = Pflichtfelder)

Jörg Berger: Meine zwei Halbzeiten

© picture-alliance / Norbert Schmidt

Jedem, der sich im deutschen Fußball etwas auskennt, ist der Name Jörg Berger ein Begriff. Nach seiner Flucht aus der DDR im März 1979 wurde er nach Überwindung der ersten Anlaufprobleme zu einer der prominentesten Figuren der Fußball-Bundesliga. Als Fußballlehrer mit rund zwanzig Trainerstationen im In- und Ausland war er der Spezialist für aussichtslose Fälle: der «Feuerwehrmann» für Vereine, die fast hoffnungslos in der Abstiegszone festhingen, wie einst Schalke 04 und Eintracht Frankfurt – und die dank Bergers Motivationskünsten den Klassenerhalt doch noch wie durch eine Wunder schafften. Berger erzählt in seiner Autobiographie Meine zwei Halbzeiten lebendig und ohne Bitterkeit, präzise und anekdotenreich. Und er spart auch das Drama der «Verlängerung» nicht aus, um im Fußballjargon zu bleiben: Wenige Stunden vor dem Spiel seines Vereins Alemannia Aachen gegen Union Berlin am 8. November 2002 konfrontierte ihn sein Arzt mit der Diagnose Darmkrebs. Aussicht: ungewiss. Am 24. Juni 2010 ist Jörg Berger im Kreis seiner Familie in Duisburg gestorben. «Der deutsche Fußball verliert in Jörg Berger einen großartigen Menschen und Fußballlehrer.» (DFB-Präsident Theo Zwanziger)

Von Jörg Bergers zweitem Leben in der Bundesrepublik ist weit mehr bekannt als von seinem ersten in der DDR. In Leipzig aufgewachsen, charmant, gut aussehend, ehrgeizig, erfolgreich. Ein junger Fußballtrainer mit blendenden Perspektiven – bis zum Karriereknick – reglementiert vom Sportsystem des SED-Staats, überwacht und schikaniert von der Stasi, in die Isolation getrieben. Bis zu dem Tag, als ihm ein Spiel der von ihm trainierten U23-Nationalelf in Jugoslawien endlich die ersehnte Chance bot, der DDR den Rücken zu kehren und in den Westen zu fliehen. Ein gefährliches Unterfangen, das ihm leicht viele Jahre Haft in Bautzen hätte einbringen können. Aber die Flucht glückte.

«Ich bin immer ein Kämpfer gewesen»

25.3.1979, Flughafen Berlin-Schönefeld. Nach drei Jahren «Westverbot» war niemand erstaunter als Berger selbst, dass er die DDR-Auswahl der unter 23-Jährigen zum Spiel gegen Jugoslawien begleiten durfte. Noch auf der Gangway rechnete er damit, zurückgepfiffen (im SED-Jargon: «ausdelegiert») zu werden. Es war eine Gelegenheit, die er sich nicht entgehen lassen wollte, «geistige Republikflucht» hatte er da längst schon begangen. Wenige Tage zuvor hatte Lutz Eigendorf, ein 22-jähriger Defensivspieler des BFC Dynamo Berlin, «rübergemacht», nach einem Freundschaftsspiel beim 1. FC Kaiserslautern. (Keine vier Jahre später war Eigendorf tot, ums Leben gekommen unter mysteriösen Umständen.) Berger schildert die dramatischen Umstände seiner Flucht, auf die er innerlich lange vorbereitet war und die aufgrund der besonderen Umstände doch höchst improvisiert ablief: ein Drahtseilakt mit höchster Absturzgefahr.

Mit einem von der (west)deutschen Botschaft in Belgrad ausgestellten Passersatz-Dokument, das auf den Namen Gerd Penzel, geboren am 13. Oktober 1944 in Gotenhafen, ausgestellt war und als Grund der Reise «Rückkehr in die Bundesrepublik Deutschland» aufführte, trat Berger die gefahrvolle Reise in den Westen an. Dass er im «goldenen Westen» überall (z.B. beim DFB in der Otto-Fleck-Schneise in Frankfurt) mit offenen Armen empfangen worden wäre, kann man nicht behaupten. Das Gießener Aufnahmelager für geflüchtete DDR-Bürger blieb ihm ebenso wenig erspart wie der Trainerschein/Version West, da half kein Protest («Ich habe drüben nicht irgendwelche Amateurmannschaften trainiert, sondern ich war auf dem Sprung zum Nationaltrainer»).

Autoreninfo

Jörg Berger, geboren 1944 in Gotenhafen (Gdingen), spielte als Fußballer in der DDR-Oberliga und trainierte später unter anderem die...
mehr über den Autor
«Willst du in den Westen türmen, musst du für Dynamo stürmen»

Berger lässt seine Kindheit in Leipzig Revue passieren – zu der es beinahe nicht gekommen wäre, weil nur ein Zufall seine Mutter davon abhielt, mit ihrem Baby Jörg das Flüchtlingsschiff Wilhelm Gustloff zu besteigen, das am 31. Januar 1945 kurz nach dem Verlassen von Gotenhafen (heute Gdingen) von einem russischen U-Boot-Torpedo getroffen wurde; von den über 10.000 Menschen an Bord überlebten nur 1252. Er erzählt von seiner Zeit bei den Thälmannpionieren, Fußball auf dem Bolzplatz, Mittelschule, BMA-Abschluss (Berufsausbildung mit Abitur). Berger wollte Architektur studieren (weshalb er auch den DDR-typischen Umweg über eine Facharbeiterausbildung zum Maurer und Hochbaumonteur in Kauf nahm), wurde aber statt zur Bauhochschule an die Deutsche Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig delegiert. Und eine Fußballkarriere begann.

Wer wissen will, wie das Sportsystem im SED-Staat funktioniert, findet in Bergers Buch aufschlussreiche Details. Etwa über das Sponsering der Fußballvereine, die Spitzel«kultur», das absurde Hineinregieren politischer Großkopfeten in Trainerbelange u.v.m. (So spektakulär wie kurios war die Entlassung von Heinz Werner, dem Coach von Hansa Rostock, der sich weigerte, den Torwart und einen Feldspieler auszuwechseln, so wie es SED-Politbüromitglied Harry Tisch nach 20 Minuten wutschnaubend von ihm gefordert hatte. Schluss, aus – und raus.)

Wie Jörg Berger bei den Verbands- und Stasifunktionären in Ungnade fiel, ist eine Geschichte, wie sie nur in totalitären Regimen vorkommen kann. Grund waren – seine Eheprobleme. Die Argumentation war bestechend: Ehestress = Neigung zu Kurzschlussreaktionen = Überläufergefahr. Die Beziehung mit der DDR-Schwimmerin Harriet Blank, die es 1964 bis zu den Olympischen Spielen nach Tokio gebracht hatte, stand von Anfang an auf wackligen Beinen; mit der ehelichen Treue nahmen es beide nicht sonderlich ernst, auch nicht nach der Geburt ihres Sohnes Ron. Die Eheleute Berger/Blank bekamen ihre Probleme nicht auf die Reihe und trennten sich; für Jörg Bergers Trainerkarriere bedeutete das, auf lange Sicht von Auslandseinsätzen im Westen «weggeschlossen» zu sein.

Jörg Bergers «dritte Halbzeit»

Bergers «zweite Halbzeit», seine Zeit als Trainer zahlreicher Fußball-Bundesligisten, ist schon oft erzählt worden, nicht aber seine Jahre seit der Krebsdiagnose von 2002. Einen Tag nach dem verheerenden Befund besuchte er mit seiner Frau Chris den Sportpresseball; am Tag darauf unterrichtete er auf einer von Alemannia Aachen, seinem damaligen Verein, anberaumten Pressekonferenz die Öffentlichkeit von seiner Erkrankung. Danach verabschiedete er sich per Handschlag von jedem einzelnen seiner Spieler mit dem Versprechen: «Ich komme wieder.» Und er kam wieder. Drei Jahre ging nach der Behandlung alles gut, bis im September 2005 Metastasen in der Lunge, der Leber und einer Lymphdrüse festgestellt wurden. Aber Jörg Berger ist immer ein Kämpfer gewesen, in jedem seiner «drei Leben». Ein Kämpfer bis zuletzt.