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Jochen Köhler: Helmuth James von Moltke

© Freya von Moltke; bpk Berlin

Die Weiße Rose, die Hitler-Attentäter um Claus Schenk Graf von Stauffenberg, wer kennt sie nicht? Aber den Kreisauer Kreis?. Helmuth James von Moltke, Peter Graf Yorck von Wartenburg, Carl Dietrich von Trotha oder Carlo Mierendorff? Dabei war der Kreisauer Kreis die wichtigste zivile Widerstandsgruppe gegen das Nazi-Regime, getrieben von einem Zukunftsentwurf, «dessen Kühnheit und innere Stringenz von anderen Reformkonzepten des deutschen Widerstands gegen Hitler nicht übertroffen worden ist» (Hans Mommsen).

Ein kurzes, ungebeugtes Leben

Endlich liegt Jochen Köhlers brillante Rekonstruktion der Kindheit und Jugend des Kopfes der Kreisauer Verschwörer vor: «Ein ungewöhnlich einfühlsames Buch über die Lichtgestalt des Widerstands gegen Hitler» (Die Zeit). Helmuth James von Moltke wurde am 11.3.1907 in Kreisau, Niederschlesien, 60 km südwestlich von Breslau, geboren. Der Urgroßneffe des siegreichen Feldherrn der Deutschen Einigungskriege, Helmuth Karl Bernhard Graf von Moltke verzichtete nach dem juristischen Examen auf das Richteramt, um nicht der NSDAP beitreten zu müssen. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gab er sich er als Mitarbeiter des Kaiser-Wilhelm-Instituts für ausländisches Recht und Völkerrecht und des geheimen Nachrichtendienstes der deutschen Wehrmacht unter Admiral Wilhelm Canaris keinen Illusionen über das faschistische Mordsystem hin.

Im Januar 1944 wurde Helmuth James von Moltke von der Gestapo verhaftet, ein Jahr später wurden ihm und anderen Mitgliedern des Kreisauer Kreises vor Freislers Volksgerichtshof der Prozess gemacht. Helmuth James von Moltke wurde am 11. Januar 1945 zum Tode verurteilt und zwölf Tage später in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Jochen Köhler: unkonventionell, unbeirrbar

«Wenige Bücher habe ich mir als Verleger so hartnäckig gewünscht wie dieses», schreibt Alexander Fest in seinem Vorwort. «Siebzehn Jahre hat es gedauert, bis ich es herausbringen konnte.» Köhler, bekannt geworden durch Klettern in der Großstadt (Berlin 1979), sein großes Biographienprojekt über Alltag und Widerstand einfacher Berliner während der 30-er und 40-er Jahre, hat über 20 Jahre an diesem Buch gearbeitet; vor zehn Jahren war das ungeheure Material bereits auf 2000 Manuskriptseiten angeschwollen.

Fertigstellen konnte er sein Lebenswerk nicht. Bevor er das Material über den erwachsenen Moltke in eine endgültige Form bringen konnte, starb er am 18. Juni 2007 an den Folgen der schweren Rheuma- und Herzerkrankung, die von Kindesbeinen an sein Leben prägte. Mit seinen Ansprüchen an andere, vor allem aber an sich selber, machte Jochen Köhler es niemandem leicht, der mit ihm zu tun hatte: nicht seiner Familie, nicht seinen Freunden, nicht seinem Verleger. Aber immer wieder. so heißt es in dem Nachruf der Kreisau-Initiative Berlin e.V. auf den verstorbenen Freund, «haben wir sein Wissen, seine Ästhetik des Schreibens, seine Intensität, seine Freude an der Freundschaft und am Leben und auch seine Herausforderungen gesucht. Begegnungen mit Jochen Köhler vergisst man nicht, sie waren nie einfach alltäglich.»

«Von den letzten Kapiteln abgesehen», so Alexander Fest, «ist Köhlers Werk, als Beschreibung einer Kindheit und Jugend, abgeschlossen und ohne Lücken.» In seiner «biographischen Erzählung» wird die Welt lebendig, in der Moltke aufwuchs und wirkte: das Milieu des schlesischen Adels, die britische Prägung durch seine Mutter Dorothy und ihre in Südafrika lebenden Eltern, die politische und kulturelle Metropole Berlin. Köhler verfolgt den Weg des charismatischen jungen Mannes bis in die Anfänge der nationalsozialistischen Herrschaft.

Akazien, Himbeeren, Honigsüße

Niemand schreibt, wie Jochen Köhler schrieb. Nicht das Historisch-Allgemeine interessierte ihn, nicht der aus luftiger Höhe und sicherer Distanz abstrahierende Blick auf Zeiten und Epochen. Köhlers große Kunst war es, Menschen beschreibend lebendig werden zu lassen, so als würde man ihnen vorgestellt oder lebte mit ihnen zusammen. Köhler nannte diese Herangehensweise der einfühlenden Imagination ein «Ins-Leben-Starren». Das Verdichten von «Empfindungsfäden» zu einem subjektiv stimmigen Bild – das war seine Methode, Vergangenes zu vergegenwärtigen. Auf diese Weise gelang es ihm, «dem spröden historischen Material ein ganzes Universum an Beziehungen, an Stimmen, Lauten, Gerüchen, Farben zu entlocken», wie Volker Ullrich in seiner Zeit-Rezension hervorhebt.

Historisch «schwere» Fakten wie die autoritäre Disposition der wilhelminischen Militärkaste, die Modalitäten des Friedensschlusses von Versailles oder die deklassierenden Folgen der Inflation hatten für Köhler keine andere Wertigkeit als Detailbeschreibungen des Kreisauer Schlosses oder lyrisch-leichtee Passagen aus Aufzeichnungen von, Moltkes Mutter Dorothy Rose Innes: «Es war ein wunderbares Jahr für Akazien, die Bäume sind weiß von Blüten, und der Geruch überall ist überwältigend in seiner Honigsüße. Die Himbeeren sind einfach glorios – riesig und rot, saftig und in Mengen … Das Baby ist so süß wie immer und gedeiht wie der Lorbeerbaum. Gestern hat ihm Tesche {ein Kutscher} einen Kanarienvogel geschenkt, war das nicht nett von ihm?»

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