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Jilliane Hoffman: Mädchenfänger

© Anita Wertiprach, iStockphoto

«Die Ex-Staatsanwältin schreibt die Herren Grisham & Co. locker an die Wand», schrieb einst Für Sie über Jilliane Hoffman. In einem ausführlichen Interview erzählt die ehemalige Staatsanwältin die Vorgeschichte ihres neuen Romans Mädchenfänger, der an Spannung und Nervenkitzel ihren ersten drei Thrillern in nichts nachsteht: das Internet als Tummelplatz zwielichtiger Figuren, die Risiken eines naiven Umgangs mit den gerade von Jugendlichen genutzten sozialen Netzwerken, das schillernde Spiel mit Identitäten, der Kick anonymer Verabredungen, das gezielte Verwischen der Grenzen zwischen Sein und Schein. Jilliane Hoffman – ein Werkstattbericht …

DAS INTERVIEW

Seit den riesigen Erfolgen von Cupido, Morpheus und Vater unser sind Sie für Ihre Leser eine feste Größe. Wie würden Sie Ihren neuen Thriller Mädchenfänger beschreiben?
Mädchenfänger – im Original Pretty Little Things – ist ein sich fieberhaft entwickelnder Thriller, der tief in die Gefahren des Internets und sozialer Netzwerke wie MySpace und Facebook eintaucht. Lainey Emerson, eine verletzliche Dreizehnjährige aus problematischen Verhältnissen, möchte sich mit einem Jungen treffen, mit dem sie auf MySpace gechattet hat und verschwindet spurlos. Die örtliche Polizei behandelt ihren Fall anfangs als den eines desillusionierten Teenagers, der aus seinem unglücklichen Familienleben zu entkommen sucht. Doch Bobby Dees, Special Agent bei FDLE Crimes Against Children (CAC), fürchtet, dass Lainey das Opfer eines Internet-Verbrechers geworden ist. Und als erschreckende Bilder anderer möglicher Opfer bei einem lokalen Fernsehsender auftauchen, wächst in ihm die Ahnung, dass sie nicht die Einzige ist. Unter den Auswirkungen des immer noch ungeklärten Verschwindens seiner eigenen Tochter wird Bobby in ein tödliches Katz-und-Maus-Spiel mit einem gesichtslosen Monster aus dem Cyberspace gezogen.
Beeinflusst von meinen Erfahrungen als Staatsanwältin und meinen schlimmsten Befürchtungen als Mutter zweier Teenager, die in Facebook unterwegs sind und nicht ohne ihr Handy sein können, wurde Mädchenfänger der persönlichste und am meisten beängstigende Kriminalroman, den ich je geschrieben habe.

Woher kam die Idee zu Ihrem neuen Buch?
Meine Tochter war elf Jahre alt und in der vierten Klasse, als eine Klassenkameradin eine SMS-Bekanntschaft mit einem Jungen begann, den sie über das Internet kennengelernt hatte. Sie gab vor, sechzehn zu sein und übermittelte die Handynummern aller ihrer Mitschülerinnen aus der vierten Klasse ihrem neuen Handy-Freund. Die Mädchen fanden das lustig und gaben ebenfalls an, schon sechzehn zu sein. Meine Tochter war zwar nicht direkt beteiligt, hörte aber jeden Tag beim Mittagessen in der Schule davon und erzählte mir von der Angelegenheit, nachdem eines der Mädchen aufgefordert worden war, Fotos von sich zu schicken. (Übrigens, der Nickname des neuen Handy-Freunds war «rooster69», was in den USA eine schlüpfrige sexuelle Bedeutung hat, den naiven Elfjährigen aber nicht bewusst wurde.)

Als ich andere Eltern informierte, war ich überrascht, auf eine Wand von Unverständnis zu stoßen. «Meine Tochter tut das nicht! Sie ist nicht so dumm und chattet mit Fremden im Internet!» war eine typische Antwort. Die Kinder gaben schließlich zu, mit rooster69 in Kontakt zu stehen. Ein kleines Mädchen bestätigte sogar, dass es nicht nur nach normalen Fotos, sondern auch nach Nacktaufnahmen gefragt wurde. Beamte der Abteilung Kinderkriminalität (Crimes Against Children, CAC) bei der Strafverfolgungsbehörde Floridas untersuchten den Fall und fanden heraus, dass der neue Handy-Kumpel in Wirklichkeit ein 43-jähriger Mann aus North Carolina war!

So wuchs die Idee zu Mädchenfänger. Die rasche Entwicklung des Internets hat neue Jagdgründe für sexuelle Straftäter geschaffen: Das National Center for Missing and Exploited Children schätzt, dass jedes siebte Kind online von derartigen Kriminellen angesprochen wird. Soziale Netzwerke wie Facebook und Myspace ermöglichen es Kindern und Teens, mit Millionen Fremden auf der ganzen Welt in Kontakt zu treten; aber natürlich ist nicht jeder der, der er vorgibt zu sein. Versteckt hinter dem schwarzen Bildschirm eines Computers kann jeder in Wirklichkeit auf Beutezug sein: Ein zehnjähriger Junge, ein sechzehnjähriges Mädchen, Beyoncés beste Freundin, ein Hollywood-Agent. Aber Kinder handeln wie Kinder, Teenager glauben fest an ihre eigene Unsterblichkeit und schwören Stein und Bein, dass sie ihre neuen «Freunde» aus dem Internet «kennen», weil sie deren Website gesehen, ihr Profilfoto angeschaut und ein paar Mal mit ihnen in Facebook gechattet haben.

Autoreninfo

Jilliane Hoffman war Staatsanwältin in Florida und unterrichtete jahrelang im Auftrag des Bundesstaates die Spezialeinheiten der Polizei - von...
mehr über die Autorin
Recherchen einer Perfektionistin

Sie haben lange als stellvertretende Staatsanwältin und Rechtsberaterin gearbeitet. Warum haben Sie diese Laufbahn verlassen und eine neue Karriere als Schriftstellerin begonnen?
Ich habe meine Position bei der Staatsanwaltschaft von Florida aufgegeben, um Retribution (Cupido) zu schreiben, meinen ersten Roman. Anfangs habe ich versucht, alles gleichzeitig zu schaffen: In Vollzeit zu arbeiten, Mutter zu sein und einen Roman zu schreiben. Und da ich eine Perfektionistin bin, wollte ich bei allen drei Dingen perfekt sein. Aber bei der Strafverfolgung geht es nicht pünktlich von neun bis fünf Uhr, und das Gleiche gilt für das Leben einer Mutter. Suchbefehle werden nicht unbedingt um zwei Uhr nachmittags ausgestellt, eher um zwei Uhr nachts, und Babys bekommen auch mitten in der Nacht Bauchweh. Es war schwierig, Zeit zum Denken zu finden, und es gab noch viel weniger Zeit, ein Buch zu schreiben. Daher beschlossen mein Mann und ich, dass ich mich ganz der Schriftstellerei widmen und sehen solle, wie ich zurecht käme. Retribution wurde ein Erfolg und ich hatte das Glück, einen Buchvertrag zu bekommen. Und damit kamen die Deadlines. Und sehen Sie: Jetzt bin ich wieder um zwei Uhr in der Nacht bei der Arbeit!

Wie recherchieren Sie Ihre Bücher? Sind Ihnen noch Beziehungen aus Ihrer Zeit als stellvertretende Staatsanwältin hilfreich?
Ich recherchiere sehr gründlich für meine Bücher. Um für Vater unser Schizophrenie genau zu verstehen, habe ich medizinische Artikel gelesen, Rat bei Psychiatern gesucht, Psychopathen und Schizophrene interviewt und Anstalten für kriminell gewordene psychisch Kranke sowie Hochsicherheits-Nervenkliniken besucht. Für Mädchenfänger habe ich eingehend Computertechniker, FBI-Agenten und zahlreiche Crimes Against Children-Polizisten sowie Fahnder aus dem Bereich Special Victims befragt. Einige meiner allerbesten Freunde sind frühere und jetzige Staatsanwälte und Special Agents: Ich habe ihre Nummern in meiner Kurzwahlliste gespeichert, sodass ich sie mitten in der Nacht anrufen kann! Und so sind wir alle um zwei Uhr nachts am Arbeiten. Ihr Lohn dafür, rund um die Uhr erreichbar zu sein? Ich verspreche ihnen, eine Person in einem zukünftigen Buch nach Ihnen zu benennen. Solange ich Ihnen nicht zu nahe auf den Pelz rücke, sind sie zufrieden.

In Ihren ersten drei Krimis war eine Frau, eine Staatsanwältin, die Hauptperson. Nun ist es mit FBI-Agent Robert Dees ein Mann. Warum haben Sie entschieden, die erzählerische Perspektive zu verändern?
Ich wollte herausfinden, wie es ist, ein gefeierter Kriminalbeamter zu sein, im eigenen Umfeld berühmt zu sein für die frappierende Fähigkeit, vermisste Kinder zu finden und komplizierte Entführungsfälle zu lösen, und nun mit dem Verschwinden seiner Tochter und seinen Schwächen als Vater fertig werden zu müssen. Ich nehme an, dass ich das Buch aus der Sicht eines weiblichen Detectives hätte schreiben können. Ich denke aber, dass ein solches Szenario für einen männlichen Kriminalbeamten noch komplizierter ist. Unter normalen Umständen ist es Aufgabe des Vaters, den Familienmitgliedern Sicherheit zu geben und sie zu schützen. Das gilt umso mehr, wenn der Vater ein Polizist ist. Und dann gleich doppelt zu versagen kann sowohl im privaten als auch im beruflichen Umfeld zerstörerische Wirkungen entfachen. Genau das wollte ich untersuchen.

What about Bobby?

Bobby Dees ist auch persönlich involviert in den Fall von Lainey, die auf geheimnisvolle Weise verschwunden ist. Können Sie uns darüber mehr erzählen?
Als Bobby sich mit Lainey Emersons Verschwinden befassen muss, wird seine eigene Tochter seit fast einem Jahr vermisst. Wie bei Lainey nimmt man auch bei Katy Ann Dees an, dass sie weggelaufen ist, einfach eines Abends nicht nach Hause ging, nachdem Bobby und seine Frau LuAnn verlangt hatten, sie solle sich von ihrem Freund, einem bekannten Bandenmitglied, trennen. Bei Bobby und LuAnn sorgt Laineys Verschwinden für einen Malstrom der Gefühle. Seit Katy fort ist, verschlechtert sich ihre Beziehung zusehends. Als Bobby seine Suche nach Lainey beginnt, wird ihm schnell klar, dass sie eine geheime Internet-Beziehung führte, die in einem Chatroom begann und von nicht zurückführbaren Instant Messages am Leben erhalten wurde – mit jemandem, der möglicherweise ein Online-Psychopath ist. Als gruselige handgemalte Portraits anderer vermisster Teenager an eine lokale Fernsehanstalt gesandt werden, erkennt Bobby, dass Lainey wahrscheinlich nicht die einzige Betroffene ist. Tatsächlich kann auch seine Tochter unter den Opfern dieses gesichtslosen Monsters aus dem Cyberspace sein.

Planen Sie weitere Bücher mit Robert Dees als Hauptakteur?
Kann schon sein. Ich habe Bobby gerne geschrieben, und da alle Personen in allen meinen Büchern bei den Strafverfolgungsbehörden in Miami tätig sind, ist es leicht, sie bei zukünftigen Fällen zusammenarbeiten zu lassen.

Der Kidnapper aus Mädchenfänger findet seine Opfer über das Internet. Basiert ihre Geschichte auf einem echten Fall?
Es gibt viele echte Fälle, auf denen Mädchenfänger


(Übersetzung: Claus-Eckhard Krämer)