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DAS INTERVIEW
Eigentlich dürften Ihre Leser und ich Sie gar nicht Jhumpa Lahiri nennen – Jhumpa ist Ihr Kosename …
Ja, Inder haben einen sogenannten Kosenamen und einen offiziellen Namen. Ersterer wird nur von den Eltern und von nahen Verwandten benutzt. Sobald man ins öffentliche Leben tritt, also zum Beispiel die Schule besucht, wird der offizielle Name angegeben, der künftig von allen anderen, auch Schulfreunden, benutzt wird. Aber als ich Anfang der Siebziger in Amerika in den Kindergarten kam, war der Lehrerin mein richtiger Name zu lang und zu kompliziert, und sie fragte meine Eltern, ob ich noch anders gerufen würde. «Nun, wir nennen sie Jhumpa», sagte meine Mutter, ohne dass ihr bewusst war, was das bedeutete: dass ab sofort der eigentlich nur für den Familienkreis vorgesehene Name von aller Welt benutzt wurde.
Dem Helden Ihres 2006 von Mira Nair verfilmten Romans Der Namensvetter widerfährt genau das Gleiche, und er lässt seinen Namen ändern, bevor er aufs College geht, weil er ihm peinlich ist. Sie sind in London geboren, und Ihre Eltern zogen nach Rhode Island an der amerikanischen Ostküste, als Sie drei Jahre alt waren. Hatten Sie jemals ähnliche Schwierigkeiten mit Ihrem Namen?
Oh ja, die hatte ich. Und ich habe sie in gewisser Weise immer noch: Er ist nach wie vor ein Gesprächsthema, etwas, das ich buchstabieren und erklären muss und das Aufmerksamkeit auf mich lenkt – was ich nicht mag.
Einmal im Leben erzählt die Lebens- und Liebesgeschichte von Hema und Kaushik, den amerikanischen Kindern indischer Einwanderer, die sich Anfang der siebziger Jahre in Cambridge, Massachusetts, kennenlernen. Kaushik muss mit dem Tod der Mutter fertigwerden und mit der neuen Ehefrau seines Vaters. Später bereist er als Kriegsfotograf die halbe Welt. Hema, die heimlich für Kaushik schwärmt, vertieft sich in die Antike, wird Professorin für römische Geschichte, und nach einer unglücklichen Liebe flieht sie nach Europa. Sie sind Heimatlose, aber spezifische Schwierigkeiten mit ihrem exotischen Hintergrund spielen eine viel geringere Rolle als in Der Namensvetter oder Ihrem Erstlingswerk Melancholie der Ankunft, für das Sie im Jahr 2000 den Pulitzerpreis bekommen haben. Darin ging es viel stärker noch um das «Leben mit Bindestrich», wie Sie es nennen, das Lebensgefühl bikultureller «Indian-Americans».
Ich glaube schon, dass diese, meine, Generation in besonderem Maße unter Identitätsproblemen gelitten hat und vielleicht noch leidet, stärker als «gewöhnliche» Jugendliche. Und in meinen Erzählungen spielt diese Bindestrich-Existenz eigentlich immer eine Rolle. Aber das eine schließt doch das andere nicht aus. Egal ob man einen multikulturellen Hintergrund hat oder nicht, hängt es doch immer vom Einzelnen ab, wie sehr man unter was auch immer leidet. Und so kommen manche mit ihrer etwas komplizierteren Herkunft gut klar und leben in Frieden mit ihren fremdländischen Wurzeln, für andere bleibt dieser Teil ihrer Geschichte ein ewiges Rätsel.
Sie selbst gehörten zu der Gruppe, die sich mit ihrer Bindestrich-Existenz schwertat.
Ja, praktisch meine gesamte Kinder- und Jugendzeit über habe ich mich und meine Familie nie wirklich akzeptiert. Ich wollte unbedingt jemand anders sein.
Wer?
Ich wollte so sein wie alle anderen, eine Amerikanerin, die ohne Fragen durchs Leben gehen kann. Ich hatte eine sehr schwierige Beziehung zu meiner Herkunft. Darüber zu schreiben, wurde schließlich zu einer Möglichkeit, mich diesem Gefühl zu stellen, mich damit auseinanderzusetzen. Beim Schreiben bin ich ehrlicher damit umgegangen als mein ganzes Leben zuvor.
Zu Beginn der Geschichte kehren Kaushiks Eltern für sieben Jahre nach Bombay zurück, siedeln sich dann aber wieder in Cambridge an. Nach diesem ersten Wiedersehen denkt die 13-jährige Hema über Kaushik nach: «Ich wusste nicht, was ich von Dir halten sollte. Du hattest in Indien gelebt und deshalb in meinen Augen mehr mit meinen Eltern gemeinsam als mit mir.» Wie war Ihr Verhältnis zu Ihren Eltern?
So wie alle Kinder war ich mal stolz auf sie, mal waren sie mir schrecklich peinlich. Mal liebte und mal hasste ich sie. Meine Gefühle wurden allerdings durch die Tatsache verstärkt, dass sie einem anderen Kulturkreis angehörten, ein anderes Leben führten als die Eltern meiner Freunde. Und weil wir in Amerika lebten und eben nicht in Indien, schien mir das Leben, das die anderen führten, das normale.
Was genau war anders?
Ach, da waren so viele Sachen! Der Hummer zum Beispiel! Meine Eltern interessierten sich nicht für Hummer. In Neuengland isst man im Sommer Hummer, man fährt in die Sommerferien, geht an den Strand und will braun werden. Meinen Eltern lag das alles fern. Sie hatten eine völlig andere Lebenseinstellung, und mir war ständig bewusst, dass meine Eltern anders waren. Ich wusste, dass sie Freunde hatten, die waren wie sie, dass sie aber mit diesen Freunden dort, wo wir lebten, eine Minderheit bildeten.
Sie fuhren in den Sommerferien nach Indien. Was änderte sich?
Da machte ihr Verhalten, ihre Art plötzlich einen Sinn. Weil es plötzlich einen Kontext gab. Eine Umgebung, die meinen Eltern entsprach. In Amerika hatte ihre Umgebung damals kein Interesse an ihnen, kein wirkliches Verständnis für sie, einfach keine Ahnung.
Waren Sie anders zu Hause, in der Schule und in Indien? Gab es drei Jhumpas?
Wahrscheinlich schon. Ich war immer bestrebt, mit meiner Umgebung zu verschmelzen. Zu Hause sprach ich Bengali und tat alles, was meine Eltern von mir erwarteten. In der Schule sprach ich englisch und versuchte auch dort, alle Erwartungen zu erfüllen. Und auch in Indien versuchte ich immer, möglichst keine Aufmerksamkeit zu erregen. Denn dort war ich ja wiederum auf eine andere Art fremd. Dort galt ich plötzlich als Amerikanerin. Ich versuchte immer, allen zu gefallen.
Sie waren nie die Rebellin, die aufbegehrt gegen diesen Druck?
Nein, nie. Erst als ich anfing zu schreiben, begann ich, mich damit auseinanderzusetzen, dass ich anders war. Dass es eine Tatsache war, mit der ich leben musste. Dass ich einen anderen, meinen eigenen Weg einschlagen und die Welt mit meinen eigenen Augen betrachten musste und nicht mit dem Blick, den die anderen mir vorgaben.
Schreiben ist also Ihre kleine Rebellion.
Wenn Sie es so nennen wollen. Das Schreiben war für mich der erste Schritt, den ich aus eigenem Antrieb machte. Beim Schreiben höre ich ausschließlich auf mich selbst, auf niemanden sonst. In meinem normalen Leben habe ich dagegen immer das Gefühl, dass ich auf andere höre und das tue, was sie von mir erwarten.
Können Sie sich vorstellen, Geschichten zu schreiben, in denen Indien gar nicht vorkommt?
Das habe ich schon, und zwar vor sehr langer Zeit. Ich habe als kleines Mädchen mit dem Schreiben angefangen, und da spielte die indische Herkunft überhaupt keine Rolle. Erst als ich älter war, wurde das Schreiben zu einer Möglichkeit der Selbstbetrachtung, es gab mir die Gelegenheit, herauszufinden, wer ich bin, wer meine Familie ist, was genau diesen speziellen Menschenschlag, dem meine Familie angehört, ausmacht.
Einmal im Leben beginnt mit einem Abschiedsessen für Kaushiks Eltern, beim Essen kommt es immer wieder zu Spannungen, oder einander Fremde lernen sich besser kennen. Essen spielt in all Ihren Büchern eine wichtige Rolle, manchmal möchte man am liebsten, wenn schon nicht in Indien, dann wenigstens im nächsten indischen Restaurant weiterlesen!
Essen spielte immer eine wichtige Rolle in unserer Familie. Meine Mutter ist eine phantastische Köchin, und Kochen, Essen, Besuch zu haben war immer ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens – gewissermaßen der zentrale Programmpunkt, um den herum unser Alltag organisiert wurde. Ich glaube, deshalb hat sich mir die gesellschaftliche Bedeutung von Essen so tief eingeprägt. Wichtig ist es doch eigentlich für jeden, Mahlzeiten halten uns am Leben und führen uns zusammen. Aber für meine Familie – und viele Immigranten – hatte das Essen immer noch eine zusätzliche Bedeutung. Essenseinladungen brachten sie mit ihresgleichen zusammen. Und die Abwesenheit bestimmter Nahrungsmittel war eine ständige Erinnerung daran, wo sie sich befanden und was sie vermissten. Vor allem in der ersten Zeit.
Heute bekommt man gerade in Amerika dagegen viele exotische Produkte relativ problemlos.
Ja, und doch glaube ich, dass regionale Küche fest mit ihrer Erde verbunden ist. Essen macht die Welt unterscheidbar – trotz Globalisierung, trotz Flugzeugen und Import und Export. Wenn man reist, wird man doch immer noch daran erinnert, wie sehr das Essen ein Land charakterisiert. Deshalb hat mich die kulturelle Bedeutung von Essen immer schon interessiert, und das hat wohl Eingang in mein Werk gefunden.
(Aus: Rowohlt Revue 87. Das Interview führte Iris Alanyali.)