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Jesper Juul – Familientherapie aus Dänemark

© picture-alliance/epa scanpix (Fotografin: Linda Henriksen)

Es wird derzeit viel über Erziehung spekuliert und debattiert. Über Werteverfall, über Strenge und Härte als Erziehungsleitlinien, und – speziell in Deutschland – über das dreigliedrige Schulsystem und seine Alternativen. Dass der Name Jesper Juul in dieser Debatte so häufig fällt, ist kein Zufall. Verkörpert doch keiner so entschieden den Gegenpol zu jenen Autoren, deren Bücher es mit Schwung auf die Bestsellerlisten gebracht haben, wie der 61-jährige dänische Familientherapeut und Pädagoge.
Jesper Juul hat wenig Verständnis für das, was Bernhard Bueb, der ehemalige Schulleiter des Internats Salem, oder der Bonner Mediziner Michael Winterhoff in Lob der Disziplin bzw. Warum unsere Kinder Tyrannen werden zu sagen haben. Ein Blick auf den Erfahrungshintergrund des dänischen Praktikers, wie er sich in seinem Klassiker Das kompetente Kind und in den neu aufgelegten Texten Grenzen, Nähe, Respekt und Dein kompetentes Kind zeigt, liefert Hinweise darauf, woran es im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern wirklich mangelt.

«Ich schreibe Bücher über Familien, keine Erziehungsratgeber»

Juuls berufliche Biografie verlief alles andere als geradlinig; aber vermutlich haben ihn all diese «Umwege» zu dem werden lassen, was er heute ist und wofür er steht. Nach dem Mittelschulabschluss fuhr er als Messejunge und Hilfskoch für eine dänische Reederei zur See, schlug sich als Bauarbeiter, Tellerwäscher und Barkeeper durch, ehe er am Marselisborg-Lehrerseminar Geschichte und Religion zu studieren begann, ohne Abitur; in Åarhus studierte er außerdem Ideengeschichte. Nachdem er drei Jahre als Lehrer und Sozialpädagoge in einem Heim in Vigby die gängige Erziehungspraxis hinreichend kennengelernt hatte, wusste er, wonach er suchte.

Der amerikanische Psychiater und Familientherapeut Walter Kempler und der dänische Kinderpsychiater Mogens A. Lund wurden seine Lehrer, sie prägten seinen Ansatz, aktiv mit den Familien der Kinder arbeiten zu wollen. Fast ein Jahrzehnt konzentrierte sich Juul auf die Arbeit mit alleinerziehenden Müttern im Jugendzentrum der Kommune Åarhus. 1979 gründete er mit Lund, dessen Frau Lis Keiser und in Zusammenarbeiter mit Walter Kempler das Kempler Institute of Scandinavia. Seit 1991 engagiert sich Juul, der in zweiter Ehe mit einer Kroatin verheiratet ist, auch in der therapeutischen Arbeit mit Flüchtlingsfamilien und Kriegsveteranen in Kroatien.

Das von ihm gegründete FamilyLab in der Kleinstadt Odder versteht sich als unabhängige internationale Organisation für Beratung und Kompetenzentwicklung in Familien, Schulen und Unternehmen. Das in bisher sieben europäischen Ländern aktive FamilyLab bietet Seminare, Vorträge und Beratungsgespräche an. Es sind die Probleme des Alltags, denen Juul sich in seiner Arbeit widmet, nicht Exzessen wie Drogensucht, Kriminalität oder Bulimie. Hier braucht es mehr als ein Seminar oder eine Handvoll Gespräche, um betroffenen Eltern oder Lehrern eine tragfähige Idee an die Hand zu geben.

Eltern müssen wie Leuchttürme sein

Jesper Juuls Konzept als Familientherapeut lässt sich in wenigen Thesen zusammenfassen: 1. Kinder bringen von Geburt an soziale und emotionale Kompetenz mit, die sich entsprechend ihrer Reife äußert. 2. Traditionelle Erziehung, die auf überwiegend verbalen Strategien beruht, ignoriert, dass Kinder vor allem durch Nachahmung lernen. 3. Auffälliges Verhalten von Kindern und Jugendlichen kann zwei Ursachen haben: Erwachsene haben die kindliche Integrität verletzt – oder die Kinder haben überkooperiert. 4. Der schlimmste Erziehungsfehler ist der Wunsch nach Perfektion. „Perfektion bekommt keine Kinder …“ (T. S. Eliot) 5. Kinder brauchen Konsequenz und Klarheit, aber keine harte Hand. Gebetsmühlenartig das Loblied der Disziplin zu singen, hilft rein gar nichts.

Bei ständig mit Ermahnungen und Verboten konfrontierten Kindern und Jugendlichen kommt nur eine Botschaft an: «Du bist nicht richtig», «Dir kann ich nicht vertrauen». Wir müssen uns der Mühe unterziehen herauszufinden, wer das Kind ist, was es ausmacht und nicht, warum es sich so oder so verhält – nur so wandeln sich liebevolle Gefühle in liebevolles Verhalten, nur so wird aus Erziehung Beziehung. Respekt, Würde, Vertrauen, das sind Zentralbegriffe in der Pädagogik Juuls. FamilyLab will gute Eltern zu besseren Eltern machen; dazu gehört zuallererst, sich zur eigenen Unsicherheit in Erziehungsfragen zu bekennen.

Eltern fühlen sich immer wieder überfordert, kein Wunder. Ständig machen Eltern Fehler. Juuls halb ernst gemeinte Faustformel: 20 Fehler am Tag sind okay, ab 50 sollte man dringend familientherapeutische Hilfe ergreifen. Immer wieder wird er von besorgten Eltern gefragt, ob derart mit Eigenverantwortung ausgestattete Kinder das nicht schamlos ausnutzten. Nein, tun sie nicht, sagt Juul: «Kinder sind überhaupt nicht an Macht interessiert. Sie brauchen echte, authentische Menschen als Vorbilder, die dumm sind, brillant, fehlerhaft, wunderbar, mal Ruhe brauchen … Nur so lernen sie Mitgefühl und wie das Leben als Erwachsener funktioniert.»

Liebevolle Gefühle in liebevolles Verhalten verwandeln

Jesper Juul doziert nicht von oben herab. Einen viel schlechteren Vater als den, der er selber lange Jahre selbst gewesen sei, könne man sich schwer vorstellen, gesteht er. Er sei schlicht und ergreifend überfordert gewesen als junger Vater. Sein Sohn war gerade einmal zwei, und doch habe er dem Kleinen seine Frustration an den Kopf geworfen, und das oft ziemlich lautstark. Bis dieser einmal mitten in einer der väterlichen Ausraster aus dem Zimmer ging. «Ich fand ihn, wie er vier Stufen hoch auf der Treppe (auf Augenhöhe!) stand, die Hände auf die Ohren gepresst und mir wütend in die Augen sah. Erst da begriff ich, dass ich selbst die Verantwortung für meine Inkompetenz übernehmen sollte, anstatt ihm die Schuld zu geben.»

Was die angstbefrachteten Großthemen angeht, erinnert Juul die irritierten Eltern einfach an ihre eigenen wilden Jahre, an ihre eigenen Erfahrungen mit Sex & Drugs & Rock`n Roll. Das bedeute aber nicht, in Naivität zu verfallen: «Es gab immer sechs bis acht Prozent der Kinder, die sehr verwundbar waren, die ab der Pubertät immer in einer Risikozone rund um Alkohol oder Drogen, Sex oder Power-Shopping waren.» Der Däne sagt klipp und klar, dass Eltern ab einem bestimmten Zeitpunkt mit der Erziehung aufhören können: dann nämlich, wenn ihre «Kleinen» in die Pubertät kommen. In dieser Entwicklungsphase helfe eine Mischung aus klaren elterlichen Ansagen (im Sinne von: So sehe ich das!) und: Vertrauen, Vertrauen, Vertrauen. Und nicht: Disziplin, Disziplin, Disziplin.