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Jens Bisky: Unser König

© thinkstockphotos.de

Er hat die Phantasie der Deutschen mehr illuminiert als jeder andere König: Friedrich II., genannt Friedrich der Große, genannt der Alte Fritz. Am 24. Januar 2012 wird seines 300. Geburtstags gedacht: Ausstellungen, Festreden, Veranstaltungen, Installationen. Und viele, viele Bücher. Als eines der elegantesten und konzeptionell originellsten wird Jens Biskys Lesebuch Unser König gerühmt. «Bisky hat nicht nur die Quellen geschickt ausgewählt, er ist auch selbst ein Erzähler, dem man gern lauscht.» (FAZ) «Über so viel unkonventionelle Pointierlust dürfen sich nicht nur die alten Hasen, sondern auch die Preußenneulinge freuen.» (Deutschlandradio Kultur)

Jens Biskys Friedrich-Buch ist eine Textsammlung mit moderierenden Zwischenkapiteln. Neben scharfzüngig-amüsanten Einführungsessays des Autors (samt Zeittafeln) zu den Abteilungen «Jugend», «Glanz», «Krieg» und «Alter» sind eine Vielzahl aufschlussreicher Texte von Zeitgenossen und Nachfahren des Alten Fritz abgedruckt. Nicolai, Bräker, Goethe, Lessing und Voltaire, Kant, Clausewitz, von Lehndorff, Fontane und Bismarck, aber auch Gesandte fremder Höfe, Soldaten und Reisende kommen zu Wort. So entsteht das differenzierte Bild eines Mannes, den die Frankfurter Rundschau so charakterisierte: «Scheusal und Schöngeist in Personalunion, Kriegsverbrecher aus Kalkül und Aufklärer aus Überzeugung – Friedrich der Große war ein Extremist (der Staatsräson), ein Fürst der (moralischen) Widersprüche.»

«Friederisiko!» So nennt sich weder das Brettspiel des Jahres noch ein neuer Bundesschautzbrief, das ist vielmehr das hippe Motto, das die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten für das Friedrichjahr 2012 auf ihre Fahnen geschrieben hat. Der aufgeklärte Hohenzollern-Monarch hat auch uns Heutigen noch einiges zu sagen, wie etwa seine Polemik gegen «die werten Herren Blutsauger» von 1765 unterstreicht: «O dieses gräßliche Gesindel, / Das Börsenspekulanten heißt! / Spitzbuben mit dem Diebwerksbündel, / Auswurf von eklem Höllengeist! / Es überkommt uns schon ein Schwindel, / Wenn man auf ihre Namen weist.» Wie wahr!
Einige Passagen aus Jens Biskys glänzend geschriebener Studie zum Einlesen:

Friedrich II. – ein Monarch neuen Typs

«Wenn die Deutschen über ihr Selbstverständnis nachdachten, spielte auch Friedrich II . von Preußen eine Rolle. Kein anderer König ist ihnen als Person so nahe gerückt wie dieser. In den sechsundvierzig Jahren seiner Herrschaft hatte er Wert darauf gelegt, dass seine Untertanen sich direkt an ihn wenden konnten; persönlich entschied er über die Heiratsgesuche seiner Offiziere und begleitete diese gern mit sarkastischen oder frivolen Kommentaren; im Felde ließ er sich von den Soldaten duzen; auf Inspektionsreisen prunkte er mit seinem formidablen Gedächtnis für die Schicksale einfacher Leute und kleinste Einzelheiten. Friedrich war ein Monarch neuen Typs. (…) Er war in seinen späten Regierungsjahren schon volkstümlich geworden, er wurde zur Legende im 19. Jahrhundert und zum Klischee im frühen 20.; so hatte sich noch keine Generation mit ihm gelangweilt.»

«Das Interesse an Friedrich II. war gewachsen in dem Maße, in dem Preußen die kleindeutsche Einigung vorangetrieben hatte. Nach und nach erschienen die Schriften und Briefe des Königs, Erinnerungen von Zeitgenossen und Biographien. Nachfolger und nachgeborene Generationen setzten sich zu ihm ins Verhältnis; jeder entwarf sein Friedrich-Bild.» Friedrichs Leben bot dem Nachdenken abwechslungsreichen Stoff: Da war der hochbegabte Jüngling, der einen grausamen Konflikt mit seinem Vater auszustehen hatte; da war der Kronprinz, der sich – mehr unter Zwang denn aus Leidenschaft – in Verwaltungsfragen einarbeitete und bald darauf in Rheinsberg eine preußische Freundschaftsidylle in Szene setzte; und da war der junge Monarch, der Glanz nach Berlin und Potsdam brachte und die erste günstige Gelegenheit wahrnahm, sein Territorium zu vergrößern.»

«Mit der glücklichen Eroberung Schlesiens war Kriegsruhm verbunden, der vornehmste, den ein Herrscher in Friedrichs Zeit erwerben konnte. Die neue Provinz musste mehrfach verteidigt werden. Im Siebenjährigen Krieg, den Friedrich mit dem ruchlosen Einfall in Sachsen eröffnete, gelangte Preußen, gelangte auch er an das Ende seiner Kräfte. Das Unglücksjahr 1759, gipfelnd in der Niederlage bei Kunersdorf, bezeichnet einen Wendepunkt in seinem Leben.»

Autoreninfo

Jens Bisky, geboren 1966 in Leipzig, studierte Kulturwissenschaften und Germanistik in Berlin. Er schrieb für die «Berliner Zeitung» und ist heute...
mehr über den Autor
Kultureller Glanz und Kriegspolitik

«Einem Geschichtenerzähler bieten die Jahre nach dem Dresdner Frieden reichhaltigen Stoff. Friedrichs Initiativen zur kulturellen Modernisierung Preußens entfalten jetzt Wirkung. Das Opernhaus, das im Krieg eilig eröffnet worden war, um Stärke zu demonstrieren, spielt erfolgreich, was Carl Heinrich Graun alljährlich in den Wochen vor Karneval komponiert. Maupertuis kommt, nachdem ihn bei Mollwitz Husaren festgenommen und nach Wien gebracht hatten, endlich auf die ihm zugedachte Stelle. Der Akademie fehlt es an Mitteln, es geht dennoch voran.

Alte Pläne zur Trockenlegung des Oderbruchs werden endlich umgesetzt. Der erfahrene holländische Ingenieur Simon Leonhard von Haerlem leitet die Arbeiten, auch der Mathematiker Leonhard Euler setzt sich in einen Oderkahn, um Land und Flusslauf zu vermessen. Die Verwaltung wird neuen Bedürfnissen angepasst, das Justizwesen reformiert. Johann Sebastian Bach besucht den König in Potsdam. Im Geist des Wettstreits improvisiert Friedrich das «königliche Thema», das Bach seinem «Musikalischen Opfer» zugrunde legt. Sanssouci wird als ein Schloss eigener Art eröffnet, wo ein literarischer Freundeskreis zur Tafelrunde zusammenkommt. Voltaire siedelt nach Potsdam über. Hier entsteht eine Exklave der französischen Aufklärung. In der Auseinandersetzung mit dieser entwickelt sich Berlin allmählich zum geistigen Zentrum Norddeutschlands. Friedrich Nicolai, Moses Mendelssohn, Gotthold Ephraim Lessing und Christlob Mylius registrieren das Treiben des Königs und seiner französischen Gelehrtenfreunde genau. Diese Fülle an Neuigkeiten aber wird vom Schatten des kommenden Krieges verdunkelt …»

Königsmaske, Königsmaschine

«Auch der alte König vermochte noch, seinen Körper zu regieren. Die Augenzeugenberichte über ihn gleichen einander in vielen Punkten. Er war zur Königsmaske erstarrt. Das Gefühl geistiger Überlegenheit, die Lust am Spott, sein «Beifallsbedürfnis» (Bismarck) und seine philosophisch verbrämte Misanthropie schienen sich nun gegen ihn selbst zu wenden. Ihm blieben die Hunde, der Schnupftabak, zwei, drei Gesprächspartner, Essen, Trinken und die freudlose Wiederkehr der immer gleichen Aufgaben. Die bewältigte er wie eh und je, der erste, in erster Linie alte Diener seines Staates. Er glich nun selbst einem Instrument der eigenen Majestät. Sein Misstrauen wuchs und mit diesem die Einsamkeit, die Leere um ihn. Preußen erwartete seinen Tod, nicht in Vorfreude, aber in der Gewissheit, dass die Zeit des Königs, die längst abgelaufen war, bald ein Ende finden, dass die Stagnation aufhören, Neues freie Bahn finden müsse.»

«Er habe wie ein Philosoph gelebt und wolle als solcher begraben werden, hatte Friedrich bereits 1752 geschrieben: «ohne Pomp, ohne Prunk und ohne die geringsten Zeremonien. Ich will weder geöffnet und einbalsamiert werden. Sterbe ich in Berlin oder Potsdam, so will ich der eitlen Neugier des Volkes nicht zur Schau gestellt werden. Man bringe mich beim Schein einer Laterne, und ohne daß mir jemand folgt, nach Sanssouci und bestatte mich dort ganz schlicht auf der Höhe der Terrasse, rechterhand, wenn man hinaufsteigt, in einer Gruft, die ich mir habe herrichten lassen.» Sein Nachfolger, Friedrich Wilhelm II., hielt sich nicht an die testamentarische Verfügung des Verstorbenen, sondern folgte dynastischem Brauch. Am Abend des Todestages ließ er den Leichnam im großen Marmorsaal des Potsdamer Schlosses aufbahren, am 18. August 1786 wurde der tote König in die Garnisonkirche überführt und dort in der Gruft hinter dem Altar beigesetzt, in der schon der Sarg seines Vaters lag …»