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Am 21. November 2011 jährt sich sein Todestag zum 200. Mal. Heinrich von Kleist war und ist eine Herausforderung. Für sein Publikum und für alle, die sich ihm biografisch nähern. Der 1777 in Frankfurt an der Oder Geborene war ein Mensch, dem sein Leben, eingezwängt zwischen preußischem Pflichtgefühl und Freiheitspathos, stets zu entgleiten drohte. Jens Bisky, Literaturwissenschaftler und Feuilletonredakteur der Süddeutschen Zeitung, hat dem modernsten aller Klassiker eine von «schriftstellerischem Schwung und kompositorischem Geschick» (FAZ) getragene Biografie gewidmet.
Je näher man ihm kommt, desto mehr entzieht er sich dem Zugriff. Kleist, der Suchende, Unstete, Gebrochene. Ein Leben in Paradoxien, nie festlegbar, verstörend. Vielleicht liegt darin seine von Generation zu Generation weitergetragene Faszination, seine Modernität; vielleicht rührt daher das Gefühl, in Kleist einen Zeitgenossen zu sehen – in ihm, der am Nachmittag des 21. November 1811 am Kleinen Wannsee mit Henriette Vogel den Tod suchte und fand.
Kleist, der Romantiker. Er war ein «Sehnsuchtsmystiker» und Wahrheitssucher. Aber eben keiner, der die Antike idealisierte, sich von goldener Abendstimmung berauschen ließ und den guten alten, unbeschwerten Zeiten nachtrauerte. Dafür war er viel zu sehr Preuße, sozialisiert unter den Soldaten Friedrich Wilhelms III., aufgewachsen in einer Welt preußischer Strenge. Kein Zufall, dass Ernst Bloch seine Studenten aufforderte, Kleist zu studieren, um sich an Kant zu gewöhnen.
Kleist, der Soldat. Er war gerade einmal 15, als er Gefreiter-Korporal in einer in Potsdam stationierten Eliteeinheit wurde; als er in einem «Akt der Selbstermächtigung und mit «herzlichster Verachtung» 1792 die Waffen streckte und um seine Entlassung bat, brach er mit der erdrückenden Familientradition, zu deren ehernen Gesetzen es zählte, dass ausnahmslos aller Männer der Kleist-Dynastie zu dienen hatten. Gezielter Tabubruch und brennendes Verlangen nach gesellschaftlicher Anerkennung – auch das ist Kleist.
Die Niederungen des Alltags (wie sie sich in Kleists Appell an seinen Schwager «Ich bitte Gott um den Tod und dich um Geld» ausdrücken), das Mysterium der Würzburgreise, der Schatten vom Wannsee – in Kleists Leben und Sterben ist viel hineingeheimnist worden: «Die Geschichte der Kleist-Deutungen … ist auch eine Geschichte stumpfer Werkzeuge und interessegeleiteter Phantasien.»
Wo die lückenhafte Quellenlage der spekulativen Fantasie Tür und Tor öffnen könnte, bleibt Bisky bei aller Leidenschaft im Ton und klaren Wertungen hart an den Quellen. Das ist allemal ertragreicher, als aus Kleists überschaubarer Körpergröße von fünf Fuß, drei Zoll, also 1,70 Meter, auf einen Überschuss an kompensatorischer Energie zu schließen. Es gibt, so der Autor, einfach nicht «den einen Universalschlüssel». Maßgebend bleibt immer das, was er uns hinterlassen hat: sein Werk.
Gerade das Ambivalente, das Schwebende macht die Sprengkraft von Kleists dramatischem und erzählerischem Werk mit seinen starken Charakteren aus. Der Rosshändler Michael Kohlhaas, «einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit», die Marquise von O., die «um der gebrechlichen Einrichtung der Welt willen» dem Mann, der sie vergewaltigte, vergibt und an seiner Seite bleibt.
Über das Marionettentheater, Kleists bedeutendste ästhetische Schrift (veröffentlicht in den Berliner Abendblättern, seinem Zeitungsprojekt von 1811), kreist um die Frage, wie sich Erdenschwere und Vernunftgesetz mit Reflexion und Leichtigkeit, mit Anmut und Grazie vertragen, den Attributen wahrer Schönheit. In dieser Grübelei steckt der ganze Kleist.
«Kleist erinnert uns: Die Aufklärung ist nicht seicht, die Vernunft nicht ohne Geheimnisse, du es gibt sehr wohl eine Mystik der Klarheit. Die Wahrheit ist, dass ihm auf Erden nicht zu helfen war. Die Wahrheit ist aber auch: ihm nicht und keinem von uns.» (Daniel Kehlmann)