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«Ich wurde zweimal geboren: zuerst als kleines Mädchen, an einem bemerkenswert smogfreien Januartag 1960 in Detroit und dann, als halbwüchsiger Junge, in einer Notfallambulanz in der Nähe von Petoskey, Michigan, im August 1974.» So beginnt Jeffrey Eugenides' fulminanter Roman Middlesex (jetzt neu bei rororo in einer bibliophilen Sonderausgabe), der bei seinem Erscheinen vor neun Jahren nicht nur in den USA als literarische Sensation gefeiert wurde. «Ein Feuerwerk an Einfällen und Fabulierkunst» (FAZ), mit «Sätzen, die sich wie Sonden ins Bewusstsein der Leser senken» (Der Spiegel).
Calliope Helen Stephanides, genannt Callie. Ihre Geschichte zu erzählen, heißt den turbulenten Weg eines Gens durch ein ganzes Jahrhundert, über Kontinente und Zeiten hinweg zu verfolgen. Von einem kleinasiatischen Bergdorf bis ins Gelobte Land Amerika, nach Detroit und San Francisco, und später nach Berlin. Dieses ungemein bewegliche Gen weist eine rezessive Mutation auf Chromosom fünf auf, entstanden vor zweieinhalb Jahrhunderten an den Hängen des Olymp ... Als Leser von Middlesex wird man weder in eine Vorlesung über Genetik und Evolutionsbiologie, noch in ein Kuriositätenkabinett sexuellen Außenseitertums hineingezogen. Die Faszination des Romans besteht gerade in jenem «kleinen Unterschied», den das Mädchen Callie in sich spürt, Tag für Tag, Nacht für Nacht. Aber kehren wir doch einfach an den Anfang der Geschichte zurück …
In dem Dorf Bithynios, hoch über Bursa, der alten Osmanen-Hauptstadt, betreibt Callies Großmutter Desdemona als junge Frau ihre Seidenraupenzucht. Der Traum von Großgriechenland in Kleinasien ist bald zu Ende. Auf ihrem Rückzug lässt die griechische Armee verbrannte Erde zurück, und die Türken statuieren an Smyrna ein Exempel: Die kosmopolitische Perle des Nahen Ostens geht im Feuersturm unter, Zehntausende sterben einen schrecklichen Tod.
Desdemona und ihrem Bruder Lefty gelingt es, sich als «französische Bürger» evakuieren zu lassen. Über Athen treten sie die Schiffspassage nach Amerika an. Dort, inmitten Hunderter Emigranten, wechseln die Geschwister ihre Identität – aus Bruder und Schwester werden Mann und Frau. Vom Kapitän getraut, verbringt das Paar seine erste Liebesnacht in einem Rettungsboot.
In Detroit, dem Zentrum der amerikanischen Autoindustrie, beginnt ihr neues Leben, hier kommen ihre Kinder Milton und Zoe zur Welt, hier verbinden sich das private Glück der Stephanides mit den Triumphen und Tragödien des amerikanischen Jahrhunderts: Fließbandarbeit bei Henry Ford, Alkoholschmuggel, Börsencrash an der Wall Street, Seidenraupenzucht für die Black Muslims, Krieg im Pazifik, Mord an den Kennedys und Martin Luther King, blutige Rassenkrawalle, der griechisch-türkische Krieg um Zypern ….
Am Middlesex Boulevard im reichen Detroiter Vorort Grosse Point vollzieht sich dann, unendlich langsam und tastend, die Entpuppung von Desdemonas Enkelin Calliope zu Cal. War sie als kleines Mädchen noch von einer irritierend extravaganten Schönheit, setzten sich bald die männlichen Anteile immer stärker durch. Das eigentliche Wunder an «Middlesex» ist die Beschreibung der Entpuppung von Callie zu Cal: Das Drama um ihren ersten BH; das Reifen der Stimme; das Ausbleiben der Periode («Ich imitierte Krämpfe wie Meryl Streep Dialekte»); der erste Haarflaum auf der Oberlippe; und die zunehmende Irritation über ihren «genitalen Status» …
Irgendwann springt Callie auf die andere Seite des Stroms und beginnt – endlich! – ihr Leben als Mann. Aus Callie wird Cal.