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Man kann nur spekulieren, wie viele Leserinnen und Leser auf einen neuen Roman von Jeffrey Eugenides warten. Es müssen enorm viele sein. Mit den Selbstmord-Schwestern, vor allem aber mit Middlesex hat der griechischstämmige Amerikaner allerhöchste Erwartungen geweckt: ein grandioses Mehr-Generationen-Epos, «ein Feuerwerk an Einfällen und Fabulierkunst» (FAZ), mit «Sätzen, die sich wie Sonden ins Bewusstsein seiner Figuren senken» (Der Spiegel). Ein unvergessliches Buch, dessen erster Satz einen bereits in den Kosmos seiner Erzählkunst hineinriss: «Ich wurde zweimal geboren: zuerst als kleines Mädchen, an einem bemerkenswert smogfreien Januartag 1960 in Detroit, und dann, als halbwüchsiger Junge, in einer Notfallambulanz in der Nähe von Petoskey, Michigan, im August 1974.»
Nun wissen wir wenigstens, woran Jeffrey Eugenides zuletzt gearbeitet hat: an einer Sammlung der größten Liebesgeschichten der Weltliteratur, die nun in einem Paperback-Prachtband unter dem Titel Der Spatz meiner Herrin ist tot erschienen sind. Der Titel ist eine Referenz an den lateinischen Dichter Catull, den ersten Dichter der antiken Welt, der in obsessiver Weise über eine persönliche Liebesbeziehung schrieb, die Liebe zu Lesbia (die eigentlich Clodia hieß und unglücklicherweise verheiratet war). Für Gaius Catullus, 84 v. Chr. in der Provinz Gallia cisalpina geboren, war es die Liebe seines Lebens: «Von den ersten peinigenden Augenblicken der Verliebtheit in jene Frau über die Glut körperlicher Liebe bis hin zu den Vertrauensbrüchen, die ihn verletzt zurücklassen ..., hat Catull alles erzählt und so mehr als jeder andere zur Schaffung jener Form beigetragen, die wir heute als Liebesgeschichte kennen.»
Neunzehn Liebesgeschichten sind in Eugenides’ Anthologie versammelt, sie alle entstanden in den vergangenen einhundertzwanzig Jahren. Inspiriert von Dave Eggers, «dem Bono der Literatur», las er ein ganzes Jahr lang ausschließlich Liebesgeschichten der Weltliteratur. Die Methode, nach der er dabei vorging, nennt er «maximal chaotisch und gesellig … Bei Vorträgen und Buchpräsentationen, in Aufzügen mit Lektoren und auf Literaturfestivals mit lichtscheuen Romanciers, in Universitäten, in lauten Tapas-Bars, über einem Delirium tremens in der Hopleaf Bar auf der Clark Street, habe ich ich jeden, der zufällig in der Nähe war, nach seiner Lieblings-Liebesgeschichte gefragt.»
Jonathan Franzen schlug ihm gleich drei Geschichten von Alice Munro vor, Jhumpa Lahiri war die Erste, die James Joyce’ Text Die Toten für unverzichtbar erklärte, der deutsche Fotokünstler Thomas Demand lenkte die Aufmerksamkeit auf Tonka von Robert Musil usw. usf. Und Eugenides las und las und las. Wer die üblichen kuschelweich-flauschigen Liebesgeschichten in dieser Anthologie sucht, wird das Buch vermutlich bald enttäuscht zur Seite legen. Große Liebesgeschichten, das liegt an der unbändigen, unberechenbaren Energie des Eros, gehen nicht unbedingt «gut» aus; in ihnen pulsiert das volle Leben, selten aber das reine, ungetrübte Glück, wie Eugenides feststellt:
«Was die Liebe betrifft, gibt es eine Million Theorien, die sie erklären. Was die Liebesgeschichte betrifft, liegen die Dinge einfacher. Eine Liebesgeschichte kann nie von echter Erfüllung handeln. Die glückliche Liebe, die erwiderte Liebe, die Sehnsucht, die nie vergeht – das sind glückliche Eventualitäten, aber keine Liebesgeschichten. Liebesgeschichten brauchen Enttäuschung, die ungleiche Geburt und die Familienfehde, die eheliche Langeweile und mindestens ein kaltes Herz. In Liebesdingen üben sich Liebesgeschichten fast ausnahmslos in übler Nachrede. Wir schätzen die Liebe nicht, weil sie stärker, sondern weil sie schwächer ist als der Tod. Sagen Sie über die Liebe, was Sie wollen: Der Tod setzt ihr ein Ende. (…) Wäre sie endlos, gäbe es sie vom Fass.»
Diese Prämisse im Hinterkopf, erklärt sich auch die Auswahl der Geschichten dieser Anthologie. Um Lust auf große Namen und große Literatur zu machen – hier ist die Teilnehmerliste am großen Experiment Liebesgeschichten der Weltliteratur:
• Anton Tschechow: Die Damie mit dem Hündchen
• William Faulkner: Eine Rose für Emily
• James Joyce: Die Toten• Anton Tschechow
• Denis Johnson: Schmutzige Hochzeit
• David Bezmozgis: Natascha• Anton Tschechow
• Deborah Eisenberg: Ein anderer, besserer Otto
• William Trevor: Liebende ihrer Zeit
• Guy de Maupassant: Mouche
• Gilbert Sorrentino: Der Mond auf seiner Bahn
• Vladimir Nabokov: Frühling in Fialta
• Lorrie Moore: Eine andere Frau
• Isaak Babel: Meine erste Liebe
• Robert Musil: Tonka
• Richard Ford: Feuerwerk
• Miranda July: Etwas, das nichts braucht
• Bernard Malamud: Das Zauberfaß
• Raymond Carver: Wovon wir reden, wenn wir voin Liebe reden
Harold Brodkey: Unschuld
Alice Munro: Der Bär klettert über den Berg
Ganz nebenbei hat Eugenides bei Catull mit dieser hinreißenden Anthologie eine «Schuld» abgetragen, waren es doch dessen lautmalerische Lesbia-Gedichte, die in ihm zum ersten Mal den Wunsch wach werden ließen, Schriftsteller zu werden: «Dass Worte Musik waren, dass sie, zugleich Zeichen auf einem Blatt, sich auf Dinge in der Welt bezogen und, in geübten Händen, Besitz von den Dingen ergriffen, die sie bezeichneten, war für mich, mit fünfzehn, eine aufregende Entdeckung und umso bemerkenswerter, als diese poetische Wirkung von einem jungen Mann erzielt wrden war, der seit zwei Jahrtausenden tot war und diese Fromulierung durch die Jahrhunderte geschickt hatte, um mich in meinem Klassenzimmer in Michigan zu erreichen und meine amerikanischen Ohren mit dem Klang römiischen Vogelsangs zu erfüllen …»
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