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Hier ist er endlich: der mit Spannung und Vorfreude erwartete Nachfolger von Jeffrey Eugenides' Weltbestseller Middlesex. Die Liebeshandlung ist ein Roman über die Spielarten der Liebe: die romantische, die erotische, die platonische. Eugenides erzählt eine Dreiecksgeschichte, die 1982 in Rhode Island ihren Ausgang nimmt. Madeleine liebt Leonard, und Leonard und Mitchell lieben Madeleine. Sie alle stehen an der Schwelle zum Erwachsensein – und haben ein kompliziertes Verhältnis zu Bindungen und Glück …
Michael Saur hat den Autor in New Jersey besucht und für die Rowohlt Revue befragt.
NDR Kultur: «Atemberaubend souverän, intelligent und herzerwärmend. (…) Ein großer Roman, ein Buch über die Schwierigkeiten der Liebe, das einen nach 621 Seiten berührt zurücklässt.»
Die Welt: «Könnten Bücher über rote Teppiche gehen, würde dieses tänzeln, aufrecht und etwas kokett. Ein Schlüsselroman über die Liebe, (…) ein ironisch funkelnder Lagebericht aus jener Zeit des Erwachsenwerdens, in der sich Aufbruchsfreude, Liebesgefühle und Zukunftsmelancholie zu einem eigenen Bedürfnis nach Freiheit mischen.»
DER SPIEGEL: «Der Widerstreit zwischen den Erfahrungen von Sehnsucht, Verlust, Veunsicherung und der Zuversicht, sein Leben doch noch in die richtige Bahn zu lenken, wieder gesund zu werden oder nur das richtige Buch zu lesen - diese Balance beschreiben zu können ist Eugenides' Meisterschaft.»
Nach den Selbstmordschwestern (1993) und Middlesex (2002) erscheint nun Ihr neuer Roman. Hauptfigur ist die junge Madeleine, die sich in den frühen achtziger Jahren als Studentin an einem amerikanischen College mit den aktuellen Theorien französischer Philosophen beschäftigt. Die andererseits ihre Liebe zu viktorianischen Romanen aber keineswegs verhehlt. Ist Madeleine ein moderner, weiblicher Don Quixote, eine junge Frau, die ihre altmodischen Ansichten mit einer neuen Ära nicht in Einklang bringen will oder kann?
Es stimmt, Madeleine ist beeinflusst durch die Bücher, die sie liest. Ich dachte beim Schreiben mehr an Henry James und Jane Austen als Wegbereiter, aber ja, vielleicht ist Cervantes auch unter ihnen.
Das Buch ist im Wesentlichen ein Roman über die Ehe, der Originaltitel lautet The Marriage Plot.
Zu viktorianischen Zeiten war es gerade die Ehe, die Stoff für zahlreiche Romane lieferte. In Jane Austens Romanen geht es vornehmlich darum, wer wen heiratet. Später, unter Henry James beispielsweise, wurden die Geschichten über Ehen dunkler, bis hin zu Anna Karenina, die den falschen Mann heiratet, was zu ihrem Selbstmord führt. Die Ehe war ein zentrales Thema, aber auch ein überschaubares. Und ich bedaure die Tatsache, dass die Ehe als Romanthema für zeitgenössische Autoren nicht mehr dasselbe hergibt wie früher.
Es ist ein romantisches Buch.
Ich suchte eine Möglichkeit, wie ich das Thema Ehe auf moderne Art und Weise erzählen konnte. Madeleine hatte ihre romantischen Vorstellungen verinnerlicht, so wie es den meisten Leuten ergeht. Diese romantischen Ideale entscheiden noch immer, in wen wir uns verlieben, mit wem wir unser Leben teilen wollen und wer dafür überhaupt in Frage kommt. Daran hat sich nichts geändert.
Ihr neues Buch spielt zu Beginn der achtziger Jahre.
Ich habe die Handlung in die achtziger Jahre verlegt, weil ich zu der Zeit selbst auf dem College war. Und ich schreibe normalerweise über Zeiten, die ich selbst erlebt habe.
Sie haben also den Einfluss der französischen Theoretiker selbst hautnah erlebt?
Ja. Als der Dekonstruktivismus und Derrida Anfang der achtziger Jahre ihren Siegeszug an den Universitäten antraten, haben sich die Begriffe von Liebe und Ehe verschoben. Ich wollte in meinem Buch über Roland Barthes und andere schreiben, weil die Nachwirkungen bis heute andauern. Dieses Buch ist meinem eigenen Leben näher als Middlesex. Ich wollte darin zeigen, was es heißt, ein Amerikaner zu sein.
Eine Art Nabokov’scher Erfahrung à la Lolita? Die Unschuld des jungen Amerikas, beeindruckt von der Abgeklärtheit des alten Europas in Gestalt der französischen Theoretiker?
Vielleicht. Ich wollte den Konflikt schildern zwischen Madeleines Liebe zu viktorianischen Romanen und der neuen Art der Dekonstruktion, die die Liebe in ihre Bestandteile zerlegt.
Wie kam es dazu, wie nahm die Geschichte ihren Anfang?
Nach dem Erscheinen von Middlesex arbeitete ich zwei Jahre lang an einem neuen Buch. Darin gab es die Figur der Madeleine bereits. Sie kam vom College nach Hause, um an einem Debütantinnenball teilzunehmen. Ihr Liebesleben erschien ihr problematisch, sie war eine Zeitlang emotional unausgeglichen und hatte diverse Semiotikkurse belegt. Ihre Vorstellungen von Liebe waren dadurch völlig durcheinander geraten. Irgendetwas an diesem Mädchen faszinierte mich. Und ich habe deshalb weiter über sie geschrieben. Es war natürlich viel zu viel für die ursprüngliche Idee des Buches. Aber ich war von ihrer Persönlichkeit fasziniert, von ihren Liebschaften, von der Zwickmühle, in der sie steckte. Es dauerte etwa zwei Jahre, bis das Buch in meinem Kopf Konturen annahm, und ich wusste, dass ich gerade diese Zerrissenheit zum Thema machen wollte.
Diese Zerrissenheit kommt darin zum Ausdruck, dass Madeleine zwischen zwei Männern steht. Da ist zum einen der charismatische, gut aussehende Leonard, den nicht nur seine einfache Herkunft von Madeleine trennt – er ist darüber hinaus manisch-depressiv. Zum anderen ist da Mitchell, ein an Mystizismen interessierter Romantiker, der Madeleine vom ersten Tag an heiraten möchte und später dann nach Indien reist, um für Mutter Teresa zu arbeiten.
Der traditionelle Eheroman ist aus der Perspektive der Frau geschrieben. Ich wollte diese Form unterlaufen. Ich wollte über drei Menschen schreiben, zwei davon sind Männer. Ich wollte die Geschichte aus drei verschiedenen Perspektiven erzählen. Madeleines Motive entwickeln sich aus dem Roman. Mitchell interessiert sich für Religion und Mystizismus. Leonard ist ein angeschlagener Mann, der lernen muss, mit seiner Krankheit umzugehen.
Am Ende heiratet Madeleine den Falschen, so viel darf man verraten.
Das Ende ist durchaus humorvoll, hat aber auch etwas Melancholisches, sogar etwas Trauriges. Aber es ist genau das richtige Ende für dieses Buch.
Wie würde Madeleine aus heutiger Sicht ihre Entscheidung bewerten?
Ich weiß nicht, wie sinnvoll es ist, eine Romanfigur aus späterer Sicht zurückblicken zu lassen. Aber ich würde sagen, dass das Ende eines Buches auch noch Jahre später schlüssig bleiben muss. Vielleicht würde Madeleine ihre Entscheidung bedauern, aber zurückblickend würde sie verstehen, warum sie sie getroffen hat.
Welche der drei Figuren ging Ihnen beim Schreiben leicht von der Hand?
Über Leonard und Madeleine konnte ich leichter schreiben, was seltsam ist, denn mit Mitchell verbindet mich am meisten. Ich bin selbst nach Indien gereist und habe dort für Mutter Teresa gearbeitet. Leonard fiel mir auch nicht schwer, obwohl oder vielleicht gerade weil er mir fern ist. Aber als ich ihn schrieb, war ich schon weit vorangekommen und wusste, wohin die Geschichte führen sollte. Er inspirierte mich über weite Strecken, was mir nicht häufig passiert.
Mussten Sie für das Buch aufwendig recherchieren?
Für Leonard musste ich Fachliteratur lesen. Ich kenne zwar depressive Menschen, ich kenne auch manisch-depressive. Kenntnisse über manische Strukturen aber musste ich mir erst aneignen. Diese Leute tragen oft farbenkräftige Kleidung, zocken gern und scheuen kein Risiko. Auch die Art, wie sie formulieren, hat etwas Besonderes.
Wer ist der Normalste in dem Buch?
Leonard leidet unter einer Krankheit, aber sonst ist er bei Verstand. Aber ich suche in meinen Figuren nicht nach Normalität, sondern nach Leidenschaft und Intelligenz.
Glauben Sie an Liebe auf den ersten Blick?
Wie es bei den Beatles heißt: «It happens all the time.» Ich würde nicht sagen, dass es Liebe auf den ersten Blick nicht gibt, also glaube ich wohl daran. Mitchell glaubt, dass er in Madeleine verliebt ist und dass er es sofort weiß. Manche Leser finden vielleicht, dass das zu schnell geht, dass dieses Gefühl langsam entsteht. Aber als ich zwanzig Jahre alt war, wollte ich jedes Mädchen heiraten, mit dem ich ausging. Ich wollte diese jugendliche Intensität einfangen.
Vor neun Jahren erschien Middlesex, ihr letzter Roman. Sind Sie nun, kurz vor dem Erscheinen des Buches, nervös?
Erst schreibt man das Buch, dann geht es zwischen Lektor und Autor hin und her. Kurz vor Erscheinen wird es eine Zeitlang ruhig. Da wird man ein bisschen nervös. Ich habe gerade eine Biographie von Malcolm X gelesen. Der Autor hat 20 Jahre daran gearbeitet, kurz vor der Veröffentlichung starb er. Das hat mich schockiert. Ich versuche dafür zu sorgen, dass mir nichts zustößt während der nächsten Wochen.
(Aus: Rowohlt Revue 92, Interview: Michael Saur)