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Jana Hensel, bekannt von ihrem Bestseller Zonenkinder, und Elisabeth Raether: Zwei Frauen um die 30 geben Auskunft über ihr Leben: über ihre Familien und ihre Kindheit, über Liebe und Sex und Ost und West. Über Jobs und Karrieren, über Väter und andere Männer. Und über den «Emma»-Feminismus, der so alt ist wie selbst – und das, was an Lust und Last noch vor den «neuen deutschen Mädchen» liegen könnte.
«Jana Hensel und Elisabeth Raether verabschieden sich ohne Trotz und radiale Gesänge von der Unbestimmtheit der Jugend und suchen Festigkeit in neuen Strukturen und Rollen. Sie leben Normalität, eine Existenz, die kein exzentrisches Drama von Unterdrückung und Befreiung bereithält, aber auch weniger Abenteuer und weniger Spannung verspricht. Daher die Melancholie. Egal – es scheint die bessere Wahl zu sein. Es ist genau der Ton, der das Buch zu einem Kultbuch machen könnte: die sanfte Trauer, mit der man erwachsen wird und die Grenzen wie die Wahrheit der Liebe erfährt.» (Cora Stephan, Deutschlandradio)
Mathias Mainholz hat für die Rowohlt Revue mit den beiden Autorinnen gesprochen.
Die Frauenrechtlerin Simone de Beauvoir wurde vor 100 Jahren geboren. Sie gilt als Mutter des Feminismus nach 68. Sind Sie, als die «neuen deutschen Mädchen», die Enkeltöchter des Feminismus?
Elisabeth Raether: Ich möchte mich nicht als Enkelin des Feminismus bezeichnen. Ich glaube, Simone de Beauvoirs Bücher sind Referenztexte der Moderne. Wir haben sie damals gelesen, aber wir wollen uns nicht darauf berufen.
Sie beginnen Ihr Buch allerdings mit Alice Schwarzer, die im Rowohlt Verlag soeben ein Lesebuch von Simone de Beauvoir herausgegeben hat. Und Sie beziehen Stellung. Sie sagen, die Zeit habe Alice Schwarzer eingeholt.
Jana Hensel: Alice Schwarzer ist die große Repräsentationsfigur des Feminismus. Sie hat wahnsinnig viel erreicht. Ich zolle ihr Respekt. Es geht uns aber nicht um ein Sachbuch im herkömmlichen Sinn, in dem wir einen Feminismus à la Schwarzer formulieren oder als Urenkelinnen von Simone de Beauvoir auftreten wollen. Was wir machen, ist etwas ganz anderes. Wir erzählen Geschichten aus unserem Leben. Wenn wir über Feminismus, über Frauen und über Gleichberechtigung sprechen, können wir nicht immer von den Frauen im Allgemeinen sprechen, von denen wir gar nicht wissen, wie sie sind. Wie sind die heute 30-Jährigen? Was haben sie erlebt, wo kommen sie her, welches Elternhaus haben sie gehabt? Davon erzählen wir anhand unserer eigenen Erfahrungen.
Und zu welchem Ergebnis kommen Sie? Wie sind die «neuen deutschen Mädchen»?
Elisabeth Raether: Es geht nicht darum, Frauen zu definieren. Wir wollen den altbekannten Rollen erwartungen keine neuen entgegensetzen. Ich denke, der Charme des Buches besteht darin, dass wir nicht vorgeben, wie es ist, sondern erzählen, wie es uns passiert ist und wie wir es finden. Unser Buch ist ein Plädoyer für die Individualität.
Die «neuen deutschen Mädchen» sind also frei von Rollen?
Elisabeth Raether: Nein! Die «neuen deutschen Mädchen» leben Individualität, und sie sind sich der Rollen bewusst. Sie wissen, dass sie in Rollen agieren, und sie verändern diese Rollen. Rollen lassen sich ändern, und sie müssen verändert werden.
Sie schreiben über Ihr Elternhaus. Das Mädchen Jana Hensel in der DDR, das Mädchen Elisabeth Raether in Westdeutschland. Waren das zwei völlig unterschiedliche Kindheiten?
Elisabeth Raether: Das ist vielleicht das Erstaunliche, dass die Unterschiede gar nicht so groß sind. Man kann vielleicht auch sehen, dass die Mutterfigur, die Jana beschreibt, meiner Mutterfigur nicht so unähnlich ist. Zum Beispiel, wer uns großgezogen hat – das waren unsere Mütter, nicht unsere Väter. Wir beschreiben die Abwesenheit unserer Väter. Und wir beschreiben das auf unterschiedliche Weise, aber letztlich hatten wir beide diesen abwesenden Vater.
In Ihrem Buch tauchen auch einige Männer auf. Keiner von ihnen erweckt den Eindruck, als könne oder wolle er der Mann fürs Leben sein. Es sind Enttäuschungen, einer wie der andere, und doch stimmen Sie beim Erzählen einen versöhnlichen Ton an.
Elisabeth Raether: Wir wollen keine neuen Rollenzuschreibungen liefern, sondern wir wollen die Rollen auflösen. Wir wissen natürlich auch, dass Männer in Rollen handeln und dass sich das gegenseitig bedingt. Wenn man konträr angelegte Geschlechterrollen hat, kann das für beide unbehaglich sein. Es geht nicht um Moral. Es geht uns eigentlich nie um Moral. Es geht uns um Beschreibung.
Jana Hensel: Wir wollen nicht alte Rechnungen begleichen. Auch wenn wir sehr intim aus Beziehungen erzählen, geht es um eine Skelettierung von Erfahrung. Wir breiten das Ganze nochmal vor uns aus, versuchen es zu analysieren und den Sachen auf den Grund zu gehen. Natürlich aus unserer Perspektive. Wir sind sicher nicht völlig neutral, aber wir versuchen, uns zumindest auch immer in den anderen hineinzuversetzen und Rollenbilder aufzuweichen. Die wichtigste Arbeit an dem Buch war die Arbeit am Ton. Wir haben die Texte immer wieder überarbeitet und moduliert, weil wir diesem Vorwurf des Jammerns und Klagens entgehen wollten. Ja, das ist, glaube ich, ein Schritt zur Gleich berechtigung. Wir machen ein Angebot zur Versöhnung und hoffen, dass darauf vielleicht auch versöhnlich reagiert wird.
Können sogar Männer etwas aus dem Buch über Frauen lernen?
Jana Hensel: Ich glaube, Männer wissen eigentlich sehr viel über Frauen. Männer wissen über Frauen viel mehr als über sich selbst, und sie können hier auch etwas über sich erfahren, denn es tauchen in dem Buch mehr Männer als Frauen auf. Für Männer ist es auch deswegen interessant, weil sie das Soziale schon immer «outgesourct» haben. Also ich glaube, Männer haben immer durch Frauen über sich selbst gelernt. Insofern: Ein Mann ist für uns genauso Leser wie eine Frau.