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Jan Weiler: Mein Leben als Mensch

© Larissa Bertonasco

Das ist doch unser Liebstes – zu schauen: Wie machen’s eigentlich die anderen Leute? Wie kriegen sie es hin, dieses Leben mit seinen Zumutungen, seinen kleinen Schrecken und großen Verhaspelungen? Jan Weiler bedient diese Neugier auf schönste Art und Weise: In seinen gesammelten Kolumnen öffnet er gleichsam Fenster und Türen zu seinem Leben als Mensch. Wir sehen ihn einen Rasenmäher kaufen, sich als Nikolaus im Kindergarten blamieren, an den Mathehausaufgaben seiner Tochter verzweifeln oder sich selbst beim täglichen Altern zuschauen. Ganz schön unspektalulär also – und gerade deswegen so nah dran an der eigenen Durchwurstelei.

+++Hier können Sie in die Lesung von Jan Weiler reinhören+++.

Papa und Mama in der Nutella-Falle

Weilers Leben spielt sich ab zwischen Schreibtisch und Kinderzimmer, zwischen dem Salatbeet im Garten und dem Kühlregal im Supermarkt. Drumherum ein ganzer Haufen Leute, die wir zum Teil schon kennen aus Weilers Roman «Mama, ihm schmeckts nicht». Antonio Marcipane zum Beispiel, der italienische Schwiegervater. Für die «Fusseball-Wä-Emme» will er einen Fernseher haben «mitte der Flakebilde». Er kauft ein neues Gerät ohne eine Spur von Technikahnung – Hauptsache, Italien gewinnt da drin.

Aber da ist natürlich auch Sara, Weilers Frau. Sie findet, ihr Mann sei gerade zu klein für sein Gewicht. Weniger dezent geht der vierjährige Sohn Nick mit seinem Vater um: «Ich bring dich um», erklärt er ihm. Und auf die gefasste Rückfrage nach dem Warum: «Weil du alt bist.» Demgegenüber findet die zwölfjährige Tochter Carla einen geradezu mütterlichen Ton für ihren, die Hausaufgaben anmahnenden Vater: Er könne sich hoffentlich ein wenig entspannen, wenn sie aufs Gymnasium komme.

Nun ist ja gemeinhin nichts ätzender, als wenn Eltern hemmungslos und geradezu autistisch von ihren wahnsinnig komischen Kindern erzählen. Bei Weiler nervt das überhaupt nicht: Bei ihm liegt die Komik in der Erzählweise, in den Pointen und wie nebenbei eingestreuten Übertreibungen. Etwa bei der Schilderung des Klassikers: Kind verkündet, sich neue Eltern suchen zu wollen. In diesem Fall: «Solche, wie der Roman hat. Die Eltern von Roman erlauben alles; sie essen mit den Kindern pro Tag ein Glas Nutella leer und lassen sie so viel fernsehen wie sie wollen.»

Autoreninfo

Jan Weiler, 1967 in Düsseldorf geboren, ist Journalist und Schriftsteller. Er war viele Jahre Chefredakteur des SZ Magazins und Kolumnist beim Stern....
mehr über den Autor
Frau Dörper als «dermatologische Stalinorgel»

Diese Übertreibung, gepaart mit Selbstironie, gibt Weilers Alltagsszenen ihren Pfeffer. Unvergessen etwa der Besuch bei einer Kosmetikerin. Schwiegervater Antonio hatte einen Gutschein für eine Gesichtsbehandlung bekommen, der Autor begleitet ihn als eine Art Bodygard dorthin. Es wird eine Tortur für beide: Denn die Kosmetikerin Frau Dörper hat eine Stimme «wie eine gutgeschmierte Luftschutzsirene.» Diese «dermatologische Stalinorgel» sägt und orgelt ihre Sätze, diese «Callas der Hautpflege» ist der personifizierte Angriff auf die Gehörgänge. Warum Antonio dennoch scharf drauf ist, wieder zu Frau Dörper zu gehen, soll hier nicht verraten werden. Nur so viel: Er pariert ihre stimmliche Attacke auf sehr italienische Manier.

Doch das Leben, auch das der anderen, besteht nicht nur aus Frau Dörpers oder sich drehenden Spaghettigabeln. Manchmal will es einfach ruhig betrachtet werden. Für seine kleine Lebens-Philosophie findet Weiler das Bild vom Fortschrittsbalken: Dieses Feld auf dem Computerschirm zeigt an, wie weit ein Ladevorgang vorangeschritten ist. Was wäre, fragt er sich, wenn jeder Mensch einen Fortschrittsbalken an sich hätte? Der zeige ihm dann, wie weit das Leben sich schon in ihm vorangeknuspert hat. Auch dabei, beim unterhaltsamen Philosophieren, kann man Jan Weiler gut zuhören.

(Aus: Rowohlt Revue 88, Autorin: Mara Tonndorf)