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Das idyllisch im Schwarzwald gelegene Haus Unruh ist der Schauplatz einer erstaunlichen Wiedergeburt. Was sich dort unter der Anleitung des – sagen wir – experimentellen Therapeuten Dr. Heiner Zens vollzieht, ist mit revolutionärem Selbstfindungsakt nur unvollkommen beschrieben. Fünf Menschen, tragisch Gescheiterte, traumatisierte Existenzen, von der Gesellschaft ausgemustert und von den Medien als Irre oder Monster stigmatisiert, schlagen zurück …
Mit seinem Roman Drachensaat ist Jan Weiler eine brillante Groteske gelungen. Hier mischen sich Slapstick, anarchischer Witz und politischer Ernst; Wie es dem Autor von Maria, ihm schmeckt’s nicht und Antonio im Wunderland gelingt, in diesen Wirbel komisch-absurder Episoden auch noch Fetzen der politischen Debatten der vergangenen Jahre (Terrorismus, Prekariat, Globalisierung, Neidgesellschaft Deutschland etc.) nachhallen zu lassen, ist bestechend. Und ein großes Vergnügen! Dass Jan Weiler unbeirrt Kurs hält, liegt auch an der Tragfähigkeit der Romankonstruktion, ihrer Dreiteilung als Erzählung, Prozessbericht und Presseschau.
Ein Blick auf die Protagonisten des «großen Handlungsexzesses»:
Bernhard Schade, 50. «Man setzt die Mündung an seine Schläfe, drückt ab, und dann dauert es nicht einmal eine tausendstel Sekunde, bis das Projektil im Schädel ankommt.» So weit machte der Ex-Architekt im Festspielhaus von Bayreuth alles richtig, als er mitten in Wagners Götterdämmerung die alte PPK Walther, Kaliber 7,65 Millimeter, seines Nazi-Großvaters zückte und abdrückte. Weil: kaputte Ehe, totes Kind, ruinierte bürgerliche Existenz. Und dann das: glatter Durchschuss, keine bleibende Schäden, von einem lächerlichen Tinnitus abgesehen. Und weil zu allem Überfluss ein hochrangiger Politiker direkt hinter ihm saß und «Hilfe! Attentat!» schrie, ging Schade als Quasi-Terrorist und «Irrer von Bayreuth» in die Geschichte resp. in die geschlossene Abteilung eines Landeskrankenhauses ein.
Rita Bauernfeind, 45. Wer innerhalb von zwei Jahren fast 200 Kilo Gewicht verliert und trotz operativer Hautstraffung wie ein chinesischer Faltenhund aussieht, kann sich der hämischen Behandlung seitens der Balkenpresse gewiss sein: Sie ist «die fette Frau, die Luft isst». Denn nun wiegt Rita keine 50 Kilo mehr. Und macht dann auch noch die Entdeckung, dass sie Radiofrequenzen nicht nur hören, sondern essen kann. Befund: dissoziative Identitätsstörung. Weltweite Internetpopularität. Dann: Herzinfarkt.
Ünal Yilmaz, 38. «Ein alkoholkrankes Marsmännchen? Ein fundamentalistischer Amokläufer? Ein schwuler Biber? Es kam ein wenig von alldem, es kam Ünal Yilmaz», und zwar aus Salzgitter: ein türkischer Busfahrer, ein Bilderbuchosmane mit schwarzem Schnurrbart, ein Extremrhetoriker, der die deutsche Justiz mit ständig neuen Prozessen (476!) an den Rand der Kapitulation brachte. Weggesperrt wurde Yilmaz, weil er den ihm anvertrauten Bus der Braunschweiger Verkehrs AG mit 41 Fahrgästen, darunter eine Schwangere und fünf Kinder, bis ins tiefste Thüringen hinein chauffierte. Was für ihn ein Akt der Rebellion, vielleicht auch ein Stück Kunst im öffentlichen Raum war, nannte der Staatsanwalt humorlos: Kidnapping.
Arnold März, 41. Ein Riese von Mann, ein Angstphobiker, wie er im Buche steht. In den vierzehn Jahren seiner Tätigkeit als Briefträger unterschlug er exakt 129736 Briefe. «Mal hatte er Angst vor einem Briefschlitz, dann wieder vor Hausklingeln, vor Treppen oder vor Empfängern …» 3,4 Tonnen Post lagerte ungeöffnet in Märzens Wohnung, bis der Boden einstürzte. Verletzt wurde niemand, aber Arnold postwendend entlassen.
Benno Tiggelkamp, 66. Ein Mann ohne Eigenschaften mit dem «Blutdruck einer Mumie und der Kommunikationsfähigkeit eines Klappspatens». Engagierten Weiler-Lesern ist Benno ein Begriff; er ist der Mann, der seinen Freund Antonio Marcipane ins Wunderland Amerika begleiten durfte (bzw. musste). Ein Mann, dessen semantisches Spektrum von «Et kütt, wie et kütt» bis zur Basismaxime Tiggelkampscher Weltsicht reicht: «Wat willze mache, kannze nix mache». Sozial auffällig wurde er durch einen saudummen Zufall: als nämlich herauskam, dass er noch immer mit seiner Mutter zusammenlebte. Benno hier, Berta dort – im Wohnzimmersessel, vollständig mumifiziert. Immerhin war sie da ja auch schon neun Jahre tot.
Zusammen sind sie die DRACHENSAAT, das Kampfkollektiv für eine neue humane Zivilisation. Keine Sekte, eine neue gesellschaftliche Avantgarde, zusammengeschweißt vom «Institutsleiter» Dr. Heiner Zens. (Dass den noch ganz andere Impulse treiben, erfahren wir als Leser später mit einiger Verblüffung …). Zens plant mit seinen fünf Patienten ein befreiendes Fanal, eine Revolution im Miniaturformat. Drastische Verhältnisse erfordern drastische Gegenwehr – ganz nach dem Gesetz der Aufmerksamkeitsökonomie. Der Plan: Die DRACHENSAAT kidnappt einen Menschen, der alles hat, was Bernhard und Rita, Arnold, Ünal und Benno nicht haben – Doktor Martin Barghausen, Ex-Chef der Süddeutschen Reformbank und «Prototyp des zynischen Raubtierkapitalisten», Abfindung: 57 Millionen Euro.
Aber wahre Revolutionäre halten sich an keine Absprachen. Die Sache läuft aus dem Ruder, der «große Handlungsexzess» wird zu einem beispiellosen Lehrstück über die Infamie des Kapitalismus und den Terror der Medien …