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Jan Weiler: Das Buch der 39 Kostbarkeiten

© Enno Kapitza

Och, denkt man auf Seite 363, schon zu Ende? Könnte eigentlich endlos so weitergehen mit diesen Geschichten und Plaudereien von Jan Weiler. Erzählt in einem Ton, als säße der Autor grad gegenüber. Erstaunlich, wie einheitlich sich dieser Ton gehalten hat: Die «Best of»-Stücke im Buch der 39 Kostbarkeiten umfassen einen Zeitraum von 20 Jahren. Und sind in der Tat bestens: selbst dann noch, wenn man die eine oder andere Geschichte aus seinen Kolumnen und Büchern wie etwa Maria, ihm schmeckt’s nicht! kennt.

Warum Frauen gekrault werden wollen

Da sind einmal die wunderbaren Alltagsgeschichten: Wenn Wei­ler darüber rätselt, warum Frauen so gerne gekrault werden möchten oder sich die Lippen anmalen. Oder wenn er von seinen Erlebnissen in Hotelduschen erzählt, wo er nackt und frierend nach dem richtigen Duschknopf sucht.

In seiner ehemaligen Schule, zehn Jahre später, findet er nur «werdende Pensionäre», Lehrer, vor denen Schüler sitzen, die aussehen wie «Wachkoma-Patienten». Der altbackene Frohsinn ihres Chemielehrers geht ihnen auf die Nerven; sie haben keine Zeit für Scherze. Doch Weiler weiß auch, warum: «Sie haben nur Angst. Vogel (der Lehrer) hat bereits Abitur. Sie nicht.»

Autoreninfo

Jan Weiler, 1967 in Düsseldorf geboren, ist Journalist und Schriftsteller. Er war viele Jahre Chefredakteur des SZ Magazins und Kolumnist beim Stern....
mehr über den Autor
Mögen Sie Braatzkartoffeln?

Immer ein wenig überspitzt, absolut sicher in seinen Pointen führt Weiler Beziehungsknatsch vor, der jede Anleitung zum Unglücklichsein verblassen lässt. Satz für Satz schraubt sich da ein Paar auf einer Autofahrt hinein in einen Riesenkrach, da werden Beziehungsfallen aufgestellt noch und noch, und zack! schnappen sie zu, und ab in die nächste Runde. Hat man das nicht alles schon mal so oder so ähnlich erlebt, was hier in diesen Dialoggeschichten messerscharf und witzig zugleich vorgeführt wird? Das grausame Wortgemetzel in Trennungsgesprächen, das Hin-und-Herkippen von Liebe und Hass?

Anders als in diesen Wiederfind-Stücken zeigt Weiler in kleinen literarischen Stücken seine geradezu abstruse und skurrile Phantasie. Da wird endlich das Geheimnis der Braatzkartoffeln gelüftet. Oder eine Theorie des Pflanzendüngens entworfen, von der jeder Tatort-Autor sich eine (Leichen-)Scheibe abschneiden könnte. Ein besonderer Leckerbissen aber sind die Interviews: Da hüpft und springt es hin und her, in scheinbar konzeptloser Spontaneität, man spürt, welchen Spaß das den Interviewten macht. Etwa Loriot. Seine Ein-Satz-Antwort auf die Frage, ob er über den Tod nachdenke: «Na, das ist vielleicht ein heiteres Interview!» In der Tat, das ist es.

(Aus: Rowohlt Revue 91, Autorin: Mara Tonndoef)