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Jan Seghers: Die Akte Rosenherz

© Matrix Buchkonzepte


  

Jan Seghers ist, wie man nachlesen kann, «die krimi-gerechte Abspaltung des Literaten Matthias Altenburg». Altenburg ist avanciert, womöglich ein Avantgardist. Seghers hält es mit der Tradition. Was die beiden verbindet, ist die sprichwörtliche Einsicht, dass Kunst von Können kommt. Altenburg will das manchmal nicht hören, doch Seghers, der andere, beweist nun schon zum vierten Mal, dass man kunstvolle Kriminalromane schreiben kann. Wie sein Held, der Frankfurter Hauptkommissar Robert Marthaler, ist Jan Seghers noch in der auf Dauer gestellten Erschütterung, die man Moderne oder einfach Alltag nennt, ein Unerschütterlicher.

Marthalers kalte Fälle

Die Akte Rosenherz Marthalers vierter Fall, setzt ein, wo Partitur des Todes, sein dritter, endete. Seine Freundin, die Kunsthistorikerin Tereza, ist schwanger. Marthaler hat in Erwartung des Kindes die Abteilung «Cold Cases» für ungelöste Altfälle übernommen – einen Schreibtischjob, glaubt er. Es kommt ganz anders.

Denn Tereza, an deren Treue Marthaler zur Unzeit zweifelt, wird in einen spektakulären Kunstraub verwickelt und angeschossen. Sie ringt mit dem Tod und Marthaler fällt aus der Welt. Ausgerechnet das berühmte «Paradiesgärtlein» wurde geraubt – diesmal ermittelt Mathaler jenseits aller persönlichen und beruflichen Gewissheiten im Schweiße seines Angesichts. Mit einem Getriebenen im Mittelpunkt, ist «Die Akte Rosenherz» ein atemlos vorwärts drängender Roman.

Autoreninfo

Jan Seghers alias Matthias Altenburg, wurde 1958 geboren. Der Schriftsteller, Kritiker und Essayist lebt in Frankfurt am Main. Nach dem Erfolg von...
mehr über den Autor
Aus der Ferne grüßt der Fall Nitribitt

Der Plot, Herzstück eines jeden Krimis, der weiß, was er ist, ist dabei denkbar raffiniert. Seghers, ein Erzähler mit Atem, führt den Leser über verschlungene Wege bis weit in die Vergangenheit. Die Akte Rosenherz, ein Frankfurt-Krimi, spielt in mehreren Frankfurts, dem der Gegenwart wie dem einer Bundesrepublik vor ’68, die ihre schäbigen Seiten hinter einer Fassade mit Hut und schmaler Krawatte verbarg. Was hat der Raub des Paradiesgärtleins mit dem bestialischen Mord an der Edelprostituierten Karin Rosenherz zu tun, die 1966 unter Umständen starb, die sehr an den legendären Fall Nitribitt erinnern? Warum hinterlässt ein kleiner Hehler von damals nur dieses eine Wort: «Rosenherz»?

Warum ist die Akte Rosenherz verschwunden? Und warum geht eine junge Journalismusschülerin, die jederzeit als Lara Croft durchginge, mit dem entscheidenden Zeugen von damals, als noch nicht von Migranten, sondern von «Gastarbeitern» die Rede war, ins Bett? Und, vor allem (denn Seghers ist ja Traditionalist): Whodunnit?

Antwort gibt es – kurz bevor der Vorhang fällt und nachher möchte man in seinem stillen Kämmerlein eigentlich applaudieren. Offene Fragen jedoch gibt es auch – sie sind gesellschaftlicher Natur. Denn «Die Akte Rosenherz», ein zutiefst europäischer Krimi, malt, wie nebenbei, ein großes Frankfurter Panorama.

/Aus: Rowohlt Revue 89, Autor: Wieland Freund)