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Jan Josef Liefers: Soundtrack meiner Kindheit

© Karin Rocholl

Jan Josef Liefers hat gestanden: Ja, Paul Austers Roman In The Country of The Last Things (dt.: Im Land der letzten Dinge) habe er tatsächlich geklaut, aus der antiquarischen Abteilung einer Buchhandlung in Westberlin, kurz nach dem Mauerfall. Fünf Mark waren zu viel für ihn, der nur noch drei Mark in der Tasche hatte und diese unbedingt in eine Schale Milchkaffee investieren wollte. Später, als er gemeinsam mit Auster bei Lesungen auftraten, erzählte Liefers dem Mann aus New York von seinem Vorhaben, selbst ein Buch zu schreiben. Auster: «Hast du schon was? – Liefers: «Nichts. Nur den Titel.» – Auster: «Also, wie soll es heißen?» – Liefers: «Soundtrack meiner Kindheit.» – Auster: «Schreib es.» Liefers hat es geschrieben, und das ist ein Glück.

Der Sozialismus siecht

Denn es dürfte unter den zahllosen biografischen Texten ehemaliger DDRler wenige geben, die so temperamentvoll und pointiert daherkommen, mit lustvollen Ab- und Ausschweifungen und Geschichten um faszinierende Zeitgenossen wie Heiner Müller, Manfred Krug oder Ulrich Mühe. Es ist ein Text, in dem das Private und das Politische auf jeder Seite ineinander fließen. Er erzählt von seiner Geburt als «illegitimes Kind der Liebe», von der geliebten Oma Hilde, der «roten Hilde», vom noch immer wirksamen Fluchtreflexen bei der typischen Krippen-Geruchsmischung (Turnbeutel, Kräutertee, Bohnerwachs). Er erinnert sich an Eddy, den verspielten Allwetterhund und «furchtlosen Fußballer», an seinen ersten und einzigen Trabi (18 PS, kein Führerschein). Er spottet über den Pornografieexport in der DDR («Devisenpornos»), die Verrenkungen der herrschenden SED-Spießer, als Ulrich Plenzdorfs Kultfilm Die Legende von Paul und Paula das Land elektrisierte. Und er zeigt, dass der staatlich erwünschte Ideologietransfer auch vor Kinderköpfchen nicht Halt machte:

«Wenn wir im Kindergarten noch hauptsächlich sowjetische Panzer malten, Blumenkarten zum Frauentag für unsere Mutter oder rote Nelken zum Ersten Mai bastelten, schrieben wir in den ersten Schuljahren knallharte Briefe an Richard Nixon, den amerikanischen Präsidenten. Entweder sollte er augenblicklich Angela Davis freilassen oder sich aus Vietnam verziehen oder am besten beides. Er hat zwar nie geantwortet, aber trotzdem alle unsere Anweisungen ausgeführt. Er konnte nicht anders, bei dem Druck, den wir ihm gemacht haben.»

«Es war möglich, nein zu sagen»

Als Liefers vierzig wurde, schenkte ihm sein Vater eine Filmrolle: ein Stummfilm, 8 mm breit, 43 Minten lang, gewickelt auf einer Plastikspule. Der Schauspieler Karlheinz Liefers hatte über viele Jahre hinweg mehr oder minder markante Ereignisse im Leben der Familie mit seiner russischen Zenit Quarz 8 festgehalten. Schwarz-weiße Sequenzen, später farbige. Kann man sich ein schöneres Geschenk vorstellen? «Meine Kindheit ist ein Stummfilm. Die Bilder flimmern zappelnd und stolpernd, wie in einem dieser uralten Streifen von 1910 (…) Und langsam höre ich etwas. Langsam beginnt er zu klingen, der Soundtrack zum Film meines Vaters, der Soundtrack meiner Kindheit.»

Und so entfaltet sich vor unseren Augen in der Liefers’schen Familiengeschichte das Panorama eines Landes, das gleich mehrfach existierte: «Eigentlich gab es die DDR dreimal. Eine, in der man jeden Tag lebte, die zweite, die in der Zeitung stand, und die dritte, die so war, wie man sie sich gewünscht hätte. Es gab auch zwei Wahrheiten, eine für zu Hause, die Familie und Freunde, und eine für draußen, für die Schule, die Arbeit, die Partei und die Stasi.»

Individualität war von Staats wegen in der DDR bekanntlich nicht groß geschrieben. Dass einer wie Jan Josef Liefers immer wieder aneckte, überrascht nicht. «Ich behaupte, man musste weder für die Stasi arbeiten, noch musste man in die SED eintreten. Wer sich entzog, hatte mit Hindernissen und zusätzlichen Schwierigkeiten zu rechnen, aber es war möglich, nein zu sagen.» Als Künstlerkind hatte er keine Chance, das Abitur zu machen. Als man ihn zu ködern versuchte mit der Aussicht, über den Umweg einer freiwilligen Verlängerung des «Ehrendienstes bei der NVA», schüttelte er den Kopf: Nicht mit mir. «Was der Mann nicht wissen konnte, war, dass sogar eine Geschlechtsumwandlung wahrscheinlicher gewesen wäre als meine freiwillige Verpflichtung zu drei Jahren Armeedienst.» Am Ende hatte er das Glück, sogar um den normalen Wehrdienst herumzukommen und sich voll und ganz seinem Schauspielstudium zu widmen.

Zu den dümmsten, leichtfertigsten Entscheidungen seines Lebens zählt Liefers die Tatsache, dass er damals dem Werben des Rektors der Hochschule für Schauspielkunst Hans-Peter Minetti, sich zum FDJ-Sekretär an seiner Uni wählen zu lassen, nicht heftiger zu verstehen versuchte. Das Ganze endete in einem Fiasko, nur um ein Haar entging der begabte Schauspielschüler der Relegation.

«Beatle auf Lebenszeit»: von Klaus Renft bis Oblivion

Liefers ohne Musik? Geht nicht, gibt’s nicht. Einfach nicht vorstellbar. Der erste Rocksong seines Lebens, Türen öffnen sich zur Stadt von den Puhdys, machte dem acht- oder neunjährigen Jungen noch Angst: die Wucht der Gitarren, der fremde Lärm. Aber das sollte sich bald ändern.Zum Soundtrack seiner Kindheit und Jugend gehören viele Gruppen und Säulenheilige des Ostrock wie Lift, Karat, Pankow, Silly (mit Frontfrau Tamara Danz), Puhdys oder die Klaus Renft Combo, deren Stück Als ich wie ein Vogel war für Liefers «einer der schönsten und traurigsten Rocksongs aus dem Osten» ist. Schon bevor er seine erste eigene Gitarre besaß, duellierte er sich an der Luftgitarre mit den ganz Großen Rockheroen. «Jan Josef (zwölf Jahre9: He, Jimi, was hältst du davon? (Er spielt ein Solo auf der Gitarre.) Jimi Hendrix aus dem Rockhimmel (nach kurzem Schweigen): Wie geht das?»

Manche Passagen des Buches lesen sich so schräg, als kämen sie direkt aus dem Mund von Professor Friedrich Karl Boerne aus Liefers’ Paraderolle im Münsteraner Tatort. Einmal macht er sich einen Spaß daraus, einen üblen olfaktorischen Reiz samt durch ihn ausgelösten Fluchtreflex komplett in medizinischen Termini zu beschreiben, inklusive exzitatorischer Interneuronen, afferenzer Impulse und polysynaptischer Turbulenzen. Man hört förmlich im Hintergrund Kommissar Thiel alias Axel Prahl ätzen: «Für blöde Normalsterbliche jetzt das Ganze noch mal auf Deutsch, Boerne!»

Soundtrack meiner Kindheit ist auch eine Liebeserklärung an die wichtigen Frauen im Leben des Jan Josef Liefers: «Manchmal denke ich, dass ich alles, was mir an Gutem und Wichtigem in meinem bsherigen Leben widerfahren ist, Frauen zu verdanken habe. Männer haben mich im besten Fall nicht behindert, aber motiviert, bestätigt, ermutigt und geliebt habe ich mich immer eher von Frauen.»