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Linke Lebenswelten? SPIEGEL-Redakteur Jan Fleischhauer weiß, wovon er spricht, hat er doch gleich mehrere linke Milieus durchlaufen: zu Hause (in einem typischen Hamburger Hardcore-SPD-Haushalt), in der Schule, in der Journalistenausbildung und auch beim SPIEGEL. Er hat das alles auch brav, teilweise sogar mit Emphase, mitgemacht, bis er irgendwann merkte: Links sein ist nichts für mich. «Am Anfang versuchte ich, meine konservativen Neigungen zu unterdrücken. Ich redete mir ein, sie würden vorbeigehen wie jugendliche Hitzewallungen. (…) Das Schwierigste für jeden späteren Konservativen ist immer das Coming-out.»
Darüber hat Jan Fleischhauer ein scharfsinniges, scharfzüngiges Buch geschrieben, das für Diskussion sorgen wird (und will) – ein Buch der Entzauberungen, der Zerstörung von Legenden und Halbwahrheiten. BOOKMARKS hat den Autor zu linken Lebenswelten und konservativen Aufbrüchen befragt.
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Wen meinen Sie, wenn Sie von «links» sprechen – die Grünen, die Sozialdemokraten oder die Mitglieder der Linkspartei?
Die Linke, mit der ich mein Leben lang zu tun hatte, ist ein Milieu, das man am besten als Links-Bürgertum bezeichnen kann und das sich schnell an seinen Konsum- und Lebensgewohnheiten erkennen lässt, dieser Lebenswelt aus Biotheke, Tempo-30-Zone und Kinderladen, die sich über ganz Deutschland ausgebreitet hat und heute jedes Innenstadtquartier bestimmt. Links sein ist hier viel mehr als eine ideologische Zuschreibung, die sich an einer Parteipräferenz festmachen lässt, es ist ein Lebensgefühl. Wer links ist, lebt in dem schönen Gefühl, moralisch irgendwie privilegiert zu sein.
«Ein Mann sieht rot», heißt es in der Rowohlt-Verlagsvorschau über Ihr Buch. Sehen Sie tatsächlich so viel Rot, wenn Sie sich im Wahljahr 2009 die politisch-kulturelle Landschaft Deutschlands anschauen?
Jedenfalls ist der alte Gegensatz zwischen links und rechts wieder in Kraft. Bis vor kurzem hieß es doch immer, die alten politischen Unterscheidungen hätten ihre Bedeutung verloren, jetzt ist wegen der Krise allenthalben von der Renaissance der Linken die Rede. Die andere Seite hat übrigens in der politischen Berichterstatung nie eine Renaissance, da kann noch so viel passieren. Für Leute, die der Marktwirtschaft immer schon kritisch gegenüber standen, ist die Wirtschaftskrise ein Gottesgeschenk, weil sie einen jeder weiteren Argumentationsmühe enthebt. Man muss in einer Diskussion nur "Ackermann" oder "Wall Street" rufen, wenn sich jemand mit einem schüchternen Einwand hervortraut, und schon wackeln alle Umstehenden einverständig mit den Köpfen.
Sie wuchsen «links behütet» in einem Hamburger SPD-Haushalt auf. Erzogen von einer Mutter, die 39 Jahre treues SPD-Mitglied war, bis sie wegen Beck/Ypsilanti «die Partei» verließ. (Nicht verhindern konnte Frau Fleischhauer aber, dass sich ihr Sohn in jungen Jahren in Hamburg-Wellingsbüttel beinahe einer Top-Befreiungsbewegung angeschlossen hätte, den amerikanischen Black Panthers …) Haben Sie es je bedauert, nicht in einem konservativeren Elternhaus groß geworden zu sein?
Würde ich mit Ja antworten, müsste ich damit einräumen, dass ich mir andere Eltern vorstellen könnte. Außerdem hätten wir dann ja zuhause nichs zu streiten gehabt, oder mehr noch: Ich wäre vielleicht aus Protest ein Linker geworden. Es ist übrigens gar nicht so schlimm in einem Haushalt aufzuwachsen, in dem es amerikanische Konsumprodukte aus Prinzip schwer haben und kleinen Kooperativen beim Einkauf grundsätzlich der Vorzug gegeben wird, auch wenn die Kleiebrötchen aus ökologisch wertvollem Anbau wie Brickets schmecken. Andere Kinder müssen auf Grund ihres Glaubens ohne Koteletts groß werden und vier Wochen im Jahr fasten.
«Ich gehöre zu einer Generation, die gar nichts anderes kennt als die Dominanz der Linken …» Die Ära Helmut Kohl, die Kanzlerschaft Helmut Schmidts, die Gerhard-Schröder-Jahre, die Große Koalition unter Führung Angela Merkels – alles «Dominanz der Linken»?
Die Linke ist die kulturell dominierende Macht in Deutschland; sie bestimmt, wie die Dinge zu sehen und zu bewerten sind – das gilt für das Theater, die Kunst und in besonderer Weise die Meinungswirtschaft, in der ich seit 20 Jahren arbeite. Das Volk hingegen hängt störrisch seinen Vorurteilen an, deshalb haben es Linke ja auch so schwer, ganz nach oben an die Regierung zu kommen, denn das setzt in der Regel einen für jedermann zugänglichen Wahlgang voraus.
Viel Feind, viel Ehr’! Jede Menge linker Polit- und sonstiger Prominenz bekommt in Unter Linken ihr Fett ab, Oskar Lafontaine, Hans Mommsen, Jürgen Habermas, Erich Fried, Jens Jessen u.v.m. Erwarten Sie einen Aufschrei der Entrüstung nach Erscheinen Ihres Buches?
Die Hälfte ist tot, emeritiert oder im intellektuellen Vorruhestand, insofern erhoffe ich eine gewisse Schonung aufgrund geriatrischer Abnutzung. Anderseits sind alle Aufrufe zu Toleranz und Achtung von Minderheiten auf der Linken immer ganz schnell vergessen, sobald sie auf einen leidlich konservativen Menschen stößt. Wir werden sehen, welche Kräfte die Oberhand behalten. Aber was soll ich mich beklagen? Vermöbelt zu werden, gehört dazu.
Zu den lustigsten Passagen Ihres Buches zählt die Beschreibung des «Orkans» Wolf Schneider, der in Ihrer Berufsfindungsphase einst über Sie hereinbrach. Wodurch hat der Leiter der Hamburger Journalistenschule von Gruner + Jahr Ihr Verständnis von gutem Journalismus geprägt?
Schneider kannte keinen Betroffenheitsjournalismus, schon gar keinen Kitsch und keine Sentimentalität beim Schreiben, was ich für eine große Tugend zu halten gelernt habe. Bei verunglückten Sprachbildern schrieb er "Bäh" daneben, angeblich malte er in besonders schlimmen Fällen kleine Galgen, aber vielleicht ist das auch nur ein Gerücht. Ich habe jedenfalls enorm von ihm profitiert – vor allem hat er mir die Auge dafür geöffnet, dass ein realistisches Menschenbild den Journalisten weiter trägt als ein idealistisches.
Konnten Sie Rowohlt-Verleger Alexander Fest mittlerweile eigentlich erklären, weshalb die Linke und der Humor phänotypisch definitiv nicht zusammenpassen …?
Wer laufend gegen das Unrecht kämpft, gegen übermächtige Feinde und böse Machenschaften, dessen Gemütszustand ist notgedrungen etwas angespannt. Das ist durchaus hilfreich bei der Nachwuchsgewinnung, wie sich zeigt; den Reiz, den die Einschreibung bei der Linken ausübt, hängt unzweifelhaft mit ihrer Erregungsbereitschaft zusammen. Für den Humor allerdings ist die Daueraufgeregtheit Gift. Wenn Linke lustig sind, dann wider Willen oder in bewusster Distanz zu ihrer Gesinnung.
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Jan Fleischhauer
Rowohlt Digitalbuch
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