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Der Sommer naht. Dann steht die Zeit still. Ein Mädchen stürzt sich vom Dach ihrer Schule in den Tod. Die Tragödie um die Abiturientin Meret überschattet das Leben der drei Protagonisten von Jan Böttchers neuem Roman Das Lied vom Tun und Lassen. Musiklehrer Mauss geht seinen ganz eigenen Weg, die Jugendlichen aus ihrer lähmenden Trauer zu holen. Clarissa Winterhof verfolgt der Tod der Freundin bis in die Träume hinein – weshalb aber flieht sie ausgerechnet in die Arme des Schulgutachters Johannes Engler? Drei Perspektiven, eine Geschichte: schmerzend intensiv, still und poetisch.
«Glänzender Roman, großartiger Autor.» (Kultur Spiegel) «Immer wieder bleibt man in Jan Böttchers Prosa an schönen Sätzen hängen, an zarten Pointen.» (Der Tagesspiegel) Ein Sommerlied in Moll – mit eigens für diesen Roman geschriebenen Liedern auf www.janboettcher.com
Ob Mauss, Engler oder Clarissa, sie alle sind in ihrer Gedankenwelt eingesponnen, sie alle tragen die Last kleiner Geheimnisse oder großer Lebenslügen. Sie sprechen verschiedene Sprachen, sie beziehen sich aufeinander – und laufen doch aneinander vorbei. Kein Stoff für ein Happyend, wo soll das auch herkommen. Und doch geht es in jeder der drei Geschichten um Freundschaft und Nähe, um den Abschied von alltagsuntauglichen Illusionen, um den richtigen Moment für einen Neuanfang. Letztlich singen sie alle drei «das Lied vom Tun und Lassen, vom Kriegen und Verpassen. Das Lied von unsern Jahrn, vom Herunterfahrn und vom Neustart.»
Nicht für die Schule lernen wir, sondern fürs Leben: Wenn es an Merets Schule einen Lehrer gibt, für den diese Maxime etwas anderes ist als betulichen Bildungsbürgerkitsch, dann für den alternden Lehrer Immanuel Mauss. «Dieser Jahrgang oder keiner», so viel stand für ihn immer fest. Mit seinen Schülern duzt er sich, in den Pausen scharen sie sich wie Jünger um ihn; er sucht ihre Nähe, hilft ihnen bei der Umsetzung ihrer Ideen, bietet ihnen sein vor Musik und Büchern aus den Nähten platzendes Haus als Refugium. Vor allem bietet er nach Merets Tod den verstörten, trauernden Jugendlichen einen geschützten Raum, um aus der Schockstarre herauszufinden. Willkommen in Mauss' «Trauercamp».
Mit seiner verstorbenen Frau führt er innige Zwiegespräche. Ihr berichtet er von seinen Hoffnungen und Enttäuschungen; mehrmals in der Woche steht er an Mariannes Grab, um ihr sein Herz auszuschütten. Sie ist sein erster Adressat, sein liebendes Korrektiv. Das braucht er auch: Seinen Lehrerkollegen gilt er als kauziger Sonderling. Als Außenseiter, von riskant-romantischen pädagogischen Idealen ins Abseits geführt. «Die Rektorin bestellte mich ein und sagte, sie habe kaum die Macht, mich vor Bloßstellungen zu schützen, und dass es eben Eltern gebe, denen es nicht behagte, wenn ein Lehrer seine Schüler außerhalb des Unterrichts traf. Ich kämpfte nicht gegen die Eltern, ich kämpfte um Freundschaften.»
Sein Auftrag ist klar umrissen: Er soll die Hintergründe des Selbstmords von Meret Kugler aufklären. Stattdessen stürzt er sich in eine halsbrecherische Affäre mit der Abiturientin Clarissa, eine Liaison, die ihm nicht weiterhilft und die ihr Schmerz zufügt. Ohne Plan und Struktur irrt Engler durch das Schulleben, hospitiert hier und dort, sammelt ziellos Informationen. Dass er so jämmerlich an seinem Auftrag scheitert, Licht ins quälende Dunkel um Merets Suizid zu bringen, ficht ihn kaum an – er hat andere Probleme.
Sein Privatleben liegt in Trümmern. Er quält sich durch die Endphase seiner Doktorarbeit, lebt von Jobs, hat Frau und Kind in Potsdam zurückgelassen. Mit 35 fühlt er sich ausgelaugt, orientierungslos, gescheitert. Da kommt ihm Clarissa, das Töchterchen des Software-Millionärs Dr. Winterhof, gerade recht. Schuldgefühle quälen ihn dabei nicht: «Ich war in Clarissa hineingelaufen, weil ich sie gar nicht richtig hatte sehen können.»
Clarissa erzählt ihre Version der Geschichte in einer Art Tagebuchformat: als Blog der Band, mit der sie sich nach dem Abi auf eine (äußerst kuriose!) Europatournee begibt. Mit dem Bus ihres Vaters vagabundieren sie durch Deutschland und Frankreich bis nach Nordspanien. Im Tourtagebuch schreibt Clarissa über Musik, Begegnungen, das Suchen nach einem geeigneten Namen für ihre Folktruppe (sie einigen sich auf Animal Museums), die Eifersüchteleien unterwegs, den Fettgehalt französischer Croissants («Zucker und Fett machen träge und nett»). Und, direkt oder indirekt, schreibt sie immer über M. Über das Mädchen, das seinem Leben ein Ende setzte.
Was für «Manuel, ihren Wohltäter», die verstorbene Frau ist, ist für Clarissa die tote Mitschülerin. «War das Mädchen mit dem Gedanken an Befreiung in den Tod gesprungen? (…) Wie war ein Mensch beschaffen, der sich hinabstürzte» – diese Frage stellt sich niemand so radikal wie Mauss und Clarissa. Während der großen Reise taucht Meret immer wieder auf. Eine Erscheinung, die einfach um die Ecke geschlendert kommt oder aus einem See heraussteigt wie aus dem Nichts. «Die Berge verzerren alles. Aber M. habe ich gesehen, und niemand kann mir verbieten, es aufzuschreiben.»
In Clarissas Blog mischen sich Erfahrenes und Erfundenes. Der Blog ist der Ort, an dem die Lebenden und die Toten sich begegnen; der Ort, an dem Clarissa ihr eigenes Erwachsenwerden reflektiert und inszeniert. In der virtuellen Sphäre des Tourtagebuchs schärfen sich unmerklich die Bilder und Träume, die sie von ihrem eigenen Leben hat. Bis sie beschließt zurückzufahren. Und einen neuen Blick auf das zu werfen, was passiert ist und was jetzt vor ihr liegt.